Erinnerungskultur:Vererbte Traumata

Erinnerungskultur: Aus dem Familienalbum: Anja Frers Arbeit "Olympiade München 1972", eine digitale Collage von 2020.

Aus dem Familienalbum: Anja Frers Arbeit "Olympiade München 1972", eine digitale Collage von 2020.

(Foto: Anja Frers)

Was die Täter und die Opfer des Nationalsozialismus an die nachfolgenden Generationen weitergegeben haben, untersucht eine Veranstaltungsreihe in der Pasinger Fabrik.

Von Jutta Czeguhn

Wie die Erinnerungen verblassen auch die Farben auf diesen Familienfotos aus den Siebzigerjahren, und ein seltsam rot stichiger Grauschleier legt sich über alles. Abermillionen dieser Bilder lagern in deutschen Fotoalben, knisterndes Seidenpapier verhindert das Zusammenkleben der Seiten. Für die Münchner Künstlerin Anja Frers sind diese Aufnahmen Ausgangsmaterial für verstörende Collagen. Rentnerinnen mit strammen Wohlstandswaden stehen auf der Aussichtsplattform des Olympiaturms, genießen den großartigen Blick über die Stadt, auf die eine Wehrmacht-Junkers gerade einen Schwung Bomben nieder rieseln lässt.

Erinnerungskultur: Anja Frers' "Oma und Oma, Olympiaturm 1972", eine digitale Collage von 2020.

Anja Frers' "Oma und Oma, Olympiaturm 1972", eine digitale Collage von 2020.

(Foto: Anja Frers)

Die Arbeit gehört zur Ausstellung "Generation Transmission, pictured", die am 21. Februar in der Pasinger Fabrik eröffnet wird. Zusammen mit Nana Dix und Uschi Siebauer geht Anja Frers der Frage nach, wie sehr sie - alle drei Künstlerinnen sind zwischen 1962 und 1972 geboren - der Zweite Weltkrieg, die NS-Ideologie und die autoritären Erziehungsideale der Eltern und Großeltern geprägt haben. Ihr Ansatz ist dabei meist ein sehr persönlicher, Nana Dix' Großvater etwa war Otto Dix, der im Nationalsozialismus als "entarteter Künstler" galt, gleichzeitig Mitglied in der Reichskulturkammer war und sich nach einer vorübergehenden Inhaftierung in Zusammenhang mit dem Münchner Attentat auf Hitler 1939 in die "innere Emigration" zurückzog. Welche Schatten lagen auf ihrer Kindheit? Warum wurde nicht gesprochen über die Vergangenheit?

Erinnerungskultur: Ihr Großvater war Otto Dix: Nana Dix, "Shut up", Collage 2021.

Ihr Großvater war Otto Dix: Nana Dix, "Shut up", Collage 2021.

(Foto: Nana Dix)

Die Schau ist Teil einer interdisziplinären Veranstaltungsreihe "Wie wir wurden, was wir sind", in der es um vererbte Traumata geht, um die Übertragung von Erfahrungen von einer Generation auf die nachfolgenden. Und um die Frage, inwieweit das Narrativ von einer erfolgreichen deutschen Geschichtsaufarbeitung von einer sehr trügerischen Selbstwahrnehmung zeugt. Noch bis Ende März gibt es dazu in der Fabrik Theaterproduktionen, Podien, Lesungen und Filme.

Ausdrücklich ist auch die Urenkel-Generation angesprochen: Zum Auftakt der Reihe erzählt Diane Samuels englischsprachiges Theaterstück "Kindertransport" (English Theatre Frankfurt, 31. Januar) vom Schicksal der neunjährigen Hamburgerin Eva Schlesinger. Wie 10000 andere jüdische Mädchen und Jungen gelangt sie dank einer britischen Rettungsaktion 1939 nach England, sie wächst dort bei Pflegeeltern auf, 40 Jahre später entdeckt ihre Tochter Faith Fotos über die wahre Identität ihrer Mutter.

Erinnerungskultur: Die neunjährige Eva wird kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von ihren Eltern mit einem der Kindertransporte nach England geschickt. Erzählt wird von ihrem Schicksal im englischsprachigen Theaterstück "Kindertransport".

Die neunjährige Eva wird kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs von ihren Eltern mit einem der Kindertransporte nach England geschickt. Erzählt wird von ihrem Schicksal im englischsprachigen Theaterstück "Kindertransport".

(Foto: Martin Kaufhold/English Theatre Frankfurt)

Um Verdrängen, Schweigen und die Frage, wie ein Weiterleben nach traumatisierenden Erfahrungen möglich ist, geht es auch in den Gastspielen des Residenztheaters "Die Ereignisse", 10. Februar) und der Kammerspiele ("Frau Schmidt und das Kind aus Charkiw - unplugged", 12. Februar) in der Wagenhalle der Fabrik. Eine besondere Premiere gibt es am 28. Februar: Mit ihrer Produktion "Zigeuner-Boxer" erinnert die Tollhaus Theater Compagnie an den Champion Johann Wilhelm "Rukeli" Trollmann, einen deutschen Sinto, der 1944 im Konzentrationslager Wittenberge ermordet wurde.

Erinnerungskultur: Die Berliner Jüdin Lore konnte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten nur überleben, weil sie sich als Sechsjährige auf dem Dachboden versteckte. Im Dokumentarfilm "Liebe Angst" wird sie als alte Frau mit diesem Kindheitstrauma konfrontiert.

Die Berliner Jüdin Lore konnte die Verfolgung durch die Nationalsozialisten nur überleben, weil sie sich als Sechsjährige auf dem Dachboden versteckte. Im Dokumentarfilm "Liebe Angst" wird sie als alte Frau mit diesem Kindheitstrauma konfrontiert.

(Foto: Real Fiction Filmverleih)

Podien, Lesungen und Filme befassen sich mit der "Generation Schweigen". In Sandra Prechtels eindringlicher Doku "Liebe Angst" (20. März) bewirkt erst die Zeugenschaft der Kamera, dass sich Lore kurz vor ihrem Tod ihrem Lebenstrauma stellt. Die Berliner Jüdin hatte als Kind versteckt überlebt, ihre Mutter aber wurde in Auschwitz ermordet. Als Lores Tochter Kim Seligsohn, ohne es vorher zu ahnen, ins Nachbarhaus jenes Verstecks zieht, kommt die Familiengeschichte nach und nach ans Tageslicht.

Im April folgt dann eine Veranstaltungsreihe, die thematisch direkt anknüpft: Im Zentrum steht die Ausstellung "Tanzen mit dem Feind" über das Leben der niederländischen Tänzerin und Auschwitz-Überlebenden Roosje Glaser.

"Wie wir wurden, was wir sind", Veranstaltungsreihe in der Pasinger Fabrik, August-Exter-Straße 1, Infos unter www.pasinger-fabrik.de

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