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Kommentar:Versagt im stillen Kämmerlein

Zorneding vergibt die große Chance, Standort für ein Forschungszentrum zu werden - auch weil der Vorgang ein Beispiel maximaler Intransparenz war

Von Andreas Junkmann

Zorneding hatte eine riesige Chance, doch die Gemeinde hat es geschafft, diese in beispielloser Art und Weise zu versemmeln. Das ist es, was hängen geblieben ist von einer denkwürdigen Gemeinderatssitzung am Donnerstagabend, als es darum ging, ob man eine Bewerbung als Standort für ein Forschungszentrum zur Wasserstofftechnologie einreichen will. Da sich die Mehrheit gegen das Projekt ausgesprochen hat, wird der Industriecampus nun andernorts entstehen - und der Landkreis Ebersberg geht leer aus. Ob das auch dem Wunsch der Bevölkerung entspricht, interessierte die Gemeinde bei der Beschlussfassung wenig. Der Vorgang war ein Beispiel maximaler Intransparenz.

Eines vorneweg: Es gibt gute Gründe, gegen ein solches Mega-Projekt vor der eigenen Haustür zu sein. Die Flächenversiegelung - es war die Rede von insgesamt rund 200 Hektar Land - wäre enorm gewesen, der Verkehr hätte stark zugenommen und der ohnehin schon bis an die Belastungsgrenze strapazierte Wohnungsmarkt im Münchner Osten wäre durch die zusätzlichen Arbeitsplätze vor eine echte Zerreißprobe gestellt worden. Auf der anderen Seite aber hätte die Gemeinde durchaus auch von dem Industriezentrum profitiert: Mit etwas Verzögerung wären die Gewerbesteuereinnahmen wohl nur so gesprudelt, einheimische Unternehmen wären gestärkt worden und vor allem hätte Zorneding sein Image vom Pendlerdorf zu einem deutschlandweit beachteten Hightech-Standort wandeln können.

All diese Argumente, seien sie dafür oder dagegen, sind seit dem ablehnenden Beschluss vom Donnerstag hinfällig - was vor allem Bürgermeister Piet Mayr (CSU) auf die Palme brachte. Der hatte sich zuvor für den Campus stark gemacht und reagierte anschließend umso dünnhäutiger, als er die Mehrheit des Gremiums nicht auf seiner Seite hatte. Dabei muss er das Votum zu einem großen Teil auf seine eigene Kappe nehmen: Wer meint, er könne eine der wichtigeren Entscheidungen in der 1200-jährigen Ortsgeschichte über die Köpfe der Bürgerinnen und Bürger hinweg treffen, der braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm das Projekt am Ende auf die Füße fällt.

Still und heimlich wurden in drei Sitzungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit die Argumente für oder gegen den Industriepark abgewogen. Daran störten sich vor allem auch jene Gemeinderäte, die schlussendlich gegen das Projekt stimmten. In den Prozess hätte die Bevölkerung von Anfang an mit eingebunden werden müssen, etwa durch eine notfalls virtuelle Bürgerkonferenz, um zu signalisieren: Wir können hier etwas Großes für unseren Ort erreichen. So aber haben 21 Volksvertreter Fakten geschaffen, ohne das Volk nach seiner Meinung zu fragen. Hätte die Gemeinde den Prozess transparent gestaltet, der Ratsbeschluss wäre wahrscheinlich anders ausgefallen.

© SZ vom 31.10.2020
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