bedeckt München

Mitten im Bahnverkehr:Pünktlichkeit ist Definitionssache

Die Verbindung zwischen München und Freising ist wirklich etwas Besonderes

Kolumne von Thilo Schröder

Knapp zehn Monate nach dem Jahreswechsel (im DB-Jargon: fast pünktlich) hat die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), ein Unternehmen des Freistaats, ihre Pünktlichkeits- und Zugausfall-Statistik 2019 veröffentlicht. Die - vermeintliche - Topmeldung des Berichts kann sich sehen lassen: 92,3 Prozent betrug die Pünktlichkeitsquote der Regionalzüge und S-Bahnen, nur 2,9 Prozent der Verkehrsleistung fiel aus. Wer mit dem Nahverkehr im Landkreis Freising pendelt, dürfte bei solchen Zahlen Schnappatmung bekommen, ist man doch insbesondere zwischen München und Freising mit einer wahrhaft ausgefallenen Schienenanbindung gesegnet.

Wie so oft bei Statistikangaben, ähnlich dem Inhalt von AGBs oder Packungsbeilagen, gilt es, genau zu lesen. So heißt es im Bericht weiter: "Als pünktlich gewertet werden alle Züge, die weniger als sechs Minuten Verspätung haben." Eine Vielzahl kleinerer Verspätungen, die zum Teil über den Anschluss hinsichtlich einer möglichen Weiterfahrt entscheiden, wird also gar nicht erfasst.

Ungeachtet dessen hat die Pünktlichkeit 2019 tatsächlich insgesamt gelitten. Die Pünktlichkeitsquote hat laut Bericht abgenommen (0,4 Prozent), die Ausfallquote ist gestiegen (0,1 Prozent), der Anteil an infrastrukturbedingten Verspätungen nimmt "seit Jahren" zu (zuletzt um fünf Prozentpunkte). Mehr als 23 Prozent der Verspätungen machen demnach technische Störungen der Leit- und Sicherungstechnik aus; man denke da nur an das Codewort "Weichenstörung in Neufahrn", das trotz aller Beteuerungen der Bahn, es gebe keine gehäuften Störungen auf der S-1-Bahnstrecke, Pendlerinnen und Pendlern nur allzu vertraut ist.

Abenteuerlich wird es gegen Ende des Berichts, wo sogar der "späte, aber umso heftigere Wintereinbruch Anfang 2019 - vor allem in Südbayern" als Verspätungsgrund bemüht wird. Die Bahn macht mobil - außer es schneit. Generell meiden sollte man die Strecke des "Alex-Nord", der unter anderem Freising, Moosburg und Landshut passiert. Die Regionalverbindung war 2019 laut BEG im Bayernvergleich am unpünktlichsten: Nur in 78,8 Prozent der Fälle kam der Alex pünktlich (oder bis zu 5.59 Minuten zu spät).

Immerhin: Für 2020 dürfte die Statistik tatsächlich positiv ausfallen, zumindest gefühlt. Denn da Corona-bedingt durchweg weniger, während des Lockdowns sogar fast gar keine dieser nervigen Fahrgäste in den Zügen saßen, konnten Letztere viel ungestörter durch die Landschaft rollen. Oder eben ausfallen, aber das kümmerte ja kaum jemanden.

© SZ vom 20.10.2020
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema