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Abschiedsporträt:Georg Hohmann, Markt Schwabens Steh-Auf-Mann

Georg Hohmann Bgm Markt Schwaben

Vor zwei Jahren verabschiedete sich Georg Hohmann in eine fünfmonatige Auszeit. Das Foto entstand kurz nach seiner Rückkehr im September 2018.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Markt Schwabens Bürgermeister hat neun Jahre in einer komplizierten Gemeinde hinter sich. Seine Bilanz: Fünf Monate Burnout, 35 Millionen Euro Finanzierungshilfe, ein neues Schulzentrum. Nun tritt er ab und sagt: "Ich hätte mich auch drum rum mogeln können."

Es war alles andere als ein gewöhnlicher Anruf. Es war der Anruf eines Bürgermeisters, der sich bei einer Zeitungsredaktion krank abmeldete. Wegen eines chronischen Erschöpfungszustands war der damals 66-jährige Georg Hohmann von seinem Arzt für arbeitsunfähig erklärt worden. Dies berichtete der Bürgermeister von Markt Schwaben am Vormittag des 13. April 2018 am Telefon. Er stehe, so Hohmann, kurz vor dem Zusammenbruch. Der Stress, die Projekte, etwa der millionenteure Schulneubau, zwei mögliche Bürgerbegehren. "Das ging nicht ganz spurlos an mir vorüber", sagte Hohmann damals. Und, dass in wenigen Tagen seine Therapie beginne.

Selten hat man mal einen Gemeindechef so offen über seine Schwächen reden hören wie den Markt Schwabener Bürgermeister Georg Hohmann im April vor zwei Jahren. Hohmann verabschiedete sich an diesem Tag vom Amt und aus der Öffentlichkeit. Doch er kehrte zurück. Fünf Monate später, im September 2018, nahm er die Geschäfte im Markt Schwabener Rathaus wieder in die Hand. In einem Interview kurz nach seinem Wiedereinstieg richtete er sich an seine Amtskollegen in der Region. "Passt auf euch auf", sagte er, ehe er die verbleibenden 20 Monate seiner zweiten und letzten Amtszeit antrat. Nach neun Jahren hört Hohmann nun aus Altersgründen auf. Hinter ihm liegt eine komplizierte Zeit in einem komplizierten Ort.

Es ist Freitag Nachmittag, diesmal klingelt das Handy von Georg Hohmann. Er ist gerade bei der Übergabe an seinen Nachfolger. "Ich freue mich darauf, nicht mehr so viel Verantwortung zu haben", sagt Hohmann. An einem Sonntag einfach auf dem Balkon sitzen und lesen. Matthias Bichler von Lena Christ, erzählt er. Eine Geschichte über einen Mann, der sich durchgebissen hat. Über Georg Hohmann könnte man das auch sagen.

Würde er seiner Amtszeit einen Buchtitel geben, stünde "Schwere Arbeit" darüber, sagt Hohmann.

Der Weg zum Ziel war bisweilen holprig - besonders im Gemeinderat

Der heute 68-Jährige wird den Markt Schwabenern als der Mann in Erinnerung bleiben, der dem Ort ein neues Schulzentrum beschert hat. Dafür hat Hohmann jahrelang gekämpft, unterstützt von seinem Bauamtsleiter Frank Eichner, den Hohmann vor fünfeinhalb Jahren ins Rathaus holte. In den vergangenen sechs Jahren hat Hohmann den Markt Schwabener Verwaltungsapparat massiv umgekrempelt, das wird seinem Nachfolger den Einstieg leichter machen als einst ihm selbst.

Hohmann hat den Hochwasserschutz im Ort vorangetrieben, er hat der Markt Schwabener DAV-Sektion die Kletteranlage zunächst ohne Vorwarnung zugesperrt, dann aber deren Weiterbetrieb sichergestellt. Der Weg zum Ziel war bisweilen holprig, kaum ein zweiter Gemeinderat im Landkreis Ebersberg strapazierte die Geduld der Zuhörerschaft intensiver mit seinen selbst zu später Stunde nicht enden wollenden Debatten. Es gibt Bürgermeister, die hätten dazwischen gegrätscht, wenn Gemeinderatsmitglieder zu nächtlicher Stunde Tippfehler in der Beschlussvorlage korrigiert haben wollen. Dafür hat der Ort mit dem Falken im Wappen dank der Adleraugen vom dritten Bürgermeister Joachim Weikel die dudenkonformsten Sitzungsvorlagen in ganz Südostbayern.

Ein Superlativ prägte Hohmanns Amtszeit von Anfang an. Im Jahr 2019 wurde offiziell, dass Markt Schwaben als ärmste Gemeinde Oberbayerns bezeichnet werden darf. Nimmt man zur Grundlage, dass außer Markt Schwaben kein anderer Ort im ganzen Bezirk Geld aus der Stabilisierungshilfe vom bayerischen Finanzministerium bekommen hat. Insgesamt um die 35 Millionen Euro. Anders wäre der Schulbau praktisch undenkbar gewesen. Die Schulden aber, "die waren schon da als ich angefangen habe", sagt Hohmann. Trotzdem plante er die Schule, ein auf derzeit 65 Millionen Euro taxiertes Großprojekt. "Ich hätte mich auch drumrum mogeln können", sagt er. "Dann hätte mein Nachfolger das Problem lösen müssen." Und wahrscheinlich viel mehr Geld investieren müssen.

Zum letzten Mal im Jackett vorne in der Mitte des Sitzungssaals

Mit Hohmann tritt auch der zweite Bürgermeister Albert Hones von der CSU ab. Er war besonders wichtig für Hohmann, als er im April 2018 für fünf Monate seine Aufgaben übernahm. Der hübsche Zweiklang Hones und Hohmann ist aber nicht nur von Harmonie geprägt, im Gegenteil. Hones monierte stets, dass er sich mehr Transparenz im Gemeinderat wünsche, weniger Besprechungen in nichtöffentlicher Sitzung. Hier wurden sich die beiden bis zum Schluss nicht einig. "Da ist noch nicht alles ausgesprochen", sagt Hones, der in 30 Jahren Gemeinderat drei Rathauschefs erlebt hat. Eines müsse er Hohmann aber zu Gute halten: "Wir haben jetzt eine sehr gute Verwaltung und ein gut besetztes Bauamt."

Anruf bei einem, der immer wieder die offene Konfrontation mit dem Bürgermeister suchte: Sascha Hertel, Gründer der Bürgergruppe Zukunft Markt Schwaben und bei der Kommunalwahl vor sechs Jahren gegen Hohmann unterlegen. Im Umgang mit Gemeinderatsanträgen, so Hertel, habe "der Bürgermeister ab und an die Neutralität vermissen lassen". Dennoch "hatten wir einen guten Umgang". Für Hertel "sitzen dank Hohmann an den wichtigsten Positionen im Rathaus gute Leute".

In diesen Tagen bereitet der gebürtige Hesse Hohmann den gebürtigen Markt Schwabener Michael Stolze auf das Amt vor. Der gemeinsame Kandidat von SPD und Freien Wählern hatte sich Ende März in der Bürgermeister-Stichwahl gegen den CSU-Bewerber durchgesetzt: Bauamtsleiter Frank Eichner, der bei seiner Nominierung im November Glückwünsche vom vor Freude strahlenden Georg Hohmann entgegennahm. Statt eines zugezogenen Schwaben übernimmt aber nun ein Eingeborener die Geschäfte. Ende April äußert Hohmann sich diplomatisch: Ihm sei wichtig gewesen, dass sich überhaupt zwei geeignete Bewerber gefunden hätten. Über Stolze und Eichner sagt er: "Die könnten beide das Rathaus managen."

Im April hat Hohmann seine letzte Ausschusssitzung geleitet. Zum letzten Mal saß er im Jackett vorne in der Mitte des Sitzungssaals und sprach über die Baugenehmigung eines Imbissstands, teilte eine Eilentscheidung mit, um den Bau eines Aufzugs im Rathaus voranzutreiben. Für den Gemeinderat hätte er noch kandidieren dürfen, das wollte er aber nicht mehr. Im Sinne des Nachfolgers. "Ich wollte nicht den lästigen Berater machen, der den Bürgermeister mit seinem Wissen korrigiert", so Hohmann. Den Aufzug, wenn er denn fertig ist, und die Treppe zum Sitzungssaal wird Hohmann nur noch sporadisch benutzen, sagt er.

Georg Hohmann hat andere Pläne: Transibirische Eisenbahn, Tasmanien, ein ausgebauter VW-Bus soll her. Nun stehen Reisen an, für die er sich nicht mehr telefonisch abzumelden braucht.

© SZ vom 23.04.2020/koei

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