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Landwirtschaft:Kreis Ebersberg: Förderprogramm für Artenvielfalt

Blick in die Alpen mit Mohn bei Straußdorf

So schön wie auf dieser Wiese in Straußdorf blüht es im Landkreis Ebersberg nicht mehr allzu häufig. Das soll ein neues Projekt nun ändern.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Ein Trio aus Ebersberger Behörden und Verbänden will dem Artenreichtum im bäuerlichen Grünland zu neuem Leben verhelfen.

Landwirt Martin Lechner war einer der ersten, die mitgemacht haben. Und "a bissl was geht scho' auf", sagt er jetzt. Es geht um einen drei Meter breiten Streifen aus Blumen, die er am Rand einer seiner Wiesen angelegt hat. Vor ein paar Wochen sind die Samen in den Boden gekommen, zu kalt war es nicht, und geregnet hat es in diesem späten Frühjahr ja auch genug. Beste Voraussetzungen also für das Projekt "Initiative Artenvielfalt im Grünland", gemeinsam entwickelt vom Landkreis Ebersberg, dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten sowie dem Maschinenring Ebersberg/München Ost. Beratend zur Seite gestanden hat der Landschaftspflegeverband im Landkreis, der mit extensiv bewirtschafteten Wiesen jahrzehntelange Erfahrung hat.

2000 Quadratmeter groß ist Lechners Blühstreifen im Atteltal, wo jetzt die ersten Blümchen ihre Köpfe aus der Erde recken, auf einem Streifen entlang des Schauerachgrabens, mehr Rinnsal als Bach, daneben verläuft ein Radweg von Straußdorf nach Aßling. Der Gewässerrand eignet sich ohnehin nicht zur intensiven Bewirtschaftung. "Aber für Bienen und andere Tiere ist das doch ideal gleich neben dem Wasser", sagt Lechner, der für die CSU im Kreistag sitzt und schon 2018 einen gemeinsamen Antrag seiner Fraktion und der FDP mitgetragen hat, zu prüfen, auf welchen öffentlichen Flächen Blühstreifen oder Bienenweiden angelegt werden könnten. Richtig viel sei aber nicht daraus geworden, klagt der Landwirt heute. Grünflächen an Schulen und Ämtern hätten in Frage kommen können, Straßenbegleitgrün an Radwegen, Kreis-, Staats- und Bundesstraßen sowie Inseln im Kreisverkehr und sonstige Flächen des Landkreises. "Als erstes kam der Aufschrei von den Schulen", erzählt er, zu viele Allergiker unter den Schülern, zu viele Insekten in der Nähe der Kinder. "Und das Straßenbauamt macht auch nichts." Da hätte man eine Vernetzung von ökologisch wertvollen Grünstreifen und Wiesenstücken haben können, sagt Lechner.

Zumal es blühte und grünte - nicht nur, aber auch im Landkreis Ebersberg - in den Jahren 2018 und 2019, dem Jahr der Biene und jenem des Volksbegehrens Artenvielfalt. Ebersberg war als erster Landkreis 2018 der Berliner Initiative "Deutschland summt" der Stiftung Mensch und Umwelt beigetreten. Initiativen, die den Artenschutz fördern wollten, wurden vielerorts im Umfeld des Bienenvolksbegehren und der Fridays-for-future-Bewegung gegründet. 53 Landwirte legten in großem Stil Blühstreifen im Landkreis an, Zusammen genommen an die 30 Kilometer lang war die Strecke von blühenden Ackerstreifen im Jahr 2018. Das Projekt wurde 2019 fortgeführt. Der Plieninger Landwirt Ludwig Huber verpachtete 2019 zehn-quadratmeterweise Land an Interessierte, und legte mit dem Geld eine Blumenwiese an. Die Nachfrage war groß, auf fünf Hektar blühte und summte es im vergangenen Jahr. Im Ebersberger Forst wurden im Rahmen des Projekts "Der Wald blüht auf" 7600 Hektar Fläche mit insektenfreundlichen Blühern bestückt. Auf acht Teilstücken säte der Landschaftspflegeverband regional vorkommende Pflanzen wie Mädesüß, Schlangenknöterich oder Knoblauchsrake ein.

Eine gewisse Verbitterung der Bauern über die Forderungen des Artenschutzvolksbegehrens und die anschließende Umsetzung im bayerischen Naturschutzgesetz dürfte ein Faktor sein, der die Menge der Blühstreifen an Rändern von Äckern oder Maisfeldern hat zurückgehen lassen. Der Ausbruch der Corona-Pandemie ist sicher ein weiterer, wochenlang hat das Thema jedes andere überlagert. So jedenfalls erklärt sich Ludwig Huber, Juniorchef des Plieninger Zehmerhofs, dass er heuer nur noch zwei Hektar seiner Fläche als Blühwiese anlegen konnte - im August will er allerdings mit der Werbung für das nächste Jahr beginnen. Von den knapp 30 Kilometern Blühstreifen im Landkreis ist noch gut ein Zehntel übrig geblieben, etwa 3,3 Kilometer solcher Feldränder gebe es aktuell, berichtet Josef Winkler, Geschäftsführer des Maschinenrings. "Das ist die schlechte Nachricht", sagt der Agrarwissenschaftler. Die gute Nachricht aber sei, dass es mit der Initiative Artenvielfalt im Grünland, nun ein Programm gebe, mit dem man hoffe, dauerhaft mehr Nahrungsflächen für Insekten zu schaffen.

Blühstreifen im Atteltal.

Am Schauerachgraben im Atteltal trifft man auf saftige Blumenwiesen.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

So können Bauern mit Grünlandflächen zur Futtermittelgewinnung einen Teil davon für das Programm anmelden. Der Landkreis stellt das Saatgut mit heimischen Wiesenblühern zur Verfügung, der Maschinenring übernimmt die Ansaat. Der Bauer verpflichtet sich im Gegenzug, die betreffenden Flächen frühestens bei der zweiten Mahd im Juni zu mähen, und dann noch einmal im Herbst. Die Blumen "sollen ausblühen können", erklärt Johann Taschner von der Unteren Naturschutzbehörde. Gras und Klee auf den intensiv bewirtschafteten Feldern werden dagegen fünf- bis sieben Mal im Jahr gemäht, das Futtergras soll ja "jung und eiweißhaltig sein", wie der Leiter des Landwirtschaftsamts Georg Kasberger erklärt. Das neue Projekt zielt vor allem auf Gewässerrandstreifen, Teilflächen mit ungünstiger Ausformung, ertragsärmere Bereiche, Waldränder oder steile Hänge ab, die ohnehin schwer zu bewirtschaften sind und ist somit als Versuch zu sehen, das neu geregelte Bayerische Naturschutzgesetz in Teilen umzusetzen. Bei der landwirtschaftlichen Nutzung ist es von diesem Jahr an verboten, "auf zehn Prozent der Grünlandflächen die erste Mahd vor dem 15. Juni durchzuführen", heißt es dort in Artikel 3, und die Vorschrift soll "im Rahmen von vertraglichen Vereinbarungen oder der Teilnahme an Förderprogrammen auf Flächen einzelner Betriebe" umgesetzt werden.

"Dafür, dass wir den Samen stellen, verlangen wir aber von den Bauern, dass sie fünf Jahre dabei bleiben", sagt Taschner. Womit man auch hofft, einen dauerhaften Effekt auf die Artenvielfalt zu haben - einen höheren als durch die Blühstreifen, die jeweils nur für ein Jahr gesät wurden. "Blühstreifen waren eine gute Sache, aber jetzt haben wir vielleicht eine sehr gute Sache", bekräftigt Josef Winkler. Das Blühstreifenprogramm laufe zwar weiter, werde aber nicht mehr beworben.

Blühstreifen vor Landwirtschaftsamt

Auch auf einem Streifen vor dem Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Ebersberg blüht es.

(Foto: Peter Hinz-Rosin)

Die Sache mit der "differenzierten Grünlandnutzung" sei zwar auf "positive Resonanz" bei den Landwirten gestoßen, berichtet Kasberger, doch eingestiegen seien bisher außer Kreisrat Martin Lechner nur wenige, was wiederum auch mit der fehlenden Möglichkeit der Bewerbung in der Corona-Phase zu tun habe. Investieren kann der Landkreis nach einem Beschluss des Kreistags bis zu 25 000 Euro jährlich, abgerufen wurde bisher ein Bruchteil. "Da ist noch Luft nach oben", konstatiert Taschner. Während die Bauern im Blühstreifenprogramm freiwillig auf einen Teil ihrer Einnahmen verzichteten - und viele sich geärgert hätten, "weil sie das ja freiwillig gemacht haben und dann der Gesetzgeber kam und alles vorgeschrieben hat", so Kreisrat Lechner - profitieren sie von diesem Programm. Sie können die extensiv bewirtschafteten Wiesenteile ja mähen und das "Altgras" dann unter das Futtergras mischen. Einen gewissen Nährstoffverlust haben sie zwar dadurch, brauchen aber weder in Saatgut noch Ansaat zu investieren, die übernimmt der Maschinenring.

Umso mehr hoffen die Verantwortlichen, mit dem neuen Programm erfolgreich zu sein - und auch, Bauern und Naturschutz wieder ein bisschen näher zusammen zu rücken. "Wir begrüßen das natürlich", sagt der Bund Naturschutz-Kreisvorsitzende Olaf Rautenberg. Für die Artenvielfalt könnte das Projekt tatsächlich langfristig einen positiven Effekt haben. Nicht nur, weil die Blühwiesen im Grünland über Jahre erhalten bleiben, sondern auch, weil das bisher sehr teure Saatgut für einheimische Blühpflanzen billiger werden könnte, je mehr solche Wiesen es wieder gibt aus denen sich die Samen gewinnen lassen. 600 Euro müsse man derzeit ausgeben, um Wiesensamen für einen Hektar Fläche zu bezahlen, erklärt Kasberger, 150 bis 200 Euro koste das Saatgut für einen Hektar Grünland. "Wir sind jedenfalls stolz auf unser Projekt. Ich weiß niemand im näheren Umkreis, der das jetzt auch im Grünland macht."

© SZ vom 23.06.2020

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