Glockenbachviertel Initiative fordert Fußgängerboulevard vom Viktualienmarkt bis zur Isar

Die Reichenbachstraße sei eine Parkplatzstraße, bemängeln Anwohner aus dem Viertel am Gärtnerplatz.

(Foto: Robert Haas)
  • Die Reichenbachstraße soll zum Fußgängerboulevard werden - das fordert die Initiative "Gärtnerplatz Fußgängerzone".
  • Letztlich soll eine Trasse für Fußgänger und Radfahrer vom Viktualienmarkt bis zur Isar entstehen.
  • Der Bezirksausschuss Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt mahnt Vorsicht an: Wichtig sei, eine Gentrifizierung infolge einer Aufwertung zu vermeiden.
Von Birgit Lotze, Ludwigsvorstadt/Isarvorstadt

Die Initiative "Gärtnerplatz Fußgängerzone" will die Reichenbachstraße zu einem Fußgängerboulevard machen. Sie fordert, Autos aus der gesamten Straße vom Viktualienmarkt über den Gärtnerplatz bis zur Fraunhoferstraße weitgehend herauszuhalten. Außerdem wünschen sich die Initiatoren, dass auch der kleine Abschnitt der Fraunhoferstraße bis zur Reichenbachbrücke vom Autoverkehr frei bleibt. So entstehe eine Trasse für Fußgänger und Radfahrer vom Viktualienmarkt bis zur Isar. Die Initiative hat bereits 600 Unterschriften für die autofreie Achse gesammelt.

Mehr als hundert dieser Unterstützer seien wie er aus dem Viertel, sagt einer der Initiatoren, Constantin Bös. Die Anwohner seien genervt von all den Autos. Derzeit sei die Reichenbachstraße vor allem "Parkplatzstraße", findet er. Die Fußgänger dagegen quälten sich über enge Gehsteige, mit Kinderwagen komme man an vielen Stellen gar nicht durch. Radfahrer lebten gefährlich im Viertel - vor allem auf der Fraunhoferstraße. "Es ist eigentlich jeden Tag Chaos", sagt Bös, "unter der Woche und am Wochenende sowieso." Dabei müsse das gar nicht sein. Auch nicht, dass "die ganzen Angeber den Gärtnerplatz als Showbühne" nutzten und ihn mit ihren Autos umkreisten - nur um zu sehen und um gesehen zu werden. "Wie im Zirkus."

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Die Initiative fordert nicht nur für die Reichenbachstraße, sondern für das ganze Gärtnerplatzviertel starke Einschränkungen für Autos. Nach ihrer Vorstellung werden die Baaderstraße, die Klenzestraße, die Aventin- und Buttermelcherstraße ebenfalls zu nur eingeschränkt befahrbaren "grünen Wohnstraßen". Zwei Achsen im Viertel sollten "ÖPNV und Wirtschaftsverkehr" aufnehmen - die Müllerstraße und ihre Verlängerung, die Rumfordstraße, sowie die Corneliusstraße. Die Fraunhoferstraße sähen sie gerne für Fahrradfahrer ausgebaut, sodass eine Radverbindung vom Sendlinger Tor zu den Isar-Radwegen entstünde.

Mehr Platz für Fußgänger, mehr Grün- und Freiflächen, breite Wege, Carsharing und Radfahrer - alles zu Lasten von Autos. Dafür müssten in erster Linie Parkplätze am Straßenrand weichen, sagt Bös, der Stadtplanung studiert hat. Dass ausgerechnet die Reichenbachstraße zu einer grünen, freizügigen Magistrale ohne Verkehr ausgebaut werden sollte, begründet Constantin Bös mit ihrer möglichen Funktion als zentrale Verbindung zwischen Altstadt und Isar. Viele Menschen bewegten sich schon heute durch sie, es gebe viele Geschäfte und Cafés, jetzt schon sei die Straße sehr lebendig.

"Aber man wird ständig durch parkende Autos blockiert, es ist einfach zu wenig Platz für die Leute, die da durch wollen oder durch müssen." Vom Ausbau zur Achse mit gesteigerter Lebensqualität profitierten nicht nur die Anwohner, die Radfahrer, die Ladenbesitzer und Cafébetreiber. Auch Touristen, die den Weg zur Isar bislang nur schwer finden, würden eine freizügige Gestaltung schätzen. Die Umgestaltung müsse mit einem neuen Verkehrskonzept einhergehen. "Da müssen viele Leute mitarbeiten", meint Bös mit Blick auf die Stadt.

Der Bezirksausschuss (BA) Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt nahm die Pläne der Anwohner-Initiative grundsätzlich positiv auf. Allerdings müsse man viel Zeit mitbringen, wolle man sie durchsetzen - und gleichzeitig Gentrifizierung infolge einer Aufwertung vermeiden. "So ein Umdenken dauert. Wenn man es übers Knie bricht, dann scheitert das Projekt", sagte Alexander Miklosy (Rosa Liste), der BA-Vorsitzende.

Die Stadtviertelpolitiker haben bereits mehrere behutsame Anläufe unternommen, mehr Grün ins Viertel zu bringen - in der Reichenbachstraße war es am Ensembleschutz gescheitert, in der Fraunhoferstraße an unterirdischen Leitungen. Erneuert wurde der Gärtnerplatz, doch diese Umgestaltung erweist sich nicht als unproblematisch - sie hat zwar den Anwohnern genützt, allerdings wird der Platz auch gerne von lauten Feiernden angenommen. Miklosy erinnerte auch daran, dass die Anwohner sich in einer Befragung dagegen ausgesprochen hätten, ihr Viertel mit temporären Sperrungen, Fußgängerzonen oder Einbahnstraßen aufzuwerten.

Eine andere Initiative zur Straßenberuhigung erregt im Viertel derzeit allerdings Unmut: Die Fraktion FDP-Hut im Stadtrat fordert, den vorderen Teil der Thalkirchner Straße zwischen Müller- und Fliegenstraße zumindest zeitweise im Sommer zur Fußgängerzone zu machen. "Für uns Anwohner ist das eine Art Kriegserklärung", sagte ein Bürger im BA. In den vergangenen Jahren habe sich die Kneipendichte an dieser Stelle stark erhöht. Eine Fußgängerzone bedeute mehr Flächen zum Feiern und mehr Partyvolk, sagte er. "Und für uns mehr Lärm, Ärger, Schmutz und Streitereien."

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