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Nach Eröffnung der Isental-Autobahn:"Das Fenster können wir jetzt nicht mehr aufmachen"

Eine Brücke quert das Ornautal bei Dorfen, dahinter liegt die Gemeinde Obertaufkirchen. Seit Anfang der Woche ist es mit der Ruhe vorbei, Anwohner sehen sich in ihren Befürchtungen bestätigt.

(Foto: Sebastian Beck)

Viele Pendler haben sehnsüchtig auf die Eröffnung der neuen Trasse gewartet. Die Anwohner sind dagegen geschockt vom Dauerlärm im einst stillen Isental. Doch der Krach ist nur das eine.

Eigentlich ist ja in Zeiten des Klimawandels der Umstieg vom Auto auf die Bahn das Gebot der Stunde. Auf der viel frequentierten Strecke von Mühldorf nach München aber könnte die Bahn bald das Nachsehen haben. Am Freitagfrüh herrschte jedenfalls in den Zügen der Südostbayernbahn gähnende Leere, was natürlich auch dem Brückentag geschuldet war.

Trotzdem: Viele Pendler aus den Landkreisen Mühldorf und Erding haben sehnsüchtig auf die Eröffnung der 33 Kilometer langen Isentaltrasse der A 94 gewartet, um endlich vom Zug auf das Auto umsteigen zu können. Zugverspätungen, Zugausfälle und die ständigen Probleme mit den S-Bahnen strapazieren die Nerven der Pendler permanent. Kein Wunder, dass zuletzt bei Gesprächen im Zug immer wieder ein Seufzer zu hören war: "Gott sei Dank, endlich kann ich aufs Auto umsteigen."

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Der Jubel über die Vollendung der Autobahn wollte bei der Eröffnung bei vielen kein Ende nehmen. Für den Mühldorfer Altbürgermeister Günther Knoblauch (SPD) war der Montag wohl einer der schönsten Tage seines Lebens, was er auch entsprechend kundtat. "Des is ein Gefühl, des kann ma ned beschreiben", sagte er während des Festakts in Dorfen. Die Trasse gebe einen Impuls für die ganze Region, "das sichert die Zukunft unserer Kinder", schwärmte Knoblauch.

Im Isental selber ist von einer Euphorie wenig zu spüren. Vielmehr sprechen viele Anwohner von Enttäuschung und Zukunftsangst. "Wir sind direkt schockiert darüber, wie laut es jetzt ist", sagt Rita Rott, deren Anwesen in Seemühle nur gut 100 Meter von der Autobahn entfernt liegt. "Die Lärmkulisse ist anstrengend", sagt sie, "und wenn die Transporter über eine Brücke rollen, dann hörst du wirklich jeden rattern."

"Alles Jammern hilft aber nix", sagt Claudia Schatz, deren Hof in etwas größerer Entfernung an die Autobahn angrenzt. "Damit müssen wir jetzt leben." Bei ihren Nachbarn weiter unten, da sei es brutal, sagt sie. Die Oma höre nicht so gut, zum Glück. Die junge Familie aber, die sei ganz durcheinander, sie habe am Fuße der jetzigen Trasse ein Haus gebaut, in dem man nun kaum noch leben könne.

Das Kircherl von Lindum war jahrzehntelang das Symbol des Widerstands

Die Autobahn verläuft am Hang des Isentals, was dazu führt, dass der Lärmteppich drunten im Tal bis jetzt einigermaßen passabel ist. Im Dorf Watzling (zwischen Dorfen und Lengdorf) sagen die Menschen auf der Straße, der Lärm sei noch erträglich. Ganz anders ist die Lage auf den Hängen oberhalb der Autobahn, wo viele Anwesen stehen. "Das Fenster können wir jetzt nicht mehr aufmachen", sagen die Anwohner. Fährt man noch weiter hinauf, gelangt man an großartige Aussichtspunkte. Dutzende Kirchtürme sind von der Terrasse der Ausflugsgaststätte "Holzwirt" zu sehen, die bisher berühmt war für Stille und einen weiten Blick in die Landschaft. Auch dort ist es mit der Ruhe jetzt vorbei. Wirtin Regina Numberger befürchtet sogar, dass künftig die Gäste ausbleiben könnten.

Der malerische Ort hat ebenso ein Stück seiner Aura verloren wie das in einem Wiesengrund gelegene Kircherl von Lindum, das jahrzehntelang das Symbol des Widerstands gegen die Isentaltrasse war. In die Kakofonie der Vögel und des Windes mischt sich jetzt das Grundrauschen der Autobahn. Einem Spaziergänger fiel am Donnerstag im dortigen Friedhof die Sage des Ritters Pliembl ein, der hier einst Ansprüche wegen der Schweinsjagd stellte und lieber selber zum Schwein werden wollte, bevor er ein Joch Grund abtrat. Seine Frau habe dann einen Sohn geboren, der einen Schweinskopf aufhatte, worauf der Pliembl die jetzige Kirche hingestellt habe. Nun habe man diesen magischen Ort wieder empfindlich gestört, sagte der Spaziergänger. "Hoffentlich liegt kein Fluch auf dieser Autobahn!"

"Der Lärm ist das eine", sagte Rita Rott. Und das andere? "Manch unangebrachte Äußerung der Befürworter", klagte sie. Vor allem der Zornesausbruch des Altöttinger Landrats Erwin Schneider (CSU) bei der Eröffnungsfeier hat viele geärgert. Schneider hatte jene Demonstranten, die während der Rede von Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) "Kein Grund zum Feiern!" skandierten, heftig beschimpft: "Ihr seid Menschenverächter, schämt euch, ihr Egoisten!", pulverte er. "Die meinen, ihre Argumente seien die einzig richtigen", konterte Rita Rott, der es lieber wäre, man würde "vernünftig miteinander reden".

Mit der Vernunft ist es aber so eine Sache. Ein Höhenweg bei Obertaufkirchen führt direkt über die Autobahn, die hier schnurgerade durch die Landschaft gezogen wurde. "Es wirkt wie aus der Zeit gefallen, gerade jetzt angesichts der Klimadiskussion", sagte ein Verkehrsbeobachter am Donnerstag, der wie viele andere auf den darunter pulsierenden Verkehr starrte. Nach wie vor sind Autobahnen ein Sehnsuchtsort, zumal eine frisch gebaute. Wer an den ersten Tagen die 33 Kilometer zwischen Pastetten und Heldenstein probeweise hin- und hergefahren ist, merkte bald, dass er mit einem Tempo von 140 km/h zu den Kriechern zählte. Am Donnerstag, als wegen des Feiertags keine Lkw unterwegs waren, wurde jedenfalls die Temposucht anständig gepflegt.

Jenseits des Dorfener Bahnhofs liegt das riesige Gelände der ehemaligen Dachziegelfabrik Meindl, die stets den Anschluss an die A 94 gefordert hatte. Jetzt, da sie eröffnet ist, wunderte sich ein Bahnpendler, sei der Betrieb stillgelegt. Nun werde woanders produziert, die Autobahn sei zumindest dafür nicht mehr nötig.

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