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Bundesnachrichtendienst:Wie aus einem schlechten Agentenfilm

70 Jahre Auslandsgeheimdienst in Pullach

1947 zog die "Organisation Gehlen" als Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes in den Münchner Vorort.

(Foto: dpa)
  • Vor 70 Jahren zog die "Organisation Gehlen" nach Pullach. Aus ihr entwickelte sich später der Bundesnachrichtendienst (BND).
  • Der Standort Pullach war vermutlich ein Fehler: In Bonn wurden die Erkenntnisse aus Bayern oft kaum ernst genommen. Einige Bundeskanzler äußerten sich herablassend.
  • Besondere Nähe unterhielt der Dienst allerdings einige Jahre zur CSU.

Mit Verachtung, Spott und Misstrauen reagierte viele Jahre die Politik außerhalb Bayerns auf Aktivitäten des Bundesnachrichtendienstes (BND). CDU-Kanzler Ludwig Erhard verwies den Verbindungsstab der Geheimen aus der Dachstube des Kanzleramts, weil er "mit solchen Leuten" nichts zu tun haben wollte. Der SPD-Kanzler Helmut Schmidt höhnte über den "Dilettantenverein". Er ziehe den Berichten des Dienstes die Lektüre der Neuen Zürcher vor, sagte er. Auch Altkanzler Helmut Kohl (CDU) hielt von den Analysen der Geheimen wenig: Wenn "ich jetzt etwas sage", spottete Kohl, "dann lesen die das. Und eine Woche später habe ich eine vertrauliche Nachricht, deren Kernpunkt meine Einschätzung ist".

Das "Verhältnis der classe politique zu den Geheimdiensten" sei "gestört", diagnostizierte vor etlichen Jahren der frühere BND-Präsident Hans-Georg Wieck, ein ehemaliger Diplomat. Den Grund der Störung nannte er auch: Der Standort Pullach sei ein Fehler gewesen. Wäre der BND nicht im Isartal, sondern am Rhein, jedenfalls irgendwo in der Nähe von Bonn angesiedelt worden, hätte es möglicherweise ein "Vertrauensverhältnis der politischen Klasse gegenüber dem Dienst" geben können.

Fotos aus Pullach

Still und dunkel steht die BND-Zentrale

Es spricht manches für die Richtigkeit dieser Analyse. Aus Sicht des BND und aus Sicht des Landes auch war der Standort Pullach vermutlich ein Fehler.

Informationen des Dienstes, Nachrichten des Dienstes wurden - anders als heute in Berlin - von den Regierenden in Bonn kaum zur Kenntnis genommen. Was aus Pullach kam, wurde meist nicht gelesen. Es gab in den Achtzigerjahren Überlegungen, wenigstens die Leitung des Dienstes und die für die Auswertung zuständige Abteilung in die Nähe Bonns umzusiedeln. Das hätte der Regierung helfen können zu verstehen, nach welchen Kriterien die vom BND ihre Meldungen auswerten, auch hätte das die Kontrolle erleichtert, aber der Dienst machte nicht mit. Jeder dritte Geheimdienstler war ein waschechter Bajuware. Im Rheinland würde der Dialekt auffallen, sagten die in Pullach.

Eigentlich begann das Problem schon mit der Örtlichkeit Pullach. Während beispielsweise der amerikanische Geheimdienst CIA eine großzügig beschilderte Zufahrt in Langley bei Washington hat, betrieb der BND viele Jahre so etwas wie Mimikry. Offiziell residierte in Pullach die "Bundesvermögensverwaltung, Abteilung Sondervermögen, Außenstelle München". Keiner sollte wissen, was doch jeder wusste: Links und rechts der Heilmannstraße hatte der deutsche Auslandsgeheimdienst seine Zentrale.

Der BND, duckte sich weg, er versteckte sich - und liebte gleichzeitig den Mummenschanz. Fast jeder bekam früher beim Eintritt in den Dienst einen Decknamen verpasst, was andererseits manchem Mitarbeiter das Gefühl außerordentlicher Wichtigkeit gab. Offiziell durfte man die richtigen Namen der anderen nicht kennen. Bei Privateinladungen wurden manchmal sogar Klingelknöpfe überklebt.

Absolute Geheimhaltung schien wichtiger zu sein als professionelle Analyse. Wenn eine Ehefrau, die von der Sicherheit nicht überprüft worden war, ihren Mann nach einem der zahlreichen Betriebsausflüge abholte, konnte es passieren, dass der Gatte danach strafversetzt wurde. Seine Frau konnte ja die Gesichter der anderen gesehen haben. Nach der Wende stellte sich heraus, dass in östlichen Dateien 6800 BND-Mitarbeiter registriert waren: Mit Klarnamen, Decknamen, Arbeitsnamen.

All diese Wichtigtuereien, die in den Neunzigerjahren mehr oder weniger gestutzt wurden, waren schon ein bisschen Pullach-typisch. Als "voralpenländischen Kaffeetrinkerverein" hat ein früherer BND-Präsident den Dienst mal bezeichnet. Der BND war ein Kind des Kalten Krieges und so agierte er auch nach innen. Der erste Präsident, Reinhard Gehlen, umgab sich mit Ex-Nazis, ehemaligen Wehrmachtsoffizieren, und der Feind stand links. Überall. Den Unterschied zwischen NS-Diktatur und Demokratie hatte nicht jeder Mitarbeiter verstanden.