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Kriegsende in Freising:Weiße Fahne am Kirchturm

Hotelier Dettenhofer, Konditor Kraml und der Bäcker Pfaller mussten den letzten Nazi-Bürgermeister der Stadt sowie den SS-Kommandanten am 29. April 1945 erst überzeugen, sich den vorrückenden Amerikanern kampflos zu ergeben.

Von Peter Becker, Freising

Vor 75 Jahren fand der Zweite Weltkrieg in Freising sein Ende. Aus Richtung Zolling zogen am 29. April 1945 amerikanische Truppen heran. Hotelier Carl Dettenhofer, Konditor Kraml und der Bäcker Pfaller haben den letzten Nazi-Bürgermeister Hans Lechner sowie den Stadtkommandanten der SS, der sich mit seinen Gefolgsleuten in den Gewölben des Lindenkellers verschanzt hatte, davon überzeugt, dass jeder weitere Widerstand zwecklos sei. Als Zeichen der Aufgabe musste Kaplan Trischberger an jenem Tag zweimal eine weiße Fahne hissen. Als Erinnerung an diesen Tag wird nach Auskunft der Pfarrei Sankt Georg auch an diesem Mittwoch eine weiße Fahne am Kirchturm gehisst.

"Der Kirchturm spielte dabei eine besondere Rolle", betonte der frühere Stadtheimatpfleger Norbert Zanker auf Nachfrage. Die drei Freisinger Bürger hatten den SS-Kommandanten Meyer im Gewölbe des Lindenkellers aufgesucht, um ihn zur Übergabe der Stadt an die Amerikaner zu überreden. Meyer, aus Berlin stammend, weigerte sich zunächst unter dem Vorwand, es seien noch überzeugte Fanatiker unterwegs, die jegliche Übergabe als Verrat betrachteten und mit Unterhändlern kurzen Prozess machen würden. Außerdem fürchtete er, ein Befehlshaber aus Berlin könne ihn später für sein Handeln verantwortlich machen. Erst in einem zweiten Anlauf gelang es den engagierten Bürgern, Meyer davon zu überzeugen, dass es in der Reichshauptstadt niemand mehr gebe, der ihn zur Rechenschaft ziehen könnte. Der Kommandant gab nach. Zu diesem Zeitpunkt hatten die SS und alle städtischen Nazi-Größen Freising bereits verlassen.

Trotz weißer Fahne schossen die anrückenden Amerikaner zunächst, sie hielten die Fahne für eine Kriegslist

Bürger und Geistliche hatten zunächst auf eigene Faust die weiße Fahne am Kirchturm aufgehängt. Die anrückenden Amerikaner hielt dies nicht davon ab, die Sankt-Georgs-Kirche von Zolling und den Höhen um Wippenhausen aus unter Beschuss zu nehmen. Sie vermuteten, ein Artillerie-Beobachter könnte sich im Turm verschanzt haben und seine Beobachtungen weiterleiten. Außerdem argwöhnten deren Kommandanten, bei der weißen Fahne handele es sich nur um eine Kriegslist. Zanker sagte, drei Granaten, vermutlich von Panzern abgefeuert, hätten den Turm an drei Stellen durchschlagen. Eine fegte durch die Kuppel, eine zweite durch das Turmstüberl, die dritte durchschlug die Mauern etwa fünf Meter darunter. Zum Glück explodierten sie außerhalb des Gemäuers, sonst hätten sie den Turm gesprengt.

Weitere Granaten schlugen auf dem Weihenstephaner Berg, dem Lankesberg, im Südturm des Doms und in der Mädchenschule ein, die damals Klosterschwestern leiteten. Dabei kamen eine Ordensfrau, eine Schwester des Roten Kreuzes und drei Soldaten ums Leben. Ein Bub, der an einem Fenster stand, wurde versehentlich von einem amerikanischen Soldaten erschossen. Das waren die letzten Opfer, die der Krieg in Freising gefordert hatte.

Dettenhofer und seinen Mitstreitern gelang es schließlich, die Amerikaner, die bereits bis zur Steinkaserne vorgerückt waren, von den friedlichen Absichten der Freisinger zu überzeugen. Den Verhandlungen hatte sich auch Nazi-Bürgermeister Lechner angeschlossen. "Das ist das einzig Positive, was man über ihn sagen kann", sagt Zanker. Die abrückende SS hatte als letzten Gewaltakt noch die Isarbrücke zwischen der Stadt und Lerchenfeld gesprengt.

Den 150 Menschen, die im Weltkrieg ums Leben kamen, sollte eigentlich am 30. April gedacht werden

Einen Tag später, am 30. April, war der Krieg auch in Hallbergmoos beendet. Eigentlich wäre dazu eine Gedenkveranstaltung mit ökumenischen Gottesdienst geplant gewesen. Dieser wurde wegen der Coronakrise abgesagt. In diesem Gottesdienst sollte den 150 Menschen aus und in Hallbergmoos und Goldach gedacht werden, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben kamen. Vier Wehrmachtssoldaten waren nach Angaben des Heimatforschers Karl-Heinz Zenker bei Kämpfen in den Isarauen Ende April 1945 noch gefallen. Der Bub Adolf Leiderer starb am 9. Mai 1945 noch durch eine explodierende Handgranate. Der Franzose Albert Labro erlag einen Tag zuvor den Strapazen, die er während eines Häftlingsmarsches vom Zuchthaus Straubing nach Dachau erdulden musste.

Der ehemalige Auer Bürgermeister Adolf Widmann schildert in einem Beitrag in der Hallertauer Zeitung, wie amerikanische Soldaten in Au und Reichertshausen einrückten. Mit dabei war auf deren Seite der legendäre General George S. Patton. Er leitete von Mainburg aus die Beschießung von Reichertshausen. Widmann zufolge nahm er später in der Penker-Villa in Nandlstadt Quartier. Patton nahm am 13. Mai in Reichertshausen an einer Feldmesse teil, die der amerikanische Divisionsgeistliche zelebrierte.

© SZ vom 29.04.2020/lada
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