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Windräder in Ebersberg:"Dann können wir Korkeichen anbauen"

Die Mitglieder des Bund Naturschutz bei einem Treffen am Dienstagmittag im Ebersberger Forst, unweit der ehemaligen Anzinger Sauschütt. Ihre Botschaft: "Der Wald kann nur überleben, wenn man einen kleinen Teil davon für Windkraftanlagen opfert."

(Foto: Christian Endt)

Die Windkraft im Forst spaltet die Szene der Umweltaktivisten. Warum der Bund Naturschutz trotzdem dafür ist.

Von Korbinian Eisenberger

Sie weiß, dass sie nun wieder E-Mails bekommen wird, "nicht unbedingt von der netten Art", sagt Regina Wegemann. Dennoch steht die Ebersbergerin auf dem lehmigen Waldboden, hält ihre Hündin Fanny an der Leine - und ein Schild in die Kamera: "Klima retten". Oder, wie sie selbst sagt: "Beim Bürgerentscheid für die Windräder im Forst mit Ja stimmen." Wegemann positioniert sich klar für die Idee, Bäume zu fällen, damit im Ebersberger Forst fünf Windräder errichtet werden können. Eine Sichtweise, für die sie angefeindet wird. "Die Stimmung ist aggressiv", sagt sie. In Schrift wie Wort - per Nachricht oder beim Spaziergang im Ort. "Mir wird gesagt, 'ihr macht den Wald kaputt'."

Mit "ihr" gemeint sind die Männer und Frauen, die sich an diesem Dienstagmittag im Ebersberger Forst versammelt haben: Olaf Rautenberg und seine Kollegen von der Kreisgruppe Ebersberg des Bund Naturschutz (BN) berichten von einer Spaltung, die durch die Verbände der Umweltszene geht. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) und die Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst sind gegen den Eingriff. Der BN hingegen sagt: "Der Wald kann nur überleben, wenn man einen kleinen Teil davon für Windkraftanlagen opfert."

Es ist die vielleicht entscheidende Frage bei diesem Projekt: Muss man zur Errichtung von Windrädern zwingend Bäume in einem beliebten Wald fällen? Zwischen den Antwortmöglichkeiten gibt es praktisch keine Graustufen. Die einen verurteilen das Projekt, die anderen fordern es ein.

Zu ihnen zählt Olaf Rautenberg, der einen Sonnenschutz auf dem Kopf trägt und als BN-Vorsitzender auch sonst den Hut aufhat. In einer kurzen Rede erklärt er, was aus seiner Sicht den Unterschied des BN zu anderen lokalen Umweltverbänden ausmacht: "Wir betrachten die Gesamtheit", so Rautenberg. Unterstützung bekommt er von Martin Geilhufe, der bayerische Landesbeauftragte des BN ist ebenfalls in den Forst gekommen. Seine Prognose deckt sich mit wissenschaftlichen Berechnungen: Steigen die Temperaturen weiter an, werden heimische Bäume wie Fichte und Buche vertrocknen. Franz Höcherl von der Ortsgruppe Pliening drückt die Problematik mit einer im mediterranen Portugal heimischen Baumart aus: "Dann können wir nur noch Korkeichen anbauen."

Die Argumente der Gegner: Sie befürchten Lebensgefahr für Tiere durch die Bauarbeiten und Rotoren. Weiter wird prognostiziert, dass fünf Windräder nur der Anfang sein könnten für die Entwicklung eines der größten Wälder Südbayerns hin zu einem Schweizer Käse. Der BN hält dem technische Neuerungen zum Schutz der Tiere entgegen. Und die per Abstimmung definierte Anzahl von fünf Anlagen. Von der Sauschütt geht es für die BN-Mitglieder per Fahrrad zu einem der fünf Standorte. Sie stehen nun auf einem Geräumt mitten im Wald, die Baumkronen wiegen sich im Wind. Bis zur nächsten Siedlung sind es viele Kilometer. Diese Distanz ist ausschlaggebend für die Idee, hier ein Windrad zu errichten - weil in Bayern schon lange vor Corona ein Abstandsgebot galt.

Von links: Hündin Fanny, Regina Wegemann, Charlotte Schmidt, Lutz und Jutta Judt, Olaf Rautenberg, Franz Höcherl, Martin Geilhufe und Annemarie Räder.

(Foto: Christian Endt)

Dass es im Kreis Ebersberg nun am 16. Mai zum Bürgerentscheid für oder gegen die Windräder im Forst kommt, ist auch das Ergebnis einer politischen Entscheidung des früheren Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU): Hätte Bayern 2014 nicht als einziges Bundesland die sogenannte 10-H-Regelung eingeführt - also einen Mindestabstand von 2000 Metern zur nächsten Siedlung (bei einer 200 Meter hohen Anlage) - würde man im Kreis Ebersberg womöglich über andere Standorte diskutieren. So sieht es der BN-Landesbeauftragte Geilhufe, der auf dem Ebersberger Waldboden einmal mehr die Forderung des BN Bayern bekräftigt, die 10-H-Regel zu kippen. Plienings Ortsgruppenchef Höcherl berichtet, welches Image Windräder in den Kommunen des Landkreises mit der Einführung von 10H erhalten hätten: "Sie werden wie ein Virus wahrgenommen."

Die Sonne taucht den Ebersberger Forst in warmes Licht. Ästeknacken und Vogelgezwitscher, ehe eine Motorsäge das Idyll durchdringt. Ein Waldarbeiter stört das besonnene Gespräch im Wald. Der Mann mit der Säge ist in solchen Momenten vor allem der Störer und Zerstörer, auch wenn er gerade einen Käferbaum fällt, der seinen Nachbarn gefährdet. So ähnlich gehe es dem Bund Naturschutz dieser Tage, berichtet Olaf Rautenberg. "Wir setzen uns seit Jahrzehnten für die Umwelt ein", sagt der Ebersberger BN-Vorsitzende. "Und nun wird uns vorgeworfen, dass wir den Wald kaputt machen."

Die grünen Aktivisten sind sich nicht mehr grün. Das andere Grün stößt plötzlich sauer auf. Nicht einmal Regina Wegemanns Labrador-Mischling Fanny bleibt davon verschont. Die BN-Mitglieder halten einen Moment inne, als die Hündin sich vor Übelkeit erbricht. Die Erklärung des Frauchens: "zu viel Gras gefressen".

© SZ vom 28.04.2021/abl/koei
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