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Kleinbetrieb:Dieser Handwerker arbeitet nicht mehr für Ingenieure von Audi und Siemens

Michael Schmiedl

Michael Schmiedl will keinen Krieg anzetteln. Er will sich nur nicht alles gefallen lassen.

(Foto: privat)
  • Fliesenleger Michael Schmiedl aus Riedenburg bei Ingolstadt hatte häufig Probleme mit Audi- oder Siemens-Ingenieuren, die angebliche Mängel beklagten oder ihre Rechnungen nicht bezahlten.
  • Seit er keine Aufträge mehr von ihnen annimmt, hat der Handwerker deutlich weniger Scherereien - und bekommt viel Zuspruch für seine Aktion.

Er habe weder "einen Krieg anzetteln noch irgendjemanden verunglimpfen wollen", sagt Michael Schmiedl, Fliesenlegermeister aus Riedenburg bei Ingolstadt. Aber die Fakten seien nun einmal so, wie sie sind. Wenn es Ärger gebe mit Kunden, die immer alles besser wissen, angebliche Mängel reklamieren, ihre Rechnungen gar nicht oder nur zum Teil bezahlen oder gleich vor Gericht ziehen, dann seien das fast immer Ingenieure von Audi oder Siemens. Also hat Handwerker Schmiedl entschieden, von ihnen keine Aufträge mehr anzunehmen.

Das war 2016. Damals schon hat der Handwerker auf der Internetseite seines Vier-Mann-Betriebes angekündigt, für "Ingenieure, Doktoranden, Professoren" dieser Firmen nicht mehr zu arbeiten; sie könnten sich entsprechende Anfragen sparen. Ausnahmen gebe es keine, "Ausschluss bedeutet Ausschluss". Seither habe er drastisch weniger Ärger mit Kunden und nur ganz selten noch Zahlungsausfälle, sagt Schmiedl. Dafür erfährt er umso mehr öffentliche Aufmerksamkeit, seit der Donaukurier vor wenigen Tagen über den Boykott berichtete.

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Seither ist der 36-jährige Familienvater ein gefragter Interviewpartner, die Geschichte vervielfältigt sich rasant in den sozialen Medien und Schmiedls E-Mail-Postfach quillt über. Mehr als 2000 Menschen haben ihm nach seinen Angaben inzwischen geschrieben, "zu 98 Prozent nur positiv", überschlägt er kurz. Selbst Audianer und Siemensianer gäben ihm recht, dass der Anteil der Besserwisser, Kniefiesler, Pedanten und Streithansel unter ihren Ingenieuren besonders hoch sei.

Einige Zuschriften hat Schmiedl auf seiner Internetseite veröffentlicht, anonymisiert, aber er garantiert für ihre Echtheit. "Ich würde von mir selbst auch keine Aufträge annehmen", hat ihm demnach ein Audi-Ingenieur geschrieben, denn: "Es stimmt definitiv: Wir sind realitätsfremd." Viele gratulieren Schmiedl, berichten von eigenen, ähnlich schlechten Erfahrungen und ermuntern ihn: "Weiter so."

Seinem Vater, auch Fliesenlegermeister, sei es schon so gegangen wie ihm, erzählt der Bayer am Telefon, und auch viele Handwerkerkollegen würden jammern. Die Geschichten ähneln sich. Sie handeln in Schmiedls Fall von Ingenieuren, die selber Billig-Fliesen im Baumarkt kaufen und nach der Verlegung durch Schmiedl und seine Leute diese für Materialfehler verantwortlich machen. Einer habe Natursteinplatten bestellt und hernach Mängel geltend gemacht, weil diese naturbedingt unterschiedliche Oberflächenmuster hätten. Andere würden Millimeter-Abweichungen bemängeln, die man mit bloßem Auge nicht erkenne. Am Ende gehe es immer darum, die Rechnung zu drücken.

Um ausbleibende Aufträge macht er sich keine Sorgen

Warum aber ausgerechnet Audi- und Siemens-Ingenieure? "Die leben in einer anderen Welt", glaubt Schmiedl. Seine Theorie: "Die gehen beruflich mit Zulieferern auch so um und suchen das Härchen in der Suppe, um sie abzuzocken und im Preis zu drücken. Das übertragen sie auch auf ihr Privatleben und verhalten sich genauso." Beide Firmen übrigens haben sich zu Schmiedls Boykott bisher nicht geäußert; der ein oder andere aus diesen Berufsgruppen äußert sich im Internet schon pikiert.

Michael Schmiedl beeindruckt das nicht. Erstens sind seine Auftragsbücher auf längere Sicht voll (das Bauhandwerk erwartet für 2019 ähnlich gute Geschäfte wie in den vergangenen Jahren), zweitens scheint sich sein Boykott zur perfekten PR-Maßnahme zu entwickeln. Womöglich findet sein Beispiel auch Nachahmer. Viele Handwerker, sagt Schmiedl, boykottierten längst ebenfalls Audi- und Siemens-Ingenieure, ohne das offen zu kommunizieren. "Wenn da einer anruft, legen die Kollegen stattdessen einen Wahnsinnspreis hin oder behaupten, auf Jahre hinaus ausgebucht zu sein."

Die Lieblingskunden des Fliesenlegermeisters sind übrigens Polizisten. Bei denen läge "die Problemkundenquote bei null Prozent", sagt er. Warum? Polizisten seien Realisten, nah dran an Menschen und Wirklichkeit. Daher wüssten sie, was wirkliche Probleme seien, sagt Schmiedl, und regten sich nicht auf, wenn ein Bad zwei Zentimeter kleiner werde als geplant, oder eine Badewanne 198 statt der angegebenen 200 Liter fasse.

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