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Hohenlindener Sauschütt:Die Wirtin und ihr Förster

Anni und Rudolf Schierl Sauschütt Hohenlinden

Anni und Rudolf Schierl vor ihrem Wirtshaus Mitte der 70er.

(Foto: Privat)

Die Hohenlindener Sauschütt zählte zu den beliebtesten Waldlokalen im Großraum München - nun schließt sie nach mehr als sechs Jahrzehnten. Ihre Geschichte ist eng mit jener der Familie Schierl verbunden.

Die Kartoffelsuppe hat damals 30 Pfennige gekostet, 20 Pfennige weniger als eine Halbe Bier. Das ging solange bis ein Gast meinte, dass die Wirtin für ihre Suppe gemäß Qualität und Nachfrage gut und gerne ein Fuchzgerl verlangen könne. So kam es Ende der 50er zur ersten Preiserhöhung in der Waldgaststätte "Hohenlindener Sauschütt". Der Förster Rudolf Schierl war damals Mitte 30 und in dreierlei Hinsicht glücklich: Weil er dort gerade seine erste Festanstellung unterschrieben hatte. Weil er trotz seines Kampfflieger-Absturzes in Russland am Leben war. Und weil er seine Anni geheiratet hat: Anni Schierl, die künftige Wirtin.

Die Geschichte der Hohenlindener Sauschütt ist eng verbunden mit jener der Familie Schierl. Mit Rudolf Schierl, 97 Jahre alt - der Mensch, mit dem 1954 alles begann. Und mit seiner Frau Anni, die dort fast drei Jahrzehnte die Wirtin war. "Ohne sie wäre das alles nicht gegangen", sagt Rudolf Schierl, der in diesem Moment in seiner Stube in Hohenlinden sitzt und auf ein Foto an der Wand zeigt, aufgenommen 1997 bei der Goldenen Hochzeit. "Alleine ist es manchmal schon traurig", sagt er.

Sauschütt Ebersberger Forst wg. Schließung

Noch heute kommt Rudolf Schierl jede Woche an der Sauschütt zum Spazieren vorbei.

(Foto: Photographie Peter Hinz-Rosin)

Der 31. Dezember 2019 fällt mit Anni Schierls zwölftem Todestag zusammen. Und gleichermaßen mit dem letzten Öffnungstag an ihrer alten Wirkungsstätte. Nach mehr als sechs Jahrzehnten Betrieb geht an der Hohenlindener Sauschütt mit dem Jahreswechsel eine Ära zu Ende, die Rudi und Anni Schierl zusammen geprägt haben. Zum Abschied laden die aktuellen und nun scheidenden Wirtsleute zu einer letzten Silvesterparty ein.

Wie Zuckerguss friert der Schnee an den Nadeln, ein bitterkalter Dezembertag im Ebersberger Forst. Aber nicht kalt genug, um Rudolf Schierl von seinem Ritual abzuhalten. Zweimal die Woche kommt er raus zur Sauschütt, "mindestens", sagt er, zum Spazieren oder im Sommer für eine Erfrischung im Biergarten. Mit Wintermantel, Hackelstecken und Jägerhut führt er jetzt zum Nebenhaus, wo heute der Ausschank der Selbstbedienung untergebracht ist. "Des hat's natürlich bei mir ned geb'n", sagt er, damals war dort seine Garage. Wo heute die Küche ist, war früher sein Büro. Die Schierls hatten Schweine und Kühe, die ließen sie an Ort und Stelle von ihrem Metzger aus Hohenlinden schlachten. "Anfangs hat er sie erschlagen", sagt Schierl. Später kam der Metzger mit Bolzenschussgerät. Schierls Zeigefinger wandert zwischen seine Augen. "Damit hat er ihnen direkt ins Hirn reing'schossen."

Historische Bilder Hohenlindener Sauschütt

In den 50ern kamen die Gäste fast ausschließlich zu Fuß und mit dem Fahrrad an die Hohenlindener Sauschütt.

(Foto: Archiv Bayerische Staatsforsten)

Schierl hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, und eine Zeit als Förster, als Unfälle im Holz fast dazugehörten. Nun, mit 97, spricht er immer noch mit der Präzision eines Mannes, der nicht verfehlt, weder mit Gewehr noch mit Axt. Fast ein Jahrhundert hat der Hohenlindener gelebt, und noch immer erinnert er sich an Details, die mehr als ein halbes Leben zurückliegen: Jahreszahlen, Namen, Mahlzeiten. "Nach der Schlachtung haben wir Leberwurst, Blutwurst und Kesselfleisch gemacht", sagt er, dessen Augen so stechend sind, dass sie schier durchbohren. Menschen wie er sind wie seltene Schätze, weil man keinem Geschichtsbuch der Welt Fragen stellen - oder in die Augen schauen kann.

Rudolf Schierl bleibt am Hintereingang stehen, wo ein Metallschild an rostigen Ketten hängt, Hohenlindener Sauschütt steht in geschwungener Schrift drauf, "das hing zu meiner Zeit auch schon da", sagt Schierl. Der Hintereingang gleich neben dem Schild hatte schon damals dieses kleine Vordach aus Holzschindeln. Hier hat sich optisch wenig getan, nur war die Tür bis in die 80er-Jahre nicht der Hinter- sondern der Haupteingang.

Rudolf Schierl bleibt zwischen den Biertischen stehen, der Hut flattert leicht im Wind. Seine Hand hat den Stock umfasst, doch er trägt ihn nicht wie eine Stütze, eher wie einen Speer. Der Förster und Jäger ist ihm auch mit 97 Jahren noch anzusehen. Ob der Wildsaukopf in seiner Wohnung sein Werk ist? Die Mundwinkel zucken. "Ja freilich, alles was bei mir hängt, hab' ich selber erlegt."

Schierl hatte zehn Jahre für das Forstamt Sauerlach in Otterfing gearbeitet, ehe er 1956 seine erste Stelle als Revierleiter bekam und in der Besoldung nach oben gestuft wurde. Voraussetzung: "Die Bewerbung hat verlangt, dass meine Frau die Gaststätte bewirtschaftet", sagt er. Försterfamilien sollten sich so ein Zubrot verdienen, was den Reiz entlegener Waldgebiete erhöhte. Einschränkung: Der Mann sollte in der Küche nichts verloren haben. "Das mussten wir vertraglich unterschreiben."

Damals wie heute war die Sauschütt eine besondere Form von Gastronomie. "Bei schönem Wetter haben's uns überrannt", sagt Schierl, "und wenns schlecht war, konnten wir alles selber essen." Das machte es schon immer speziell. Dass die aktuellen Wirtsleute der Sauschütt nun ihren Vertrag auslaufen lassen, hat aber auch moderne Gründe. Wie vom Hotel- und Gaststättenverband zu erfahren ist, treiben bürokratische Hürden und der Fachkräftemangel das Wirtshaussterben in Bayern weiter voran, weswegen der Verband Erleichterungen etwa bei der Mehrwertsteuer fordert. Adi Warta vom Forsthaus St. Hubertus, der Wirt des zweiten großen Biergartens im Ebersberger Forst, äußerte sich im Sommer deutlich zu den Problemen neuer Auflagen, etwa die Dokumentationspflicht oder die verschärfte Arbeitszeitenregelung für Kellner. Warta will in einem Jahr aufhören, in der Sauschütt steht schon jetzt der letzte Tag an.

Der Wind bläst um das Gebäude und lässt das Metallschild erzittern. Rudolf Schierl zeigt mit dem Stock nach oben, hinter dem Fenster links war einst das Ehebett, daneben die Schlafzimmer der Kinder. Ob es ihn traurig mache, dass sich kein Nachfolger findet und laut Staatsforsten auch niemand in Sicht ist? Schierl schiebt den Hut an der Krempe nach oben, kurz zucken die Mundwinkel. "Traurig", sagt er, "traurig sind ganz andere Dinge."

Es geht hinein in das Haus von Rudolf Schierl, hier lebt er seit er 1986 in den Ruhestand gegangen ist. Im Flur hängt eine Urkunde der Bayerischen Staatsforsten, überreicht an "Frau Anni Schierl, die 27 Jahre in vorbildlicher Weise in der Hohenlindener Sauschütt im Ebersberger Forst stets um das Wohl der Gäste bemüht war und helfend mit Rat und Tat an der Seite ihres Forstmannes gewirkt hat. (...) Wir sagen ein herzliches Vergelt's Gott."

Rudolf Schierl sitzt jetzt an seinem Küchentisch, wo der Blick an die Wand geht. In fast jedem Bilderrahmen ist seine Anni zu sehen. "So schee war's, als sie noch da war", sagt er. Anni Schierl musste die Wirtschaft aus gesundheitlichen Gründen schon drei Jahre vor seiner Pensionierung aufgeben, "sie hat viel mitgemacht und Probleme mit den Füßen bekommen," sagt ihr Ehemann. Anni Schierl wurde mehrfach operiert, ehe sie 2007 starb. Rudolf Schierl sagt: "Sie hat ihre Gesundheit für die Gastwirtschaft geopfert".

So kennt man die Hohenlindener Sauschütt heute.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Der Tod begleitet das Leben, und bei Rudolf Schierl ging es früh damit los. Während er in seiner Küche Tee kocht, erzählt er von dunklen Jahren seines Lebens, als er 1943 für die Wehrmacht als Bomberpilot im Einsatz war und in Südwestrussland nahe der Stadt Ostrow abstürzte. "Wir wurden abgeschossen und waren schwer beschädigt", erzählt er. Dass er die Notlandung überlebte, gleicht einem Wunder.

Schierls Augen werden feucht, doch er erzählt weiter. "Es wurde noch schlimmer", sagt er. Er erinnert sich, wie es ihm und drei Kameraden gelang, sich durch die feindlichen Linien durchzuschlagen - um später als Infanterist in Ostpreußen verwundet zu werden und in russischer Gefangenschaft zu landen. "Als ich mit meinem Kamerad heim kam, haben wir ausgesehen wie Skelette."

Nie wieder Krieg, vor allem anderen ist das seine Botschaft. Rudolf Schierl steht jetzt vor seiner Haustür unter einem Vordach, das dem früheren Haupteingang der Sauschütt eins zu eins gleicht. "Ich hab es mir daheim nachgebaut", sagt er. Nie wieder Kartoffelsuppe in der Sauschütt? Die Staatsforsten als Eigentümer und die Brauerei Wildbräu haben für Mitte Januar ein Gespräch wegen der Weiterbewirtschaftung geplant, konkrete Anhaltspunkte gibt es nicht zu verkünden. "Schön wär's schon, wenn's weitergeht", sagt er. Dann verschwindet er unter seinem selbst gebauten Sauschütt-Dacherl.

© SZ vom 31.12.2019/aju/baso
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