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Ebersberg:"Wir wissen es alle nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren"

Eindrücke von der Mahnwache am Mittwochabend in Ebersberg.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

50 Ebersberger halten ein Mahnwache für das niedergebrannte Flüchtlingscamp Moria. Unter den Teilnehmern befindet sich eine Frau, die bereits dort war.

Von Korbinian Eisenberger, Ebersberg

Michaela Feckl war am Ort des Grauens, im Jahr 2018, zwei halbe Tage mitten im Elend des Camps Moria. "Schon damals habe ich mir gedacht, wie schrecklich das alles ist", erzählt die 56-Jährige. Auch deswegen hat sie etwas von der Insel Lesbos mitgebracht: Eine bunte Umhängetasche, zusammengenäht aus den Resten von Schwimmwesten, die am Strand der griechischen Insel herumliegen. "Fake-Schwimmwesten", wie die Ebersbergerin Feckl erklärt, weil die Schaumstoffeinlagen fehlen. "Im Zweifel würde einen das Gewicht des Stoffes eher untergehen lassen", sagt sie. Ob die Schwimmwesten, die nun eine Tasche sind, ihren Trägern Glück brachten, auf der Reise über das Mittelmeer von der Türkei nach Lesbos? Feckl weiß es nicht. Deswegen trägt sie die Tasche seit ihrem Besuch auf Lesbos vor zwei Jahren mit sich herum - nicht wie ein Souvenir, sondern als Mahnmal.

Feckl ist spontan gekommen, wie so viele, die sich an diesem Mittwochabend auf dem Ebersberger Bahnhofsplatz versammeln. Gut 50 sind gekommen, um eine Mahnwache zu halten. Sie wollen aufmerksam machen auf das seit Jahren überfüllte Flüchtlingslager Moria, dessen Bewohner nach einem Großbrand obdachlos geworden sind. Marthe Balzer und Leonhard Bartz vom Kreisjugendring Ebersberg haben Stunden nach Bekanntwerden der Feuersbrunst spontan über Facebook und Zuruf zur Kundgebung aufgerufen. "Die Menschen in Moria kommen aus der Verfolgung und sitzen dort im Dreck", ruft Marthe Balzer durch einen Lautsprecher. "4000 Kinder, wir wissen es alle nicht erst seit gestern, sondern seit Jahren."

Ein Bulldog fährt vorbei, während die Mahnwache standhaft und friedlich Schilder hoch hält. "Moria brennt, Europa pennt" oder "Seenotrettung ist kein Verbrechen" - so lauten die schriftlichen Botschaften. Der Vorstand des Ebersberger Kunstvereins ist gekommen, Vertreter der Helferorganisation Seite an Seite mit Sitz in Markt Schwaben, und Brima Kabba, Gründer des kürzlich ausgerufenen Asylhilfevereins "Small World" aus Ebersberg. "Wir haben nun den Notartermin", erklärt Kabba, bald ist die Gründung vollzogen.

Am 28. September 2015 wurde auf diesem Platz in der Kreisstadt schon mal eine Mahnwache abgehalten, 80 Leute kamen damals in Solidarität mit dem afghanischen Imbissverkäufer, dessen Laden Opfer einer rassistisch motivierten Gewalttat wurde. Seither hat sich im Landkreis Ebersberg eine regelrechte Bewegung gegen Rassismus und für Asylhilfe entwickelt, das ist an diesem Mittwoch fünf Jahre später gut zu sehen.

© SZ vom 11.09.2020
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