Kinder in der Corona-Pandemie:Weniger Bewegung und mehr Süßigkeiten

Haribo

Die Corona-Pandemie hat spürbare Auswirkungen auf den Süßigkeitenkonsum von Kindern.

(Foto: Caroline Seidel/dpa)

Experten stellen bei einer Podiumsdiskussion eine Studie über das Ernährungsverhalten von Kindern und Familien während der Corona-Pandemie vor.

Von Sara Livadas, Freising

Dass Corona den Alltag verändert hat, lässt sich kaum bestreiten. Social-Distancing, Masken und Plexiglasscheiben sind die deutlich spürbaren Folgen der Pandemie. Nicht so sichtbar ist der Einfluss, den Covid-19 auf das Ernährungsverhalten der Menschen hat. Diesem Thema haben sich Experten des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München (TUM) mit Sitz in Freising gewidmet. Das Fazit: Kinder haben deutlich mehr Süßes konsumiert.

Ganz Corona-konform fand die Podiumsdiskussion mit dem Titel "Veränderung von Lebensstil und Ernährung während der Corona-Pandemie" mit dem Schwerpunkt Familien und Kinder virtuell statt. Um genaue Erkenntnisse über das Thema zu sammeln, hatten die Ernährungsmediziner eine Studie in Auftrag gegeben. Das Meinungsforschungsinstitut Forsa befragte dazu im September 1000 Elternteile von Kindern bis 14 Jahren in einem systematischen Zufallsverfahren. Die Ergebnisse stellten nun Hans Hauner (Direktor des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums) und Berthold Koletzko (Else-Kröner-Professur für Pädiatrie) vor. Mit den Worten, dass auch in turbulenten Zeiten "ein Blick über den Tellerrand, oder besser gesagt auf den Teller", nicht vergessen werden sollte, hatte Ulrike Schneider (Else-Kröner-Fresenius-Stiftung) die Veranstaltung zuvor eröffnet. Interessierte Bürger konnten diese über Youtube verfolgen und anschließend Fragen stellen.

Rund die Hälfte der Zehn- bis 14-Jährigen hat sich weniger bewegt

Die vorgestellte Studie zeigt, dass rund die Hälfte der Zehn- bis 14-Jährigen sich während der Corona-Zeit weniger bewegt. Seit Beginn der Pandemie essen Jugendliche mehr Süßigkeiten wie Schokolade, Gummibärchen und Eis, aber auch mehr Obst. Vor allem Jungen konsumieren demnach häufiger als vorher Knabberartikel (20 Prozent), Süßigkeiten (22 Prozent) und Softdrinks (zwölf Prozent). Insbesondere zehn- bis zwölfjährige Kinder konnten während des Lockdowns süßen (23 Prozent) oder salzigen (28 Prozent) Versuchungen seltener widerstehen. Eine Zunahme des Körpergewichts ist deshalb laut der Umfrage besonders in dieser Altersgruppe zu beobachten, wobei Jungen doppelt so häufig (27 Prozent) betroffen sind wie Mädchen (14 Prozent).

Kinder in der Corona-Pandemie: Hans Hauner, Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin am Wissenschaftszentrum Weihenstephan.

Hans Hauner, Leiter des Lehrstuhls für Ernährungsmedizin am Wissenschaftszentrum Weihenstephan.

(Foto: Marco Einfeldt)

Insgesamt hat sich, das belegt die Studie ebenfalls, bei neun Prozent der untersuchten Kinder eine Zunahme des Körpergewichts gezeigt. Doch diese Zahl muss auch eingeordnet werden. Laut Koletzko ist sie sehr hoch, wenn man bedenkt, dass es sich bei der beobachteten Periode nur um einen sehr kurzen Zeitraum von zirka sechs Monaten handelt. Auffällig ist laut der Untersuchung auch der Fakt, dass die sozioökonomische Umgebung der Kinder eine entscheidende Rolle spielt: Die Wahrscheinlichkeit einer Zunahme des Körpergewichts ist demnach bei geringerer elterlicher Bildung häufiger (23 Prozent) als bei einem mittleren (neun Prozent) oder höheren Schulabschluss (sieben Prozent) der Eltern. Hier sieht der Wissenschaftler die Schulverpflegung als ein wichtiges Werkzeug zum Gegensteuern an. Die Entwicklung sei bei diesem Thema sehr erfreulich, bilanzierte Koletzko, die Erkenntnis, dass Ernährung eine wichtige Rolle spielt, habe sich bereits durchgesetzt.

Essen zur emotionalen Entlastung

Abseits der Umfrage wandte sich Hauner während der Podiumsdiskussion auch den psychologischen Auswirkungen der globalen Krise zu. Er berichtete von einer Studie aus Taiwan, die untersuchen sollte, wie sehr soziale Kontakte und das Essverhalten in Zusammenhang stehen. Es habe sich gezeigt, dass Probanden mit deutlich reduzierten Kontakten zu mehr und ungesünderen Speisen neigten - eine Kompensierung durch Essen zur emotionalen Entlastung. Mahnende Worte fand Hauner für die teilweise reißerische und panikmachende Berichterstattung über die Coronalage. Man dürfe nicht vergessen, wie solche Aussagen Menschen psychisch beeinflussen könnten. Als Beweis für die wachsende Stressbelastung in der Bevölkerung sieht er die deutlich gestiegene Zahl von Personen mit Angststörungen. Daher sei es wichtig, auf sachliche Informationen zu bauen, um diesem Problem vorzubeugen, betonte Hauner.

Als Fazit der Studie sehen die Sprecher des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin die Wichtigkeit der Gesundheitsforschung neben der Infektiologie auch unter Pandemiebedingungen bestätigt.

Auf der Webseite des Zentrums (www.ekfz.tum.de) steht die Forsa-Studie allen Interessierten öffentlich zum Nachlesen zur Verfügung.

© SZ/nta
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