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Flüchtlingslager in Griechenland:"Meine Leute berichten, dass Moria irreparabel ist"

Tobias Vorburg vor seiner Abreise am Mittwochvormittag am Münchner Flughafen:

Tobias Vorburg vor seiner Abreise am Mittwochvormittag am Münchner Flughafen: Für den Sprecher des Vereins "Seite an Seite" ist Moria nach dem Rettungsschiff Sea Eye 2016 und Südafrika 2017 der dritte internationale Einsatz als Ehrenamtlicher. Der 31-jährige Familienvater arbeitet als Rettungsassistent und studiert Soziale Arbeit.

(Foto: Privat)

Stunden vor seiner Abreise ins Flüchtlingslager Moria bricht dort ein Großbrand aus, offenbar wurden Einsatzkräfte angegriffen. Warum Tobias Vorburg aus Markt Schwaben trotzdem fliegt.

Interview von Korbinian Eisenberger, Markt Schwaben/München

Dass diese Mission schwierig wird, wusste Tobias Vorburg, nicht aber, dass das Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos wenige Stunden vor seiner Abreise am Mittwochvormittag regelrecht in Flammen aufgeht. Der 31-jährige Markt Schwabener sollte im Camp ursprünglich Patienten in der Notaufnahme nach Dringlichkeit einstufen. Fliegt er trotz der Flammen?

SZ: Herr Vorburg, Moria brennt, die Situation im Lager ist außer Kontrolle, Rettungskräfte vor Ort wurden angegriffen. Sie fliegen trotzdem?

Tobias Vorburg: Ja, ich sitze gerade auf dem Beifahrersitz auf dem Weg zum Flughafen. Mein Flug nach Lesbos geht um 11.15 Uhr.

Haben Sie Kontakt zu Menschen im Camp?

Aus meinem Team habe ich erfahren, dass dort Unvorstellbares passiert. Es gibt keine Zahlen, aber meine Leute berichten, dass Moria irreparabel ist. Bemerkenswert ist, dass die mobile Notaufnahme mitten im Zentrum von Moria offenbar unbeschadet überlebt hat.

Sie sind Rettungsassistent und einiges gewöhnt. Aber Feuer, Corona und tausende verzweifelte Menschen auf engstem Raum - haben Sie da keine Angst?

Mir ist bewusst, dass es ein gefährlicher Einsatz werden kann. Die Situation ist nicht zu vergleichen mit Einsätzen hierzulande. Angst habe ich nicht, aber Respekt. Dass der Einsatz nicht leicht wird, wusste ich. Aber Hilfe von außen ist wichtig, vielleicht jetzt noch mehr als vorher. Eine Reisewarnung wäre mir wurscht gewesen.

Wie haben Sie sich von Ihren beiden Töchtern verabschiedet?

Ganz normal: Bleibt's brav, in zwei Wochen bin ich wieder da. Dann gehen wir auf den Spielplatz.

Wie können Sie unter den neuen Umständen vor Ort helfen?

Ich stelle mich auf Brandverletzungen, Verbrennungen höheren Grades, Rauchgas-Intoxikationen, bis zu Lungenschäden ein. Für mich und mein Team dürfte es darum gehen, die Menschen hochgradig mit Sauerstoff zu versorgen, Atemwege freizuhalten und Folgeschäden zu vermeiden.

Wer sind Ihre Teammitglieder?

Ich kenne niemanden, ich weiß nur, dass wir ein internationales Team sind, so war das bei meinem Einsatz auf dem Rettungsschiff Sea Eye und so ist das manchmal auch im Rettungsdienst. Der Kollege, ob man ihn kennt oder nicht, ist dein Bruder oder deine Schwester.

Nach Ausbruch des Feuers haben Lagerbewohner offenbar Feuerwehrleute mit Steinen beworfen und versucht, sie an den Löscharbeiten zu hindern. Sind Sie im Einsatz angegriffen worden?

So etwas wird hier häufiger berichtet, Gott sei Dank ist mir das in den zehn Berufsjahren als Rettungsassistent und auch in den ganzen Ehrenämtern in der Asylhilfe erspart geblieben. Ich bin noch nie angegriffen worden.

Woran kann das liegen?

Es geht immer um die Frage, wie tritt man auf: Respektvoll und ohne den Menschen zu bewerten. Meine eigenen persönlichen Befindlichkeiten haben da keinen Platz. Man sollte Empathie und Verständnis bündeln.

Was haben Sie in ihrem Koffer?

Einen Plexiglasschutz fürs Gesicht, ein Stethoskop, Sicherheitsschuhe mit Stahlkappen und Trittschutz. Und wie immer ein Foto von meinen Kindern und einen Rosenkranz.

© SZ vom 10.09.2020/koei
FILE PHOTO: Migrants from the Moria camp in Lesbos wait to board busses at Piraeus port in Athens following the coronavirus disease (COVID-19) outbreak

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