Fürstenfeldbruck Demo mit massiver Polizeieskorte

Asylbewerber beklagen sich über die Verhältnisse in ihrer Unterkunft. Ein Großaufgebot an Sicherheitskräften eskortiert den Protestzug, den die "Revolutionäre Linke" organisiert.

Von Stefan Salger, Fürstenfeldbruck

Polizeibeamte begleiten den Protestzug von der Erstaufnahmestelle im Fliegerhorst bis in die Fürstenfeldbrucker Innenstadt.

(Foto: Stefan Salger)

Flankiert von einem Großaufgebot der Polizei haben an die hundert Bewohner der Asyl-Erstaufnahmestelle am Fliegerhorst am Samstagnachmittag gegen angebliche Misshandlungen durch Sicherheitskräfte sowie die aus ihrer Sicht unzureichenden Lebensbedingungen in der Sammelunterkunft und die Perspektivlosigkeit demonstriert. Mit Transparenten zogen sie zum Marktplatz, der für die gut einstündige Kundgebung komplett gesperrt war. Die Veranstaltung verlief ohne Zwischenfälle. Asylhelfer und Brucker Politiker äußerten sich kritisch über den Veranstalter der Demo, die "Revolutionäre Linke". Durch die Unterstützung extremer Gruppen bestehe die Gefahr, dass auch berechtigte Anliegen der Asylbewerber diskreditiert würden, hieß es.

In der Unterkunft leben derzeit 1000 Menschen

Gegen 14 Uhr verlassen die ersten Bewohner die Unterkunft am Fliegerhorst. Sie bringen selbst gestaltete Plakate und Transparente mit, auf denen "Stoppt die Brutalität der Polizei", "Wir brauchen Integration" oder auch "Das Lager macht uns krank" steht. Die "Revolutionäre Linke" hat ebenfalls Transparente mitgebracht - mit politischen Parolen wie "CSU-Geschwätze: Rassistische Hetze". Auch Vertreter von Die Linke reihen sich in den Demonstrationszug ein. Ernestine Martin-Köppl aus Emmering, die jüngst für den Landtag kandidiert hat, schwenkt eine Fahne ihrer Partei.

Das Grüppchen der "Revolutionären Linken" wird von Marius Rautenberg angeführt, der die Demo angemeldet hat. Sie haben einen Handwagen mitgebracht. Aus einer großen Lautsprecherbox dringen lockere Reggaestücke ebenso wie aktuelle Protestsongs wie "Hurra, die Welt geht unter" von K.I.Z. Ein paar Meter entfernt stehen Nina Vallentin, die Leiterin der Brucker Polizeiinspektion, und ihr Vize Michael Fischer. Gemeinsam mit einigen Kollegen zeigen sie Präsenz, auch durch den vor der Pforte geparkten Streifenwagen. Es sind auch viele Sicherheitskräfte in Zivilkleidung sowie zwei Beamtinnen im Einsatz, die an ihren Westen als Mitglieder der Verhandlungsgruppe für Krisensituationen erkennbar sind. Martialischer sehen die zahlreichen Beamten der Bereitschaftspolizei in ihren schwarzen Overalls mit Helmen, Schutzpanzerung und Schlagstöcken aus.

Die Strategie ist klar: Auch kleinere Handgreiflichkeiten, wie es sie noch bei einer Spontandemonstration der Asylbewerber im April gegeben hatte, sollen bereits im Ansatz unterbunden werden. Diesmal gab es genügend zeitlichen Vorlauf, um sich vorzubereiten. Und so steht den etwa 80 Demonstranten, die sich kurz nach zwei Uhr nachmittags auf den Weg Richtung Rathaus machen, eine Übermacht der Polizei gegenüber. Wie viele Beamten im Einsatz sind, will Vallentin nicht verraten. Die mehr als 15 in der Lützowstraße geparkten Kleinbusse sprechen aber Bände. Später deutet der Einsatzleiter der Bereitschaftspolizei an, dass man auch für eine überraschend hohe Beteiligung gerüstet sein wollte - in der Unterkunft sind zurzeit fast tausend Menschen untergebracht.

Der Veranstalter hat mit weniger Teilnehmern gerechnet

Mit etwa 50 Teilnehmern hatte Rautenberg gerechnet, letztlich kommen etwa doppelt so viele. Dass sich nicht noch deutlich mehr angeschlossen haben und sich auch mehr Fürstenfeldbrucker für Demo und Kundgebung interessieren, das führen Politiker und Asylhelfer darauf zurück, dass sich die Bewohner von den politisch weit links stehenden Gruppen hätten vereinnahmen lassen. Willi Dräxler, Integrationsreferent des Stadtrats (BBV) und einer der größten Kritiker der seiner Überzeugung nach überdimensionierten Sammelunterkunft, verfolgt den Protestzug ebenso wie zahlreiche Stadtratskollegen und Asylhelfer aus der Distanz. Oberbürgermeister Erich Raff fährt mit dem Fahrrad voraus.

Viele Stadträte und Asylhelfer wie Dirk Hasenjaeger räumen offen ein, dass sie die Forderungen der vor allem aus Nigeria stammenden Bewohner gut verstehen (Raff: "Ich habe da in gewisser Weise Verständnis, in der Erstaufnahme passt was nicht"), dass sie aber fürchten, dass die Sache durch "die falschen Fürsprecher" (Dräxler) politisch instrumentalisiert wird und dadurch der Kredit der Asylbewerber bei der Bevölkerung eher schwindet. Das scheint sich zu bestätigen. Die wenigen Passanten, die am Straßenrand zuschauen, sind offenbar eher skeptisch.

Da werde für einen solchen Großeinsatz der Polizei viele Geld ausgegeben, bemängelt ein Mann. Und eine ältere Dame, die ihre Fahrrad schieben muss, schüttelt den Kopf auf die Frage, ob sie Verständnis für den lautstarken und per Megafon zum Ausdruck gebrachten Protest habe. An der Maisacher Straße, gegenüber dem mit rot-weißen Bändern und Polizeibussen abgesperrten Gerblpark, äußert sich ein Passant recht rüde und wird von mehreren streng blickenden Bereitschaftspolizisten nachdrücklich abgeschirmt. Und am Marktplatz hält eine Frau ein Schild mit der Aufschrift "Wohl vom Stamme Nimm?!" hoch, mit dem sie der Kritik an der Unterbringung entgegentritt.

Ein Handyfoto zeigt einen Kindersarg

Unter den Demonstranten ist auch Issac Humphrey, 47, aus Nigeria. Auf den Aussagen seiner 33-jährigen Frau beruht ein Satz im offiziellen Aufruf zur Demonstration, der hohe Wellen geschlagen hat. Angeblich hat die schwangere Frau wegen einer Tätlichkeit der Security-Mitarbeiter in der Unterkunft ihre Zwillinge verloren. Massive Vorwürfe, die noch zu klären sind. Es habe Mitte Juni einen Disput an der Pforte gegeben, bekräftigt Humphrey. Dabei sei seine Frau gestürzt. Im Krankenhaus sei es anschließend zur Totgeburt gekommen. Humphrey spricht nicht mehr von Zwillingen, sondern von einem Kind. Er zeigt Fotos auf seinem Handy von der Beerdigung und verspricht, Dokumente über die Todesursache zu liefern.