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Flughafen München:Flug LH 452 startet Richtung Hoffnung

Flugzeugkapitän Pilot Martin Hoell (61) , Geschäftsführer Flughafen München Jost Lammers begrüßen sich / Lufthansa nimmt

Pilot Martin Hoell und der Geschäftsführer des Flughafens München, Jost Lammers, begrüßen sich.

(Foto: imago images/Overstreet)

Am Münchner Flughafen hebt ein Lufthansa-Airbus mit dem Ziel Los Angeles ab - und wird so zum Symbol für bessere Tage, die schon bald kommen sollen.

Vor zwei Wochen hat Raimund Müller noch einen leeren Airbus A 380 ins spanische Teruel geflogen. Zum Parken - die Riesenmaschine wird wahrscheinlich erst 2022 wieder gebraucht. Jetzt folgt der nächste Flug, und es sitzen endlich wieder Passagiere in der Kabine. "Ich fühle mich großartig", sagt der Chefpilot der Lufthansa, der in der Zwischenzeit per Simulator geflogen ist. Rund 100 Sitze sind belegt, die meisten Fluggäste sind US-Amerikaner - die Grenzen sind für deutsche Urlauber ja noch dicht. LH 452 fliegt nonstop von München nach Los Angeles, an Bord läuft coronabedingt einiges ein bisschen anders als gewohnt, aber für Müller ist das Wichtigste: Es geht wieder los. In gut zwölf Stunden wird der Flugkapitän die endlosen Straßenzüge von Los Angeles unter sich sehen, am Horizont das Glitzern des Pazifiks.

Vor wenigen Wochen noch wäre der Start einer Maschine nach L.A. keine Meldung wert gewesen. Die Verbindung gibt es seit vielen Jahren und normalerweise jeden Tag. Jetzt aber ist alles anders, es gab viele Wochen lang überhaupt keinen Direktflug mehr von München in die USA. Wie viel Symbolwert der Neustart in MUC hat, sieht man daran, dass Münchens oberster Lufthansa-Mann Ola Hansson und Flughafenchef Jost Lammers auf dem Vorfeld die Abfertigung des A 350 beobachten. US-Generalkonsulin Meghan Gregonis spricht ein Grußwort.

Richtig viel los ist nach wie vor nicht auf den weiten Betonflächen im Erdinger Moos. Der Flugplan ist noch immer stark ausgedünnt, entsprechend viele Flugzeuge stehen ungenutzt herum. Immerhin: Eine Finnair-Maschine rollt zum Start, und gerade ist auch ein Jet der rumänischen Tarom gelandet. Allmählich kehren die ausländischen Airlines zurück, die griechische Aegean ist wieder da, ebenso Air Baltic und Luxair. KLM, Air France und Alitalia stocken ihre Verbindungen wieder auf. Vor allem Mitte Juni soll es einen spürbaren Schub geben. Dann kehren San Francisco, Montreal, Delhi und Seoul in den Flugplan zurück, und die Lufthansa nimmt mehr als 30 Europaziele ins Programm. Trotzdem wird es dauern, bis der Flugverkehr wieder so läuft wie vor der Pandemie.

Gut möglich, dass auch die neuen Anti-Corona-Maßnahmen eine ganze Weile lang in Kraft bleiben. Auf den Steinböden der Terminals prangen nun Aufkleber, die an das Abstandsgebot erinnern. Es herrscht Maskenpflicht, Schalter sind durch Glasfronten abgeschirmt und Spender für Desinfektionsmittel stehen bereit. Möglichst kontaktlos soll es zugehen, berichtet Lufthansa-Chef Hansson, der darüber nachdenkt, mahnende Aufkleber auch in den Flugzeugkabinen anzubringen. Dort gilt ebenfalls: Maske auf. Beim Einsteigen bekommt jeder ein Desinfektionstuch in die Hand gedrückt. Die Kabinen werden aber ohnehin regelmäßig desinfiziert. Es gibt deutlich weniger Papier an Bord, berichtet Kabinen-Chef Carsten Hoffmann. Das Bordmagazin und der Duty-Free-Katalog wurden aus Hygienegründen aussortiert, in den Sitztaschen befinden sich nur noch die Sicherheitshinweise und die unvermeidliche Papiertüte. Das Einsteigen dauert künftig etwas länger - die Prozedur wird verlangsamt, um das Abstandhalten zu erleichtern.

Keine Abstandsregeln gelten beim Belegen der Sitzplätze. Bei der Maschine nach Los Angeles hat das noch keine Rolle gespielt, da nur ein Drittel der Plätze gebucht ist. Prinzipiell aber können sämtliche Sitze belegt werden, auch die in der Mitte. Möglich macht das die Klimaanlage, berichtet Hoffmann - die Luft im Flugzeug sei so sauber wie in einem Operationssaal. Spezielle Filter entfernen Viren, Bakterien, Pilze und Staub aus der Luft, die ohnehin alle drei Minuten komplett ausgetauscht wird. Und: Die Anlage ist so konzipiert, dass jeder Sitz über eine separate "Luftsäule" verfügt, die von oben nach unten strömt. Nicht zur Seite.

Ein Flug nach Los Angeles? Das wäre eigentlich keine Meldung wert - aber dieser A350 ist der erste Direktflieger seit Wochen, der vom Münchner Flughafen startet.

(Foto: Marco Einfeldt)

Pushback: Der Lufthansa-Airbus verlässt rückwärts die Position am Terminal und rollt an den vielen abgestellten Flugzeugen vorbei. Richtung Startbahn 26R - der Code bedeutet: Nordpiste mit Abflug in westlicher Richtung. Flugkapitän Müller hebt schon auf halber Strecke der vier Kilometer langen Betonbahn ab, nächster Halt Los Angeles. 100 Passagiere sind aus wirtschaftlicher Perspektive nicht gerade eine Traumauslastung. Aber es geht ja um die Symbolik des Neuanfangs. Und immerhin der Frachtraum ist, so Hansson, "knallvoll".

Sechsmal pro Woche fliegt die Kranichlinie, die in München ihr zweitgrößtes Drehkreuz betreibt, nun wieder in die USA. Ein "übersichtliches Programm", wie Airport-Chef Lammers einräumt, vor Corona waren es 70 Flüge. Dazu kam das Angebot diverser US-Fluglinien. "Aber der Anfang ist gemacht." Am Flughafen hat man zufrieden registriert, dass die Lufthansa künftig ihre komplette A 380-Flotte in München stationieren will. Gut möglich, dass Kapitän Müller dann wieder nach Teruel muss.

© SZ vom 04.06.2020/aner
Lufthansa Foto

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