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Isentalautobahn:Flammender Protest gegen den Verkehr

Während des Protests in Dorfen, bei Hammersdorf und anderswo rauschte der Verkehr ungebremst weiter.

(Foto: Renate Schmidt)

Anwohner machen mit Mahnfeuern entlang der A94 auf ihre zerstörte Lebensqualität aufmerksam, fordern wirksamen Lärmschutz und Tempolimits. Die für den Ausbau verantwortlichen Politiker flüchten sich derweil in Phrasen.

Von Florian Tempel, Dorfen

Es ist nicht schön. Es nieselt und es ist kalt. Die großen Feuer auf der nassen Wiese wärmen zwar, doch die Autos und Lastwagen dröhnen von unten scheußlich laut herauf. Der Blick hinunter, wo sich auf der Isentalautobahn unablässig der Feierabendverkehr in beide Richtungen wälzt, ist schmerzlich. Früher kamen die Dorfener Schüler am Wandertag hierher. Der Schwammerl, der große, bunten Blechpilz war überhaupt ein beliebtes Ausflugziel, weil man hier einen so schönen Blick über das Isental hatte. Doch der Schwammerl ist schon vor Jahren abgebaut worden, freiwillig kommt keiner mehr her.

Am Donnerstagabend war hier jedoch richtig viel los. A 94-Anwohner hatten eine Kundgebung organisiert. Einige Demonstranten waren sogar aus Simbach gekommen, wo die A 94 erst noch gebaut werden soll - mehr oder weniger mitten durchs Stadtgebiet. Da, wo früher einmal der Schwammerl stand, brannte das zentrale Mahnfeuer. Auf einer improvisierten Rednerbühne sprachen Betroffene und Politiker. "Die Worte helfen uns hier, das ist schön", sagte Maria Numberger aus dem besonders lärmgeplagten Lindum, "aber was wir hier wirklich brauchen, sind Taten". Denn: "So, wie es ist, kann es niemals bleiben. Es muss gehen. Wir können das für unser Kinder niemals akzeptieren."

Der Gang auf die Rednerbühne wurde dem Dorfener Bürgermeister Heinz Grundner, Landrat Martin Bayerstorfer und der Landtagsabgeordneten Ulrike Scharf (alle CSU) nicht leicht gemacht: "CSU wählen, Lärm ernten" war auf einem Transparent direkt daneben zu lesen. Die Abgeordnete Scharf kritisierte das tatsächlich, sie fand das unpassend und unfair. Wie Grundner und Bayerstorfer hatte aber auch sie vor allem zwei Botschaften. Um wirkungsvollen Lärmschutz zu erreichen, müsse man nun "parteiübergreifend gemeinsam handeln".

Außerdem habe man aber auch schon etwas getan. Scharf und der aus dem Nachbarlandkreis Mühldorf stammenden CSU-Abgeordnete Marcel Huber - beide waren früher einmal bayerische Umweltminister, Huber nahm als solcher beim Spatenstich für die Isentalautobahn teil - haben federführend einen Antrag im Verkehrsausschuss des Landtags für richtige Lärmmessungen entlang der A 94 eingebracht, der auch einstimmig angenommen wurde. Scharf, die bei der Eröffnungsfeier der Isentalautobahn mit großem Spaß am Einweihungsautocorso teilgenommen hatte, wusste nun außerdem zu berichten, dass der abschnittsweise eingebaute miese Betonbelag nicht dem Stand der Technik entsprechen könne.

Das sind schon tolle Nachrichten - die CSU überzeugt alle anderen, dass man die Leute an der Isentalautobahn nicht im Regen stehen lassen dürfe. Angesichts so viel christsozialer Chuzpe konterte der Grünen-Abgeordnete Johannes Becher, es wäre wohl besser gewesen, die CSU hätte vorher mal gemeinsam etwas gegen die Isentalautobahn unternommen.

"Politischer Wille brachte uns Lärm - und jetzt?"

"Politischer Wille brachte uns Lärm - und jetzt?" Was auf einem zweiten Transparent stand, brachte die große Wut und die ebenso große Unsicherheit der Anwohner zum Ausdruck. Isolde Freundl aus Lindum beklagte, dass es "fast nirgends gescheiten Lärmschutz" gebe, und forderte Ministerpräsident Markus Söder (CSU) auf, aus seinem unlängst entdeckten Umweltbewusstsein nun gewissermaßen "Nägel mit Köpfen" zu schmieden und ein Tempolimit auf der A 94 einzusetzen.

Auch an vielen anderen Stellen entlang der Isentalautobahn brannten Mahnfeuer, mit denen die Anwohner an der 33 Kilometer langen Neubaustrecke weithin sichtbare Zeichen setzen wollten. Auch in Hammersdorf zum Beispiel, einem Weiler zwischen Walpertskirchen und Buch. Eva Menzinger hat dort einen Pferdehof. Sie und die anderen Hammersdorfer sehen über eineinhalb Kilometer lang jedes Auto auf der A 94 vorbei fahren. Bis auf ein kurzes Stück Lärmschutzwand gibt es keinen Schallschutz für sie, ihre Familie und ihre Nachbarn. "Es ist komplett frei zu unseren Häusern rüber."

Menzinger ist als Reitlehrerin und, weil sie sich um die Tiere kümmern muss, fast den ganzen Tag draußen. Durchgängig 64 Dezibel sehen die Lärmgrenzwerte als zumutbar an. Sie hat gelesen, dass das in etwa so laut ist wie ein Rasenmäher in zehn Meter Abstand. Für sie ist er den ganzen Tag an. Abends hat Eva Menzinger oft starke Kopfschmerzen. Oder ihre Stimme ist angeschlagen. Denn der Autobahnlärm ist so laut, dass sie schreien muss, um sich zu unterhalten.

Es muss sich was ändern.

© SZ vom 14.12.2019/lfr
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