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Grafing:"Rücksichtslos, wie man 300 Jahre Geschichte einfach zerstören kann"

Protest aus der Luft: Marina Ruoff hängt in einem Gurtgestell an einem Seil, das quer über die Straße zwischen die beiden Bäume geknüpft ist, die wegen der Straßenerneuerung gefällt werden sollen.

(Foto: Christian Endt)

Die Grüne Jugend protestiert in Grafing für den Erhalt der alten Eiche. Unterstützung erhalten die Naturschützer von Kreis- und Gemeinderäten.

Von Alexandra Leuthner, Grafing

Manchmal schadet es nicht, schwindelfrei zu sein, wenn man im Dienste des Naturschutzes unterwegs ist - zumindest aber ein bisschen hart im Nehmen. Gut fünf Meter hoch sitzen an diesem Freitagmittag junge Leute, Mitglieder der Grünen Jugend im Landkreis, im dichten Geäst zweier Eichen, 300 und 80 Jahre alt, die mit ihren Kronen gewissermaßen ein Tor bilden am Waldrand bei Seeschneid, rechts und links der Kreisstraße EBE 8 Richtung Nettelkofen. Noch tun sie das. Die beiden Bäume stehen der Straßenerneuerung im Weg, die den Verkehr von Ebersberg in Richtung Glonn beschleunigen und im Bogen an Grafing vorbeiführen soll. Die Planung dafür hängt direkt zusammen mit dem bereits beendeten Ausbau des Seeschneider Kreisels.

2019 sei der Plan genehmigt worden, erklärt Kreisrätin Waltraud Gruber, die sich wie etliche andere Grüne aus Kreistag, Grafinger Stadtrat und verschiedenen Gemeinderäten zu den Aktivisten der Grünen Jugend gesellt haben. Zum Glück ist die Straße, der anstehenden Bauarbeiten wegen, bereits gesperrt, sonst wäre die auf den ersten Blick halsbrecherische Aktion für Marina Ruoff wohl nicht möglich gewesen: Sie hängt in einem Gurtgestell an einem zwischen beide Bäume geknüpften und mitten über die Straße geführten Seil. Darüber haben die jungen Leute ein Banner gespannt, "Müssen 100 Jahre alte Eichen für eine breite Straße weichen?" steht darauf.

Im dichten Grün, das der vergleichsweise junge Mischwald um die beiden alten Bäume in dieser Jahreszeit trägt, fallen die Eichen auf den ersten Blick gar nicht auf. In der Biotopkartierung des Landkreises Ebersberg sind sie auch nicht aufgelistet und seien so im Kreisausschuss bei der Beratung über die neue Trasse nicht erwähnt worden, erklärt Kreisrätin Gruber. Die meisten Autofahrer, die vom Seeschneider Kreisel kommen und hier vorbeifahren, haben wenig Muße, die Bäume am Fahrbahnrand zu betrachten. Sie müssen sich an dieser Stelle auf die schmale Straße konzentrieren, die, laut Landrat Robert Niedergesäß (CSU) "in einem erbärmlichen Zustand ist". Ein Stückchen weiter wird die Straße überdies kurvig, was nun geändert werden soll.

Vom Waldrand hinüber nach Westen ist die neue Trasse bereits vorbereitet, ein breiter Streifen aus steinigem Boden klafft dort. Am Straßenrand, ein oder zwei Armlängen von dem älteren der beiden Bäume entfernt, lagern drei mannshohe Kabelrollen, die für die Bauarbeiten gebraucht werden. Die Trasse, nördlich der alten Fahrbahn angelegt, endet genau dort, wo die Kabelrollen liegen. Im Herbst, wenn die Brutzeit vorbei ist, sollen die Motorsägen anrücken und den alten Baum aus dem Weg schneiden. Tobias Manegold, Mitglied im Vorstand der Grünen Jugend, hat einen Plan dabei, auf dem er zeigt, dass der alte Baum genau in der Mitte der neuen Trasse steht.

Soweit die bisherige Planung, die, wenn es nach dem Willen der Grünen geht, nicht die endgültige sein soll. Sie haben einen Antrag zur nächsten Sitzung des Kreisumweltausschusses (ULV) eingereicht, ergänzt durch einen Alternativplan, gezeichnet von Grünen-Kreisrat Thomas von Sarnowski. In ihm schlagen sie eine Verschwenkung der neuen Straße und des geplanten Radwegs vor dem alten Baum vor, wodurch die Radfahrer ein Stück von der Kreisstraße weggeleitet würden. Die auf sieben Meter verbreiterte Straße würde danach am Waldrand auf die jetzige Trasse geführt und könnte im weiteren Verlauf dennoch begradigt werden. Möglicherweise müsse man dafür die zweite etwas jüngere Eiche opfern, so die Grünen, aber der ökologische Wert des älteren Baums dürfte ungleich höher sein.

In einem einzigen Baum Platz für bis zu 1000 Insektenarten

Eine Höhe von 20 Metern haben sie ausgemessen, ein solcher Baum verdunste sehr viel Wasser und kühlt dadurch die Umgebung um bis zu zwei Grad ab, erklärt Marina Ruoff von ihrem luftigen Sitz über der Straße aus. Sie filtere bis zu einer Tonne Staub und Rußpartikel pro Jahr aus der Luft, könne 11 000 Liter Sauerstoff am Tag produzieren und habe überdies einen extrem hohen Wert als Aufenthaltsort für Kleinstlebewesen. In einem einzigen Baum fänden sich bis zu 1000 Insektenarten, und er biete überdies Vögeln und Eichhörnchen Schutz.

"Ich verstehe nicht, dass man im Jahr 2020, in Zeiten des Klimawandels, nicht nach Alternativlösungen sucht", sagt Gruber. Das sei wieder ein exemplarisches Beispiel dafür, dass man künftig bei Planungen genauer hinschauen müsse. So wollen sich die Kreisgrünen mit einem weiteren Antrag dafür einsetzen, dass die Biotopkartierung des Landkreises aktualisiert wird, die letzte Erneuerung stammt demnach aus dem Zeitraum 1994 bis 99. Eine Erfassung der Eichen in dieser Auflistung hätte möglicherweise zu einem alternativen Vorgehen der Planer geführt, glauben die Grünen. Sie wollen nun im Umweltausschuss noch einmal mit dem Staatlichen Bauamt Rosenheim sprechen und einen Sachverständigen für naturverträgliche Verkehrsplanungen hinzuziehen, um Beispiele aufzuzeigen, wo andernorts Lösungen für ähnliche Probleme gefunden wurden. Auch die Untere Naturschutzbehörde soll gehört werden.

Landrat Robert Niedergesäß, der am Freitagnachmittag mit einer weiteren Pressemitteilung auf die Aktion der Grünen Jugend reagiert hat, sagte zu, dass bestehende alternative Untersuchungsvarianten am 30. Juni noch einmal dem ULV-Ausschuss vorgelegt werden. Jede der Alternativen bedeute aber auch wieder einen Eingriff in die Natur und Rodungen, erklärte er. Eine "in größerem Umfang" geänderte Trassenführung hätte einen wesentlich höheren Flächenverbrauch zur Folge und würde bedeuten, dass ein acht bis zehn Meter breiter Streifen im Wald fallen müsse, es würde auch "neue erhebliche Einschnitte in Wiesen und Felder privater Grundstücksbesitzer bedeuten. Der bisherige Grund ist bereits vom Kreis erworben. Dass die derzeit fünf Meter breite Straße überhaupt verbreitert werden muss, hänge mit der Förderung - in Höhe von 650 000 Euro zusammen, die erst bei sieben Metern greife.

Dass die Erneuerung der Straße nötig ist, stellen die Kreisgrünen nicht in Frage, "wir wollen ja auch den Radweg hinüber nach Grafing Bahnhof", sagt Gruber, "aber ich finde es rücksichtslos, wie man 300 Jahre Geschichte einfach zerstören kann".

© SZ vom 13.06.2020/koei
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