Verkehr in Freising:"Vielleicht wollen auch mal Anwohner geschützt werden"

Verkehr in Freising: Ernst Berg ist der Meinung, dass die Verkehrsprobleme im Freisinger Stadtteil Lerchenfeld mit einem Südostring verringert werden würden. Derzeit läuft alles über Ismaninger, Erdinger Straße oder Isarstraße.

Ernst Berg ist der Meinung, dass die Verkehrsprobleme im Freisinger Stadtteil Lerchenfeld mit einem Südostring verringert werden würden. Derzeit läuft alles über Ismaninger, Erdinger Straße oder Isarstraße.

(Foto: Marco Einfeldt)

Der frühere FW-Stadtrat Ernst Berg meldet sich noch heute bei Verkehrsthemen regelmäßig zu Wort, vor allem, wenn es um Lerchenfeld geht. Der Freisinger SZ hat er erklärt, warum es in seinen Augen auch heutzutage nicht ohne neue Straßen geht und Radwege an der Erdinger Straße problematisch sind.

Von Johann Kirchberger, Freising

Ernst Berg, ehemaliger Stadtrat (Freie Wähler) und Konrektor sowie Lerchenfelder mit Leib und Seele, meldet sich in den sozialen Netzwerken regelmäßig zu Verkehrsproblemen in Freising zu Wort. Mit Verkehrsthemen beschäftigt er sich schon seit seinem Studium der Stadt- und Sozialgeografie, also seit 1970. Damals machte er auch ein Praktikum im Münchner Stadtentwicklungsreferat. Themen waren seinerzeit der Zuzug, der ÖPNV und die Straßen in München. Also dieselben Probleme wie heute. Auch bei seinem Lehramtsstudium stand Geografie im Mittelpunkt. Thema seiner Zulassungsarbeit zur Staatsprüfung waren die "Auswirkungen des möglichen neuen Großflughafens auf die Stadt Freising". Bereits damals seien im Freisinger Flächennutzungsplan Umgehungsstraßen eingezeichnet gewesen. "Hat halt ein bisschen gedauert", sagt er.

SZ: Herr Berg, weil Lerchenfeld im Verkehr zu ersticken droht, fordern Sie bei jeder Gelegenheit den Bau neuer Straßen. Ist das angesichts der Klimadiskussion noch zeitgemäß?

Ernst Berg: Man möchte meinen, dass es nicht zeitgemäß ist. Aber wenn man betrachtet, wie Lerchenfeld gewachsen ist, kann ich genauso fragen: Wie viel Verkehr will ich den Wohngebieten noch zumuten? Es gibt ja nicht einmal überall in den Seitenstraßen der Hauptachsen "30 km/h". Wenn es wieder irgendwo zwickt, weil ein Unfall war oder eine Baustelle ist oder einfach nur normaler Berufsverkehr zu normalen Zeiten, ist Lerchenfeld regelmäßig dicht, weil alles über die Ismaninger Straße, die Erdinger Straße oder die Isarstraße fährt. Und die Diskussion ist sehr wohl zeitgemäß, wenn einerseits Radwege an der Erdinger Straße gefordert werden, ein Südostring aber abgelehnt wird. Schauen Sie nur, was bei der Lerchenfelder Feuerwehr oder an der Jagdstraße alles gebaut wurde und wird. Jeder Neubewohner hat mindestens ein Auto.

Es gibt ja den Spruch, wer Straßen sät, wird Verkehr ernten. Könnte das nicht stimmen?

So heißt es bei derartigen Diskussionen mantrahaft immer wieder. Diejenigen, die das immer predigen, schauen aber nicht auf das Wohlbefinden der Menschen, die täglich Dreck und schlechte Luft ertragen müssen. Die Autos fahren leider durch die Wohngebiete und nicht außen rum. Also braucht es auch mal eine neue Straße. Und so nebenbei entsteht dann ja auch Platz für Fahrrad-Schutzstreifen oder gar Radwege.

Sie gelten als Erfinder des Südostrings, also einer direkten Verbindung vom Aldi in Lerchenfeld an der Autobahn entlang bis zu Texas Instruments. Was wären die Vorteile dieser Trasse und warum wird diese Idee nicht aufgegriffen?

Ich denke vor allem an eine Entlastung der Erdinger Straße, der Katharina-Mair-Straße rüber bis zur Isarstraße. Lerchenfeld hat jetzt etwa 14000 Einwohner und immer noch dieselben Straßen wie früher. Neu gebaut wurde lediglich der Südring vor etwa 20 Jahren (damals waren es um die 9000 Einwohner) und die Anbindung an die Guten Änger. Das einzige, was ich vorschlage, nicht fordere, ist also die Fortführung des Südrings in Höhe Aldi.

Vor 20 Jahren hat man im Stadtrat offensichtlich nicht geglaubt, dass dieser Stadtteil mal so wachsen würde. Zum Ziel- und Quellverkehr kam ganz viel Durchgangsverkehr, der damit entfallen würde. Schneller auf den Texas-Parkplatz kämen auch die TI-Angestellten, wenn sie direkt von der B 301 runterfahren könnten und nicht erst morgens um 6 durch die Haggertystraße fahren müssten. Dort wohnen auch Leute. Es eilt, weil ja auch die B301 bis FS-Ost vierspurig ausgebaut wird. Wer dagegen ist, ist klar. Neue Straßen zerstören zu schützende Wiesen, die Leute sollen Bus und Radl fahren. Aber vielleicht wollen auch mal Anwohner geschützt werden.

Glauben Sie, dass die Westtangente die Freisinger Verkehrsprobleme jemals wird lösen können?

Ich hoffe, dass beide Umfahrungen Erleichterungen für die Hauptachsen bringen. Ich finde es nicht schlimm, wenn die Bewohner aus dem nördlichen Landkreis, die in Freising keine günstige Wohnung gefunden haben, auf der NO-Tangente in Richtung Autobahn beziehungsweise Flughafen fahren und nicht mehr durch Freising durch müssen. Oder aber, wenn die aus dem Allershausener Raum nicht mehr über die Johannisstraße müssen. Wenngleich die notwendige, aber blockierte Westtangentenanbindung in Vötting aus Richtung Massenhausen fehlt. Die Karlwirt-Kreuzung wird also weiterhin voll bleiben.

Momentan fordern Sie mit Vehemenz den vierspurigen Ausbau der Schlüterbrücke. Warum ist der für Sie so wichtig?

Weil's in meinen Augen ein echtes Nadelöhr wird, wenn der Verkehr von der Westtangente oder der Münchner Straße dort ankommt und weiter nach Lerchenfeld rein oder rechts ab zum Flughafen will. So ginge es halt flüssiger und mit weniger Staugefahr und somit auch weniger Schadstoffausstoß. Vom Dehner her in diese Richtung gibt es die gleichen Probleme. Deshalb ist auch dort eine Verbreiterung vom Südring samt Kreuzungsausbau notwendig. Vor allem wären dann endlich die beidseitigen Radwege möglich. Ich weiß, dass in das FFH-Gebiet eingegriffen werden muss - möglichst schonend hoffentlich. Aber das Problem gab es schon beim Bau der jetzigen Schlüterbrücke.

Wie zufrieden sind Sie mit der Trassenführung der Nordostumfahrung? Kommt man jetzt wirklich schneller von Zolling nach Freising?

Es geht definitiv schneller, die Staufalle Mainburger Berg entfällt. Wenngleich ich bedauere, dass der Kreisverkehr bei Erlau an der jetzigen Stelle ist und nicht zwischen Amperbrücke und Erlau, was ja aus Naturschutzgründen abgelehnt wurde. Trotzdem ist es schade um das Naherholungsgebiet im Xaveriental oder bei Altenhausen.

Neue Radwege, Fahrradstraßen und der Wegfall von Autofahrspuren stoßen bei Ihnen auf wenig Zustimmung. Sind Sie eigentlich manchmal auch mit dem Radl unterwegs?

Ich bin nicht gegen Radwege oder Schutzstreifen - aber bitte an der richtigen Stelle. Ismaninger Straße ist wichtig, die Erdinger Straße eher schwierig. Hier kann aber über den Rabenweg und das Schwimmbad ausgewichen werden. Die aktuelle Lösung vor der Realschule und Montessori-Schule ist suboptimal, weil morgens und mittags die Radstreifen mangels Parkplätzen für die Abholer ständig zugeparkt sind. Radwege an der Wippenhauser Straße sind sicherlich wünschenswert, aber mangels Platz wohl nur sehr schwer realisierbar. Da hätten FOS und Berufsschule schon einen anderen Platz in Freising gebraucht.

Was würde Ihrer Ansicht nach passieren, wenn die Kammergasse tatsächlich für Autos gesperrt und die Steineckerstraße gegenläufig befahrbar gemacht würde?

Das hatten wir schon andersrum. Da gab es nur die Kammergasse - und jeder war froh über das neue Einbahnstraßensystem. Und sind jetzt wirklich so viele Radler an der Kammergasse unterwegs wie gehofft? Platz auf der Radspur wäre ja. Ich würde es so lassen, also mit einer Autospur und einer Radspur. Die Parkplätze an der Kammergasse werden weiterhin gebraucht, sofern sich die Innenstadt auch nicht radelnde Kundschaft aus dem Umland wünscht. Freisings Radler allein werden nach Corona das Geschäft nicht wieder ankurbeln können.

Was halten Sie von dem Vorschlag, die Hauptstraße komplett zur Fußgängerzone zu machen?

Für mich persönlich kein Problem, ist ja auch kein neuer Vorschlag und wäre interessant, wenn gut gemacht - bislang aber eben ohne Mehrheit. Auch diese Diskussion wird weitergehen und die Hauptstraße wohl nie für Autos ganz dicht werden.

Glauben Sie daran, dass der südliche Isarsteg trotz aller Widerstände jemals gebaut wird oder halten Sie ihn eh für überflüssig?

Ich hoffe, dass der schleunigst gebaut wird. Zum einen wäre der dann hoffentlich nachts dann auch beleuchtete Steg gut als Rad- und Fußverbindung hinter dem Stadion rüber zum Bahnhofsparkplatz, zum anderen aber auch weiter südlich rüber zum Seilerbrückl und zu den Schlüterhallen. Hier gibt es gar nichts für Radler, weil ja die Schlüterbrücke ohne Radweg ist. Genauso interessant ist als Ergänzung eine Bahnunterführung von der Angerstraße rüber zum Parkplatz - für Busse, Radl und Autos.

Glauben Sie daran, dass in 30 Jahren immer noch jeder mit seinem Privat- Auto durch die Straßen fährt, oder ist der Individualverkehr ein Auslaufmodell?

Autos wird es immer geben. In einer Großstadt kann ich den Individualverkehr minimieren, da gibt´s ja auch gute Anbindungen mit U-Bahn, Bussen, Straßenbahn. Die 130 000 Landkreisbewohner rings um Freising, also ohne die Stadtbewohner, haben diesen Komfort nicht.

© SZ/nta
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