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Tarifrunde:Wenn die Arbeit schon am Sonntag beginnt

Arbeitsmarktzahlen

Für die Fahrten zwischen Wohnung und Baustelle bekommen die Beschäftigten eine Pauschale von 0,5 Prozent des Gehalts.

(Foto: Christophe Gateau/dpa)

Bauarbeiter müssen oft stundenlang zum Arbeitsplatz fahren. Die Gewerkschaft IG Bau will nun einen Ausgleich durchsetzen.

Von Benedikt Peters

Es geht ihm zum Beispiel um den Sonntagabend. Jürgen Schubert würde gerne mit seiner Freundin zu Abend essen, auf dem Sofa sitzen, vielleicht den "Tatort" schauen - was man hierzulande eben so tut, wenn sich das Wochenende dem Ende zuneigt. Stattdessen sitzt Schubert sonntagsabends im Auto, hört Radio und fährt über die A9, immer in Richtung Norden.

Jürgen Schubert ist Facharbeiter für Hoch- und Tiefbau, er lebt in einem kleinen Dorf bei Nürnberg, sein Arbeitsplatz ist aber gerade ziemlich weit weg, im knapp 500 Kilometer entfernten Salzgitter. Der Wind pfeift, als Schubert ans Handy geht, er steht gerade mitten auf der Baustelle. Oben in Niedersachsen verlegen sie Rohre für eine Stromtrasse nach Süddeutschland. Sonntags um 17 Uhr fährt er los, übernachtet mit Kollegen in einer Ferienwohnung, montags um sieben steht er auf der Baustelle. Freitagsnachmittags geht es zurück, erst am Abend ist er dann wieder bei der Freundin in der Nähe von Nürnberg. "Da bleibt nicht viel Freizeit", sagt der 43-jährige Schubert, und er hofft, dass sich daran nun etwas ändert.

An diesem Dienstag beginnt die Tarifrunde in der Baubranche, es geht um die Arbeitsbedingungen von Jürgen Schubert und knapp 900 000 weiteren Beschäftigten. Die IG Bau fordert eine Entschädigung der "Wegezeiten" - den Stunden also, die Arbeiter zwischen ihrem Zuhause und der Baustelle verbringen. Egal ob bei täglichen Fahrten oder beim wöchentlichen Weg zur Montage: Die An- und Rückfahrt zählt nicht zur Arbeitszeit, stattdessen bekommen die Beschäftigten eine Pauschale von 0,5 Prozent des Gehalts, bei einem Facharbeiter wie Jürgen Schubert sind das ungefähr 20 Euro im Monat. "Angesichts der vielen Stunden, die die Beschäftigten im Auto verbringen, ist das viel zu wenig", sagt IG-Bau-Vorstandsmitglied Carsten Burckhardt der Süddeutschen Zeitung.

Burckhardt führt die Tarifverhandlungen für die Gewerkschaft, und er fordert einen deutlich höheren Ausgleich, entweder in Form von Zeit oder Geld. Ins Feld führt er auch eine repräsentative Studie, die die IG Bau in Auftrag gegeben hat. Demnach fahren die Beschäftigten pro Tag im Schnitt 64 Kilometer zur Baustelle, den gleichen Weg müssen sie nach der Arbeit zurücklegen.

2020 verzeichnete die Branche einen Rekordumsatz

Das sei die Konsequenz einer Entwicklung, die schon vor vielen Jahren begonnen habe, sagt Burckhardt: "In den 1960er- und 1970er-Jahren hatten die Arbeiter kurze Wege zu den Baustellen, es gab viele lokale, kleine Bauunternehmer. Doch das hat sich längst geändert: Inzwischen werden sie durchs ganze Bundesgebiet geschickt." Jürgen Schubert, der 43-jährige Facharbeiter, kann das bestätigen. Er hat ja nicht nur in Salzgitter Rohre verlegt, er war auch schon in Stuttgart, Frankfurt, Köln. Schubert fungiert auch als Vertrauensmann für die Gewerkschaft, er rede mit vielen Kollegen, sagt er. "Die klagen darüber, dass sie ihre Familien kaum noch sehen. Wie auch, wenn du acht, neun Stunden arbeitest und dann noch fahren musst?"

Die Tarifrunde im Bau steht unter einem besonderen Vorzeichen. In den Verhandlungen in anderen Branchen ging es in den vergangenen Monaten meist um die Corona-Pandemie, die vielen Firmen das Geschäft verhagelt hat. Während der Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie im Frühjahr etwa argumentierten die Arbeitgeber, dass wegen der krisenbedingten Unsicherheiten und der Transformation in der Automobilindustrie kaum etwas zu verteilen sei. In der Runde im öffentlichen Dienst von Bund und Kommunen im Herbst konnten die Arbeitgeber ebenfalls auf klamme Kassen wegen der Pandemie verweisen. Im Bau aber stellt sich die Lage anders dar: Laut statistischem Bundesamt verzeichnete die Branche 2020 einen Rekordumsatz, es war das achte Jahr in Folge mit steigenden Erlösen. Die IG Bau fordert angesichts dessen neben der Wegezeiten-Entschädigung ein Lohnplus von 5,3 Prozent.

Aus Sicht der Arbeitgeber ist die Lage in der Branche allerdings nicht ganz so rosig, wie die Gewerkschaft sie darstellt. Zu den anstehenden Verhandlungen wollen sich die beiden beteiligten Verbände - der Zentralverband Deutsches Baugewerbe und der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie - zwar nicht äußern. In den vergangenen Monaten aber verwiesen sie darauf, dass sie für 2021 mit schwierigeren Verhältnissen rechnen. Negativ könnte sich zum Beispiel die Knappheit an Baumaterialien auswirken, es fehlt etwa an Holz, Kunststoff und Stahl. Die Privatwirtschaft verhält sich außerdem zögerlicher als früher, was Bauprojekte angeht: Ob Bürogebäude und Hotels nach der Pandemie noch ein lukratives Geschäft sind, ist zum Beispiel fraglich.

Schon im vergangenen Jahr haben Gewerkschafter und Arbeitgeber um einen Ausgleich der Wegezeiten gerungen, konnten sich aber nicht einigen. Sie mussten einen Schlichter rufen, ein substanzielles Ergebnis aber gibt es noch nicht. Spätestens im Juni wollen beide Seiten ein Ergebnis präsentieren - ein Ergebnis, auf das Bauarbeiter wie Jürgen Schubert gespannt warten.

© SZ
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