SZ-Kolumne Zwischen Welten:Der Wunsch nach Arbeit

SZ-Kolumne Zwischen Welten: Emiliia Dieniezhna

Emiliia Dieniezhna

(Foto: Bernd Schifferdecker (Illustration))

Unsere Kolumnistin ist begeistert von einem ukrainischen Projekt, das ukrainischen Geflüchteten in München bei der Jobsuche oder der Gründung eines Unternehmens hilft.

Von Emiliia Dieniezhna

Ukrainer können für die deutsche Wirtschaft sehr hilfreich sein, dabei wolle er mit seiner Community helfen. Das ist die Hauptbotschaft, die ich von Vyacheslaw Orlow kürzlich in einem Gespräch vernommen habe. Orlow wohnt in München, er stammt aber aus Mykolajiw, einer Stadt zwischen Odessa und Cherson, die allein aufgrund ihrer Nähe zur Front regelmäßig von Russland bombardiert wird. Orlow ist Geschäftsmann und leitete in der Ukraine verschiedene Holdings, außerdem hat er ein erfolgreiches Start-up gegründet, das allerdings von russischen Soldaten zerstört wurde.

In den ersten Monaten des Krieges harrte Orlow noch in der Ukraine aus, um dort zu helfen. Doch dann ist er mit seiner großen Familie nach München geflüchtet. Hier hat er schnell verstanden, dass das Potenzial vieler geflüchteter Ukrainer und ihr Wunsch nach beruflicher Verwirklichung unterschätzt wird.

Viele Ukrainer in Deutschland und insbesondere in Bayern sind hoch qualifiziert, vor dem russischen Angriff 2022 waren sie erfolgreiche Unternehmer oder Freiberufler. Doch fehlende Sprachkenntnisse, die Hürden der deutschen Bürokratie und Schwierigkeiten der Anpassung in einem fremden Land erschweren die Integration der ukrainischen Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt, das erkennt auch Orlow. Aber er ist davon überzeugt, dass sich diese Schwierigkeiten mit der richtigen Unterstützung überwinden lassen. Er meint, dass die Ukrainer nicht langfristig von Sozialleistungen leben möchten, sondern so schnell wie möglich einen Job finden oder ein eigenes Unternehmen gründen wollen. Orlow ist überzeugt, dass das für die deutsche Wirtschaft ein Glücksfall sein könne.

Nun hat Orlow mit Gleichdenkenden eine ukrainische Business-Community gegründet, den "Ukrainischen Wohlfahrtsverband Entwicklung und Integration". Die Community ist ehrenamtlich organisiert und verfolgt das Ziel, den Ukrainern bei der Integration zu helfen, vornehmlich bei der Unternehmensgründung oder Jobsuche. Außerdem will Orlow Brücken zwischen der Ukraine und Deutschland bauen, um ukrainische Waren hier zu verkaufen und langfristig auch deutschen Unternehmen den ukrainischen Markt zu öffnen.

Erfahrene Ukrainer helfen beim Aufbau einer beruflichen Zukunft

Es gibt innerhalb der Gruppe bereits verschiedene Sparten, etwa einen Business Club, ein IT-Cluster, Bereiche für Bildung, Immobilien und weiteres. Die Community organisiert verschiedene Veranstaltungen, bei denen erfahrene Ukrainerinnen und Ukrainer ihre Erfahrung teilen, wie man sich in Deutschland eine berufliche Zukunft aufbauen oder ein Unternehmen gründen kann.

Orlow zufolge arbeitet man mit dem Jobcenter zusammen, weil man dieselben Interessen verfolge, nämlich ukrainische Geflüchtete in Arbeit zu bringen. Es gibt bereits einige Beispiele, die zeigen, wie effektiv die Initiative arbeitet. Man habe bereits 50 Ukrainern dabei geholfen, einen Job zu finden und die Gründung eines ukrainischen Cafés begleitet. Dort haben auch zwölf Ukrainer eine Arbeit gefunden.

Gespräche mit Menschen wie Vyacheslav Orlow sind immer wieder inspirierend. Ich habe deshalb beschlossen, mich ebenfalls in dieser Initiative zu engagieren. Mein Angebot ist ein Seminar für Ukrainer, die an einer deutschen Schule arbeiten möchten. Hier kann ich sicher gut unterstützen.

Emiliia Dieniezhna, 35, flüchtete mit ihrer damals vierjährigen Tochter Ewa aus Kiew nach Pullach bei München. Sie arbeitet ehrenamtlich für die Nicht-Regierungs-Organisation NAKO, deren Ziel es ist, Korruption in der Ukraine zu bekämpfen. Außerdem unterrichtet sie ukrainische Flüchtlingskinder in Deutsch. Für die SZ schreibt sie einmal wöchentlich eine Kolumne über ihren Blick von München aus auf die Ereignisse in ihrer Heimat.

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