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Relikt der Vergangenheit:Ein Stück Stadtgeschichte im Garten entdeckt

FREISING: Susanne Günther, Stadträtin der Grünen findet Dienstplakette der Freisinger Stadtpolizei beim Garteln

Zufallsfund im Garten: Susanne Günther hat eine Marke der Freisinger Stadtpolizei ausgegraben, die wohl aus den Fünfzigerjahren stammt.

(Foto: Johannes Simon)

Susanne Günther findet bei Aushubarbeiten gut erhaltene Ansteckmarke der Freisinger Stadtpolizei.

Von Thilo Schröder, Freising

Es muss wohl Anfang der 1950er-Jahre gewesen sein, als wahrscheinlich ein Vertreter der Freisinger Stadtpolizei seine Ansteckmarke im Gebiet der Nussergärten zurückgelassen hat. Das jedenfalls vermuten Stadtarchivar Florian Notter und Grünen-Stadträtin Susanne Günther. Letztere hat die etwa vier mal drei Zentimeter große metallene Marke in ihrem Garten gefunden, als sie am 1. Juni an einer Stelle Erde für einen neuen Gartenweg aushub, die davor "seit Jahrzehnten" unberührt geblieben war, wie sie sagt.

Günther beschreibt das Fundstück als "unfassbar gut erhalten", "nicht angerostet, ein bisschen angelaufen", mutmaßlich versilbert. Die zugehörige Nadel sei zwar abgebrochen, aber ebenfalls erhalten, das auf die Marke aufgesetzte Wappen emailliert.

Die Stadtpolizei existierte zwischen 1883 und 1972 und hieß lange nicht Polizei, sondern "Schutzmannschaft"

Für die zeitliche Eingrenzung gibt es mehrere Anhaltspunkte. Die Freisinger Stadtpolizei existierte zwischen 1883 und 1972, bevor die polizeiliche Zuständigkeit im Zuge von Reformen von den Kommunen an den Freistaat überging. Der Begriff "Polizei" sei in Freising erst von 1945 an gebraucht worden, sagt Notter, davor sei von "Schutzmannschaft" die Rede gewesen. Umgekehrt sei die Mauerkrone im Wappen ein "traditionelles Symbol von Städten" seit dem 19. Jahrhundert, dessen Verwendung in den 1950ern ausgelaufen sei. Die Gartenanlage an der Parkstraße, so wiederum Günther, sei Anfang der Fünfzigerjahre ursprünglich für Aussiedler eingerichtet worden, also Deutschstämmige, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Osteuropa ins bestehende Bundesgebiet kamen.

"Ich werde die Marke auf jeden Fall ins Stadtmuseum überführen", sagt Günther. Sie sei bereits mit Leiterin Ulrike Götz im Gespräch. Toll wäre es, wenn die Marke samt Nadel an eine zeitgenössische Uniform angesteckt werden könnte, sagt sie. "Die Uniform der Stadtpolizei war blau", erklärt Notter, die der Landpolizei grün. Ältere Freisinger erinnerten sich, dass entsprechend von den "Blauen" und den "Grünen" die Rede gewesen sei. Die Grünen-Stadträtin Günther hat demnach die Marke eines "Blauen" gefunden.

Dass sich die Polizeimarke irgendwo im Stadtgebiet wiederfindet, wirft Fragen zur individuellen Geschichte auf

Die Stadtpolizei sei für kleinere Delikte zuständig gewesen, so Notter weiter. Mordfälle oder vergleichbare Verbrechen seien dagegen an die Kriminalpolizei übergeben worden. Die dezentrale Polizeiorganisation nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die amerikanische Militärregierung veranlasst, heißt es im "Handbuch der Bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980". Jede Gemeinde ab 5000 Einwohnern sollte demnach eine selbstverwaltete Polizei haben, die dem jeweiligen Gemeinde- respektive Stadtrat oder Bürgermeister unterstand. Staatliche Weisungen waren nur in Ausnahmefällen und im Aufgabenbereich des übertragenen Wirkungskreises möglich.

Dass sich Fundstücke wie die Polizeimarke im Stadtgebiet verstreut wiederfinden, wirft Fragen zu der individuellen Geschichte dahinter auf. Die Stadtpolizei habe im Erdgeschoss des Rathauses ihren Sitz gehabt, sagt Notter. Er hofft: "Vielleicht gibt es da ja Spezialisten, die die genaue Datierung näher einschätzen können." Und vielleicht findet sich ja sogar ein ehemaliger "Blauer" aus den frühen 1950er-Jahren oder ein Angehöriger, der die Dienstmarke wiedererkennt.

Die roten Steine, mit denen Susanne Günther derweil ihren neuen Gartenweg über der Fundgrube pflastert, stammen übrigens von den Abbrucharbeiten auf der Baustelle in der Freisinger Innenstadt. Sollten also in ferner Zukunft etwaige Überreste davon ausgegraben werden, ist zumindest diese Geschichte für die Archivare von morgen festgehalten.

© SZ vom 17.06.2020/lada
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