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Arbeitsmarkt im Landkreis Freising:Kritik an befristeten Verträgen

Befristeter Arbeitsvertrag: Binnen drei Wochen nach Ende klagen

Im vergangenen Jahr waren laut IG Bau 27 Prozent aller Neueinstellungen im Landkreis Freising befristet.

(Foto: dpa)

Die IG Bau kritisiert die hohe Zahl der befristeten Verträge bei Neueinstellungen, die vor allem in der Corona-Krise oft nicht verlängert worden sind. Die Arbeitsagentur relativiert die Zahlen mit dem Verweis auf das Vorjahr.

Von Johanna Pichler, Freising

Im vergangenen Jahr waren 27 Prozent aller Neueinstellungen im Landkreis Freising befristet. Diese Zahl wurde kürzlich von der IG Bau Oberbayern veröffentlicht. Betroffen seien vor allem Branchen wie die Gebäudereinigung und die Landwirtschaft. In Folge der Corona-Pandemie seien jedoch vor allem Arbeitnehmer mit befristeten Arbeitsverträgen einem hohen Risiko ausgesetzt, ihren Job zu verlieren, kritisiert die IG Bau die aktuellen Zahlen. Die Arbeitsagentur in Freising relativiert die genannten Zahlen allerdings mit Verweis auf das Vorjahr.

Von etwa 3800 Arbeitsverträgen, die im zweiten Quartal des Jahres 2020 abgeschlossen wurden, waren laut der Gewerkschaft um die 1000 befristet. "Die Zahlen zeigen, dass auf dem heimischen Arbeitsmarkt etwas aus dem Ruder gelaufen ist. In der Corona-Krise können Befristungen für die Betroffenen leicht zur Falle werden, wenn Unternehmen solche Stellen nicht mehr verlängern", sagt Michael Müller, Bezirksvorsitzender der IG Bau Oberbayern.

Frauen sind bei Befristungen öfter betroffen als Männer

Die Agentur für Arbeit in Freising bestätigt zwar die Zahlen der IG Bau. Im zweiten Quartal des Jahres 2020 wurden im Landkreis Freising demnach 3827 sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse begonnen. 27 Prozent davon waren befristet. Interessant ist jedoch der Vergleich mit dem Vorjahr: Denn im zweiten Quartal des Jahres 2019 waren sogar 35 Prozent der damals insgesamt 5097 neu begonnenen sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse befristet. Insgesamt wurden somit im vergangenen Jahr im Kreis Freising sogar weniger befristete Verträge abgeschlossen.

Auffällig ist, dass der Befristungsanteil der Frauen im Landkreis Freising um mehr als zehn Prozent höher ist, als bei den Männern. Und auch jüngere Menschen bekommen häufiger nur befristete Arbeitsverträge im Gegensatz zu den älteren Generationen. Bei Arbeitnehmern unter 25 Jahren liegt der Anteil bei 37,5 Prozent, bei Älteren zwischen 25 und 65 Jahren nur bei 25 Prozent. Auch die IG Bau Oberbayern sieht diesen Trend. "Wer als Berufseinsteiger eine Wohnung finden oder einen Kredit aufnehmen will, der hat mit einem befristeten Vertrag schlechte Karten. Wegen der Unsicherheit muss manchmal sogar der Wunsch nach eigenen Kindern vertagt werden", kritisiert der Bezirksvorsitzende Michael Müller. Auch Teilzeitarbeitende bekommen häufiger nur einen befristeten Arbeitsvertrag, als die Vollzeitarbeitenden.

Nicht nur in Freising, in ganz Bayern lässt sich ein rückläufiger Trend erkennen

Trotzdem steht der Landkreis Freising im bayernweiten Vergleich gar nicht so übel da. Im zweiten Quartal des Jahres 2020 waren in Bayern ganze 34,6 Prozent der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse befristet. Ein rückläufiger Trend lässt sich nicht nur in Freising, sondern in ganz Bayern und beim jüngeren Bevölkerungsanteil erkennen.

Die Agentur für Arbeit achte darauf, dass alle Arbeitsstellen, die von den Unternehmen der Region beim Arbeitgeber-Service gemeldet werden, den gesetzlichen Vorgaben entsprechen, beispielsweise hinsichtlich Mindestlohn oder dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz. "Klar wünscht sich jeder einen unbefristeten Vertrag, doch im Endeffekt ist das immer noch eine unternehmerische Entscheidung", sagt Christine Schöps von der Presse- und Marketingabteilung der Agentur für Arbeit in Freising.

Die IG fordert, Befristungen ohne einen sogenannten Sachgrund einzudämmen

Eine Arbeitsstelle befristet auszuschreiben ist zulässig und es bleibt eine Entscheidung des Unternehmen, eine Arbeitsstelle befristet oder unbefristet auszuschreiben und zu besetzen. Die Arbeitsvermittler der Agentur für Arbeit weisen jedoch die Arbeitgeber darauf hin, dass ihnen die Ausschreibung von unbefristeten Arbeitsstellen ein Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Unternehmen verschaffen kann, vor allem in Bereichen in denen Personal stark nachgefragt ist.

Die Agentur für Arbeit in Freising betont auch, dass der Befristungsanteil innerhalb einer Branche im Zeitverlauf eines Jahres teilweise stark schwanken kann. Besonders ausgeprägt ist dies im Bereich Landwirtschaft zu sehen. "Ich denke, dass könnte mit dem Bedarf an Saisonarbeitern in diesem Bereich zusammenhängen, die naturgemäß vor allem im Sommer befristet eingestellt werden", sagt Christine Schöps. Demnach war im zweiten Quartal des Jahres 2020 der Befristungsanteil im Landkreis Freising in den Wirtschaftszweigen Land-, Forstwirtschaft und Fischerei, Arbeitnehmerüberlassung (Zeitarbeit) und Erziehung und Unterricht am größten

Die IG Bau möchte nun aktiv gegen die hohe Anzahl an befristeten Arbeitsverträgen vorgehen und fordert die Bundesregierung dazu auf, Befristungen ohne einen sogenannten Sachgrund einzudämmen. Dazu gehören beispielsweise eine Schwangerschaftsvertretung oder eine Probezeit. Die Pandemie habe laut Michael Müller gezeigt, dass neben den kaum abgesicherten Minijobs und Leiharbeitsverhältnissen auch Befristungen alles andere als krisenfest seien.

© SZ vom 14.05.2021/ilos
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