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Corona-Folgen:Die zweite Pandemie

Fertigprodukte - Tiefkühlpizzen auf einem Laufband

Tiefkühlpizzen sind in den Corona-Monaten sehr gefragt. Zu viel Fastfood aber führt bei vielen Menschen zu einer Gewichtszunahme.

(Foto: dpa)

In der Corona-Krise haben viele an Gewicht zugelegt, das zeigt eine Studie der TU München. Ernährungsmediziner und Sportwissenschaftler warnen vor den gesundheitlichen Folgen.

Von Petra Schnirch

Die Isolation während der Corona-Pandemie drückt vielen Menschen nicht nur aufs Gemüt, sondern macht sich auch in zusätzlichen Pfunden bemerkbar. Das zeigt eine Studie der TU München (TUM). Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, in den vergangenen Monaten zugenommen zu haben. Fast die Hälfte bewegte sich weniger als vor Beginn der Pandemie. Besonders stark betroffen waren jüngere Menschen, die ohnehin mit Übergewicht oder Adipositas zu kämpfen haben - dieser Personenkreis gilt aber auch als besonders gefährdet, schwer an Covid-19 zu erkranken. Der Weihenstephaner Ernährungsmediziner Hans Hauner spricht deshalb von einer "anderen Pandemie".

70 Prozent der Befragten gaben an, dass sie die Corona-Zeit belaste, bei 22 Prozent ist das sogar sehr stark der Fall. Über die Hälfte - 52 Prozent - sagten, dass sie sich weniger bewegten als vorher, darunter vor allem jüngere Männer. Ein Drittel isst darüber hinaus mehr aus Lust oder Langeweile. Dies blieb nicht ohne Folgen: 39 Prozent haben in den vergangenen Monaten zugenommen, im Schnitt 5,5 Kilogramm. Bei Personen mit einem Body-Mass-Index über 30 waren es sogar 7,2 Kilogramm. "Das ist eine Menge Holz", sagte Hauner, der an der TUM den Lehrstuhl für Ernährungsmedizin inne hat.

1001 Erwachsene sind befragt worden

Die Ergebnisse der Studie stellte er am Mittwoch gemeinsam mit seiner Kollegin Renate Oberhoffer-Fritz bei einem Expertengespräch des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin vor. Für die Forsa-Online-Umfrage waren im April 1001 Erwachsene zwischen 18 und 70 Jahren durch ein systematisches Zufallsverfahren ausgewählt worden. Ein Viertel von ihnen befand sich zumindest zeitweise im Home-Office.

"Emotionen, Stress und Essen hängen eng zusammen", folgerte Hauner. Besonders die jüngeren Erwachsenen bis 44 Jahre oder Personen mit Übergewicht griffen bei ihrem zusätzlichen Konsum überwiegend zu ungesunden Produkten wie Süßigkeiten, Kuchen, Fastfood, Knabbereien und zuckerhaltigen Getränken. Nur 34 Prozent gaben an, selber zu kochen. Elf Prozent haben während der Pandemie allerdings abgenommen, im Schnitt 6,4 Kilogramm. Auch das könne eine Folge der seelischen Belastung durch die Pandemie sein, sagte Hauner. Wie gefährlich Übergewicht im Zusammenhang mit einer Corona-Infektion ist, zeigte er anhand einer Studie aus England. Aus dieser geht ganz klar hervor: Je höher der Body-Mass-Index desto größer ist die Wahrscheinlichkeit einer Krankenhausbehandlung - und das Risiko, an Covid-19 zu sterben.

Eine gesunde Ernährung stärkt das Immunsystem

Hauners Empfehlung: In Zeiten von Corona sei eine ausgewogene, gesunde Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Vollkornprodukten, wenig Fleisch, Wurst, Fastfood und Süßigkeiten besonders wichtig. Dies wirke sich auch positiv auf das Immunsystem aus. Auf das Körpergewicht sollte stets geachtet werden. Ein weiterer zentraler Punkt ist die Bewegung.

Laut den Leitlinien der Weltgesundheitsorganisation sollte man regelmäßig mindestens zweieinhalb Stunden in der Woche aktiv sein, sagte Renate Oberhoffer-Fritz, Inhaberin des Lehrstuhls für Präventive Pädiatrie an der TUM. Dazu gehöre auch Garten- oder Hausarbeit. Zweimal die Woche sollten größere Muskelgruppen gestärkt werden, dies diene auch als Sturzprophylaxe im Alter. Kontraproduktiv sei das ständige Sitzen vor dem Bildschirm. Sie empfahl deshalb, zwischendurch zum Beispiel bei Telefonkonferenzen auch einmal aufzustehen.

Der Ausgleich im Sportstudio ist weggefallen

Mit dem fehlenden Zugang zu den Fitnessstudios während des Lockdowns sei für viele eine Möglichkeit weggefallen, seelischen Stress zu kompensieren, sagte die Wissenschaftlerin. Sport trage dazu bei, die Immunabwehr zu stimulieren. Auch die soziale Komponente sei weggefallen. Das alles könne dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Depressionen zugenommen habe.

Das Fazit der Studie ist für die beiden Wissenschaftler Grund zur Besorgnis. Lebensstil und Lebensqualität vieler Menschen hätten sich wegen Corona verschlechtert. Es sei zu befürchten, dass dadurch viele chronische Wohlstandskrankheiten begünstigt würden. Und: Damit entstehe ein "Teufelskreis", warnte Hauner, weil sich "Adipositas- und Corona-Pandemie gegenseitig verstärken".

© SZ vom 04.06.2021/mmo
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