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Handwerk in München:"Ich habe überhaupt kein gutes Zeitgefühl"

Geschäft Uhrenklinik in der Blumenstraße 25

Im Reich der alten Zeiger - Alexandre Romann restauriert und verkauft Uhren.

(Foto: Florian Peljak)

Alexandre Romann restauriert uralte Uhren. Eine in München derzeit gefragte Arbeit, die dauert. Besuch in einem Zeit-Labor mitten in einer gehetzten Stadt

Wie schnell die Zeit in einer Uhrenklinik vergeht? Gar nicht. Zumindest wenn man im Geschäft an der Blumenstraße 25 die verschiedenen Modelle betrachtet. Die kleinen Taschenuhren in der Vitrine, die Standuhren aus Holz oder auch die gold glänzende Cartel-Uhr auf einer Kommode, eine von sieben Stück, die Anfang des 18. Jahrhunderts vom damaligen französischen Hof-Schreiner André-Charles Boulle gefertigt wurden. Die würde Alexandre Romann, ein junger Mann mit kurzen schwarzen Haaren, für etwa 70 000 Euro verkaufen. Die Zeit vergeht gar nicht, weil die Uhren hier nicht gehen. Da ist es um kurz vor 11 Uhr am Dienstagvormittag unter anderem 8.30, 10.44 oder 5.40 Uhr, stundenlang. Im Nebenraum, wo Romann sitzt, die Lupe in einem Drahtgestell um den Hals gelegt und leicht verträumt auf das Modell "Die Leserin" blickend, tickt nichts. Die Uhren stehen. Aber steht auch die Zeit? Ganz im Gegenteil.

Wenn man so will, ist dieser kleine Laden, in der es noch um Email geht und andere Beschichtungen und weniger um E-Mail und andere Kommunikation, auf eine Art so richtig modern. Romann sagt: "Die Münchner und die aus dem Umland haben ziemlich viele Uhren." Und die bringen sie zu ihm. Seit Romanns Vater Henri, der aus Frankreich stammt, vor mehr als 40 Jahren das Geschäft eröffnete, hat sich einiges getan. Zuletzt wurde die Nachfrage immer größer.

Der 33-Jährige restauriert Uhrwerke, sein älterer Bruder Sébastien als Schreinermeister die entsprechenden Gehäuse. Kunden können ihre Uhren also an der Blumenstraße "in den Originalzustand versetzen lassen". Das bedeutet zwar meistens, dass man einige Hundert bis Tausend Euro bezahlen muss, aber in den meisten Fällen passiert das, was Romann "Wertsteigerung und Werterhalt" nennt. Deshalb kommen die Leute zu ihm. Wer in München keine Immobilien mehr kaufen kann, der investiert in Erbstücke. Wobei natürlich nicht jeder ein so teures Modell vom Königsschreiner Boulle daheim hat. Es geht trotzdem fast immer um hohe Summen. Romanns Bruder Sébastien erklärt einem Kunden um kurz nach elf Uhr an dem Vormittag, dass er für seine Uhr wohl 5000 bis 10 000 Euro investieren müsse. Aber das würde sich allemal lohnen.

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So wie für jeden Zeit eine andere Bedeutung hat, so ist es auch mit Uhren. "Schon im 18. Jahrhundert ging es um die Berechnung und das Lesen der Zeit, darum, die Zeit greifbar zu machen, aber eine Uhr war auch ein Schmuckstück", sagt Romann. Ein Statussymbol. Die sogenannte Wand-Cartel-Uhr neben Romann, groß und wuchtig wie ein 30-Liter-Bierfass, war auch nicht für den Normalbürger, sondern für Könige und deren Paläste. "Kleinere Uhren waren für Frauen und Kinder, die großen für Säle."Jede kleinste Verzierung ist Handarbeit.

Romann holt aus seiner Werkstatt eine weiße Platte von der Größe einer Spielkarte. Darauf ist ein schwarzes Zifferblatt zu sehen. Das Material ist Email, eine Mischung aus Glas und Sand. Zunächst wird die Platte gebrannt, in einem Holzkohleofen, dann werden die Zahlen aufgedruckt, die Platte wird noch einmal gebrannt, dann geformt. Allein dieses Zifferblatt, mit Originaltechniken in den Originalzustand versetzt, kostet 500 Euro. Romann musste eineinhalb Monate warten, bis es der Spezialist geliefert hat. Ist das jetzt viel Zeit oder wenig?

Warum die Faszination für alte Uhren, neben dem pekuniären Wert? Für viele habe eine alte Uhr eine Bedeutung, weil sie die Arbeit, die darin steckt, wertschätzen, sagt Romann. "Die Qualität solcher Uhren ist unerreicht, das könnte man heute mit den neusten Techniken nicht besser machen." Im Gegenteil. Das Wissen um manche Techniken beim Uhrenhandwerk ist verloren gegangen. In der Blumenstraße ist davon allerdings noch einiges erhalten. "Die Leute kommen aus ganz Deutschland zu uns", sagt Romann. Weil hier Uhren komplett restauriert werden, ob äußere Bronze-, Marmor- oder Holzarbeiten, Zeiger-Anfertigung oder Uhrwerk-Restaurationen. Diese umfassenden Arbeiten gebe es nur bei ihnen, sagt der Uhrmacher.

Manche wissen, wenn sie den Laden betreten, was sie da auf dem Dachboden gefunden haben, andere nicht. Sie haben die Hoffnung, ein möglichst wertvolles Erbstück ausgegraben zu haben. Die Größenordnung ist aber auch schwindelerregend. Ein Regulator, also eine Holzstanduhr, kann 5000 Euro kosten, aber auch 200 000. Es gibt Taschenuhren zum Preis von 250 000 Euro. Allerdings ist es derzeit so: "Eine Taschenuhr will kein Mensch mehr haben." Dafür alles aus dem 18. Jahrhundert. "Die Kombination aus Geschichte und Qualität ist da einfach einmalig." Die teuerste Serienuhr der Welt, daran haben Lange & Söhne acht Jahre gearbeitet, sagt Romann, kostet dann 500 000 Euro.

Die reine Arbeitszeit zum Herstellen einer guten Taschenuhr liegt bei bis zu zwei Monaten. Ist das nun wiederum viel Zeit? Und wie schaut jemand auf eine Uhr, in der schon so viel Arbeitszeit drinsteckt? Romann ist Handwerker, beim Thema Zeit und dem Reiz alter Chronografen schwenkt er schnell auf das eingängige Argument ein, dass die Leute das Handwerk eben schätzen würden. Aber dann sagt er einen nachdenklichen Satz über den Umgang und die Bedeutung eines handgemachten hochwertigen Uhrwerks: "Wenn man einen anderen Blick hat, schätzt man auch andere Dinge." Wer mehrfach täglich auf ein Ding schaut, das so viel Zeit bei der Anfertigung gekostet hat, der genießt den einzelnen Moment auch mehr? Vielleicht. Romann schaut auf die stillgelegten Zifferblätter um sich herum, lehnt sich zurück. "Wenn man einen Sekundenzeiger ticken sieht oder hört, dann hat man eine andere Beziehung zur Zeit, und wie sie vergeht. Zeit ist das wertvollste, was wir haben."

Jede Uhr tickt anders. Bei Pendeluhren hängt das von der Fadenlänge ab, sagt Romann. Manche ticken langsamer, näher am menschlichen Ruhepuls, und wirken auf manch einen beruhigend. Andere wiederum nervt jegliches Ticken. Romanns Freundin musste sich erst an das Ticken daheim gewöhnen. Dann irgendwann fehlte es ihr, wenn eine Uhr nicht mehr tickte. Die beiden sind seit 16 Jahren ein Paar. Auch hier: Ist das viel Zeit?

Romann selbst, der seit zwölf Jahren im Familienbetrieb mit Bruder und Vater arbeitet, hat auch eine Uhr. Wie es sich für einen Uhrmacher gehört, hat ihm die sein Großvater vermacht, selbst ebenfalls Uhrmachermeister, es ist ein Modell fürs Handgelenk. "Die ist von 1951, wurde für die Royal Air Force gemacht und heißt Mark 11." In der Arbeit trägt er die nicht. In seiner Werkstatt, bei der Arbeit, da kommt es auf Hundertstel-Millimeter an. Wenn er hauchdünne Zapfen in ein Uhrwerk einsetzt, Zapfen so dünn wie Haare, "ohne Lupe gar nicht zu sehen" und die, wenn man sie verkantet, sofort zerbrechen. Dann braucht man wohl die Fähigkeit, die Zeit auszublenden und ganz langsam zu arbeiten.

Wie schnell vergeht also die Zeit in der Uhrenklinik? Gar nicht, genau, aber das stimmt nur zur Hälfte. Denn wenn Romann arbeitet und seiner Freundin ankündigt, er komme um acht nach Hause, dann aber um halb elf erst wieder auf eine funktionierende Uhr schaut, vergeht die Zeit für ihn eben im Flug. "Ich habe überhaupt kein gutes Zeitgefühl", sagt Alexandre Romann. Oder eben ein geradezu ideales für seinen Beruf.

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