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Präventionsprojekt "Aufgschaut":Schreien, treten, um sich schlagen

Wie sich Kinder im Notfall gegen einen 90-Kilo-Mann zur Wehr setzen können, erklären Christina Bauer und Bettina Prüglmeier von der Freisinger Polizei in Schulen und Kindergärten.

Interview von Eva Zimmerhof, Freising

Gellend hallt der Schrei durch die dunklen Gänge der Sternschule. Der Schrei, ein Wort: "Stopp!" Er ist hinter einer Tür hervorgedrungen: Dahinter sitzen an kleinen Tischen viele Mütter, auch zwei Väter sind zu dem Infoabend des Gewaltpräventionsprojekts "Aufgschaut" der Polizei gekommen. Beim Schrei zucken alle zusammen, denn bis eben hatte die kleine blonde Polizistin noch in ruhigem Tonfall erklärt, dass Kinder heutzutage viel zu sehr auf Inseln leben, die Wege zu Schule, Sportverein und Freunden kaum noch alleine gehen und darum keine Selbständigkeit mehr lernen. Eltern sollten ihre Ängste überwinden, sagt Bettina Prüglmeier, und die Kinder lernen zu handeln, wenn sie angegangen werden: Das laute "Stopp" etwa funktioniert. Darum trainieren Bettina Prüglmeier und Christina Bauer von der Freisinger Polizei regelmäßig mit Schul- und Kindergartenkindern. Der SZ erklären sie, wie sich Kinder wehren können.

SZ: Wenn ein Kind angegriffen wird, nützt ihm dann Selbstverteidigung etwas?

Bauer: Es gibt keinen Griff, mit dem sich ein Kind gegen einen 90-Kilo-Mann wehren kann.

Auch nicht mit Karate-Schlagtechniken?

Bauer: Natürlich kann ein Kind einem Erwachsenen eine reinhauen. Die Frage ist, ob das was hilft. Wenn sich ein erwachsener Mensch auf ein kleines Kind drauf setzt, kann es sich weder bewegen noch wehren.

Was können Kinder überhaupt tun?

Bauer: Wir erklären den Kindern ihre Handlungsmöglichkeiten: Falls sie nicht weglaufen können, sollen sie sich auf den Boden werfen, sich schwer machen, schreien, treten und um sich schlagen. So ein Kind kann man nicht wegtragen. Und wenn es schreit, bekommt es die Aufmerksamkeit der Leute.

Dann ist bei den Übungen, die Sie mit den Kindern machen, ganz gut was los?

Prüglmeier: Ja. Wir verwandeln uns von freundlichen Polizeibeamten zu ekelhaften Megamachos und verkleiden uns dazu auch. Wenn ein Kind im Projekt entsprechend reagiert, honorieren wir das mit Applaus.

München, Giesing, Grundschule an der Ichostraße, Selbstbewusstseinstraining,

Kinder sollten früh lernen, wie sie sich richtig verhalten, wenn sie von einem Unbekannten bedrängt werden.

(Foto: Angelika Bardehle)

Können kleine Kinder das schon umsetzen? Auch in der Realität?

Prüglmeier: Die Kinder können das zum Teil sehr gut . . .

Bauer: Aber es gibt auch einige, die sind so unbedarft. Da machen wir zwei, drei Durchgänge und jedes Mal gehen die mit dem bösen Macho mit. Es ist immer eine Gratwanderung. Denn auf der anderen Seite ist es wichtig, dass Kinder eine unbeschwerte Kindheit haben und nicht vor jedem Nachbarn Angst bekommen. Prüglmeier: Wir können in den anderthalb Projektstunden eben nur einen Grundstock legen. Die Hauptarbeit liegt bei den Eltern.

Was können die Eltern tun?

Prüglmeier: Immer wieder mit den Kindern sprechen, aber so, dass sie keine Angst kriegen. Man kann zusammen überlegen, wann man einen Menschen eigentlich kennt - und wann nicht. Wen kennt man gut genug, um mit ihm mitzugehen? Es gibt zum Beispiel das Buch "Ich geh doch nicht mit jedem mit". Darin wird es gut erklärt.

Bauer: Kinder sollen wissen: Mein Körper gehört mir. Und Eltern können mit ihren Kindern wiederholen, was sie notfalls tun können. Bei "Aufgschaut" zeigen wir ihnen die Handlungsweisen: Was mache ich, wie ziehe ich Aufmerksamkeit auf mich. Ich schreie zum Beispiel laut "Feuer" oder "Stopp". Dann gucken die Leute auch. Prüglmeier: Kinder sollten bei Fremden außerdem beim "Sie" bleiben . . .

Bauer: "Gehen Sie weg" ist für Außenstehende ein eindeutiges Zeichen, dass es sich bei dem Mann dort nicht um den Papa handelt.

Wie reagieren Kinder auf die Spiele, die Sie mit ihnen machen?

Prüglmeier: Sehr gut, sie machen gerne mit. Mit den Spielen wird auch der Zusammenhalt der Klasse gestärkt und vermittelt, wie Zivilcourage funktioniert - und es gibt natürlich Gummibärchen. Die Kinder sind sehr interessiert. Gleichzeitig erfahren wir einiges über die Kinder. Beim Spiel Tornado sitzen sie zum Beispiel im Kreis. Dann wirbeln alle in der Mitte herum, die eine Jeans tragen. Dann die, die noch kein Frühstück hatten. Dann die, die auch kein Abendessen hatten.

Selbstbehauptung lernen

Die Freisinger Polizei bietet bereits seit 1997 Projekte zum Schutz von Kindern und Jugendlichen an. Das Programm der bayerischen Polizei umfasst vier Kurse zu Gewalt- und Suchtprävention und Medienkompetenz. Die Angebote sind auf die verschiedenen Altersstufen abgestimmt, dazu gehören: "Aufgschaut" zur Selbstbehauptung und Zivilcourage für Kindergarten- und Grundschulkinder, für die ganz Kleinen also. "Zammgrauft" richtet sich als Antigewalt- und Zivilcouragetraining an Kinder und Jugendliche ab zehn Jahren, "Sauba bleim" zur Sucht- und Drogenprävention an Jugendliche ab zwölf Jahren und "Sei gscheit" ist ein Medienkompetenzprojekt für Kinder und Jugendliche.

Die Nachfrage seitens der Schulen und Kinderbetreuungseinrichtungen steigt. Erzieher, Lehrer und Sozialpädagogen können sich von der Polizei auch als Multiplikatoren der jeweiligen Kurse ausbilden lassen. zim

Bauer: Die Kinder sollen bei den Übungen auch werten, was Gewalt ist. Ist Schlagen normal? Ab der vierten, fünften Klasse erkennen sie in der Regel auch, was psychische Gewalt ist.

Sind die Kinder gegen Gewalt?

Bauer: Ja. Aber was Gewalt ist, kann jeder anders empfinden. Wir erklären den Kindern: Spaß ist es nur, wenn alle lachen. Wenn einer nicht darüber lacht, hört der Spaß schon auf.

Was tun Sie, wenn Sie bemerken, dass ein Kind anscheinend Gewalt erlebt hat oder sogar regelmäßig erlebt?

Prüglmeier: "In erster Linie reden wir mit den Erziehern und Sozialpädagogen, damit es weiter beobachtet wird. Wenn sich der Verdacht dann erhärtet, leiten sie es an die entsprechenden Stellen weiter.

Wie oft fragen Schulen und Kindergärten bei Ihnen wegen "Aufgschaut" nach?

Prüglmeier: Wir haben das Gefühl: Die Nachfrage wird immer größer.

© SZ vom 12.04.2017/zim

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