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200 Jahre Erzbistum:Vertreibung aus dem Paradies

Der Mariendom in Freising.

(Foto: Marco Einfeldt)

Das Erzbistum München und Freising entstand, nachdem die Säkularisation das Verhältnis von Staat und Kirche neu definiert hatte. Heute, 200 Jahre später, muss der Bischofssitz erneut um seine Bedeutung fürchten.

Von Hans Kratzer

Als Papst Benedikt XVI. im Herbst 2006 seine alte Heimat besuchte, keimte kurz das Gefühl auf, als ob der alte bayerische Volkskatholizismus, der schon zerbröselte, noch einmal mit einer Kraft aufflackerte, die man ihm nicht mehr zugetraut hatte. Auch in Freising schoben sich bei seinem Besuch Zehntausende einigermaßen ergriffen durch die Straßen. Natürlich hatte die Stadt in ihrer ewig langen Geschichte viele herausragende Tage erlebt, aber der Besuch eines Papstes ragte halt weit heraus.

Der Abstecher Benedikts XVI. hatte gute Gründe, denn kaum eine Region in Bayern steht auf einem vergleichbaren historischen Fundament wie das Erzbistum München und Freising, das in diesem Jahr sein 200-jähriges Bestehen feiert. Um die kulturelle und religiöse Dimension Freisings aber in seiner Gänze zu erfassen, muss man nochmals mindestens tausend Jahre zurückblicken.

Der Kupferstich von Franz Xaver Jungwierth zeigt den Freisinger Domberg, das Kunstwerk entstand nach einem Gemälde von Johann Baptist Deyrer um das Jahr 1772.

(Foto: EOM, Archiv des Erzbistums München und Freising)

Der Freisinger Bischof Arbeo hatte schon im achten Jahrhundert geschwärmt, die Gegend sei "lieblich anzusehen, reich an Hainen, wohlversehen mit Wein". Alles in allem schilderte er seine Heimat als ein Paradies, wie man es sich heute kaum mehr vorstellen kann. Eine Art Paradies ist dieses Land durchaus geblieben, aber mit einem ganz anderen, vor allem von wirtschaftlicher Prosperität geprägten Gesicht.

Die Umgebung von Freising änderte quasi ihre Hardware, auf den Wiesen und Feldern erwuchsen die Millionenstadt München und ein Weltflughafen, die einen starken Kontrast zur Idylle des Arbeo setzten. Gerade dieses Spannungsfeld von pulsierender Internationalität und altgewohnter ländlicher Struktur prägt nun anstelle der einst besungenen Hirsche und Rehe das Erzbistum München und Freising, das kraft seiner Wandlungsfähigkeit viele große Persönlichkeiten hervorgebracht hat und mit Joseph Ratzinger sogar einen Papst, der in Freising ausgebildet und dann zum Priester geweiht wurde.

Dass der Keim des Erzbistums auf Freisinger Boden aufging, ist einem Mann namens Korbinian zu verdanken, der im Jahr 724, als die Gründung Münchens noch in weiter Ferne lag, von Paris aus ins altbayerische Kernland marschiert war. Das Geschlecht der Agilolfinger hatte ihn an den Freisinger Hof gerufen, er sollte im Herrschaftsgebiet eine kirchliche Struktur errichten. Korbinian gilt deshalb als geistlicher Vater des Bistums, sein Gedenktag wird heute noch jeden November auf dem Domberg gefeiert. Der Gründer des Bistums war er jedoch nicht, sein Tod fuhr zu früh dazwischen. Letztlich oblag es dem Missionar Bonifatius, im Jahr 739 auf päpstliches Geheiß hin die Diözese Freising ins Leben zu rufen und auch die Bistümer Salzburg, Regensburg und Passau.

Freising sollte von da an mehr als tausend Jahre lang als Bischofssitz ins Land hinausstrahlen. Die Umstände waren volatil und beileibe nicht immer fromm und heil. Die Stürme der Zeit brandeten zeitweise orkanartig gegen die Mauern des Bistums, das trotzdem allen Kriegshändeln und selbst den Wirren der Reformationszeit standhielt.

Nachdem Freising 1294 zum Fürstbistum erhoben worden war, übte der Bischof über Teile des Landes auch die weltliche Souveränität aus. Freilich blieb das Gebiet, in dem der Bischof neben seinem geistlichen Amt auch weltlich herrschte, überschaubar. Das Bistum aber wuchs durch Erwerb, Schenkungen, Kolonisation und Missionierung immer weiter, bis die Fürstbischöfe ihr Gebiet nicht einmal mehr per Fernsicht an Föhntagen überblicken konnten. Das Territorium erstreckte sich bis nach Niederösterreich, in die Steiermark und nach Kärnten, und sogar in Südtirol und Slowenien fanden sich Freisinger Immobilien und Besitztümer.

Noch heute sticht der kulturelle Glanz ins Auge, der sich besonders nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) im Bistum entfaltete. Mit den Barockbauten wuchsen ebenso zeitlose Attraktionen heran wie mit den Kunstwerken der Brüder Asam, die vielerorts das Landschaftsbild und die Kirchen prägen. Auch in der Ausstattung des Freisinger Doms spiegelt sich ihr Genius wider. Freilich stehen Glanz und Genialität häufig mit dem Teufel im Bunde, auch in Freising gingen mit den Höhenflügen in Kunst und Kultur Verirrungen einher, etwa die Hexenprozesse von 1715 bis 1723, in deren Verlauf sogar Bettelkinder hingerichtet wurden.

Das Kapitelzeichen des Domdekans von 1822.

(Foto: EOM, Archiv des Erzbistums München und Freising)

Trotzdem drängte alles nach vorne, zuvörderst die Kräfte der Aufklärung und der Erneuerung, und irgendwann ging die Zeit über die verkrustete Ordnung der alten Obrigkeiten hinweg. Erst recht durch die napoleonischen Umwälzungen, aus denen unter Schmerzen ein neu geordnetes Europa hervorging. Im selben Zuge schwappte 1803 die Säkularisation über das Bistum Freising und spülte eine tausendjährige Kirchentradition hinweg. Die Ära des Bistums Freising war beendet, die Fürstbischöfe verloren ihre Macht, das Hochstift Freising fiel an das 1806 von Napoleons Gnaden errichtete Königreich Bayern.

Dass der Freisinger Bischofsstuhl nicht mehr neu besetzt wurde, hatte zur Folge, dass das Bistum 18 Jahre lang nur provisorisch verwaltet wurde. Nun geriet erst recht alles ins Wanken, und die Gräben in der Bevölkerung klafften ähnlich weit auf wie heute unter dem Einfluss von Corona und Social Media. Hardliner wie der Minister Montgelas drängten in Bayern auf radikale Erneuerung, aber das Volk, durch und durch bäuerlich geprägt, hielt eisern an den Denkmustern der Barockzeit fest.

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