Ebersberger Forst Das Puzzle bekommt nach 200 Jahren wieder ein Loch

Heinz Utschig, 57, ist seit 13 Jahren für den Forst zuständig, an idyllischen Flecken wie hier im Bild. Und dort, wo gearbeitet wird.

(Foto: Korbinian Eisenberger)

Der Ebersberger Forst galt als unantastbar. Nun sollen erstmals wieder Bäume einer Straße weichen. Muss man das verhindern? Unterwegs mit einem, der im Wald entscheidet, aber nicht über ihn.

Von Korbinian Eisenberger

Im Ebersberger Forst steht ein Hochsitz. So verfallen, dass sich bestimmt schon lange kein Jäger mehr hinauf gewagt hat. Hier stehen Kiefern, Eichen und Fichten beisammen, Schwammerl gedeihen im feuchten Boden, im warmen Moos krabbeln Insekten. Ein Fleck im Wald wie das Puzzleteil eines Bilds aus dem 18 Jahrhundert, als die Fichten-Monokulturen noch lange nicht gesät waren. Ein Fleck Wald wie ein Fenster in eine längst vergangene Zeit. Einer, der bald unter Beton verschwinden soll.

Unter Bergschuhen knacken Äste. Zerstören, oder bewahren? Heinz Utschig steht gerne zwischen Bäumen, derzeit steht er aber auch zwischen den Fronten: Die einen wollen eine Straße durch den Forst, die anderen sind dagegen. Utschig ist seit 13 Jahren hier zuständig, er verwaltet einen Großteil des Ebersberger Forstes für den Freistaat. Seit 2010, seit er den Betrieb der Bayerischen Staatsforsten in Wasserburg leitet, bestimmt er, ob ein Baum gefällt wird oder nicht. Wann es besser ist, den einen zu opfern, damit ein anderer sich entfaltet. Umhauen oder stehen lassen? Eine kleine Existenzfrage, die sich der 57-Jährige immer wieder stellen muss.

Utschig trifft die kleinen Entscheidungen, die großen fällen andere. Nach einem einstimmigen aber umstrittenen Beschluss des Forstinninger Gemeinderats soll hier ein Waldstück für eine Straße weichen. Erstmals seit 200 Jahren sollen hektarweise Bäume im Forst fallen. Den Fraktionen im Gemeinderat ging es in ihrer Begründung darum, dass es die Anwohner der viel befahrenen Hauptstraße künftig besser haben. Ein Votum für die Menschen an der Straße, und gegen ein Stück Wald.

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Die Sonne blitzt durch Baumkronen, wo betoniert werden soll, raschelt Laub. Utschig, der promovierte Forstwissenschaftler, trägt ein Jackett, bei dem es nichts ausmacht, wenn er an einem Ast hängen bleibt. Er stapft durch Reifenfurchen, die Arbeiter hinterlassen haben, Monokulturen und totes Geäst: In diesem Teil des Waldes ähnelt so gut wie nichts dem Areal mit dem Jägerstand. Doch Utschig geht es weniger um die Ästhetik, nicht deshalb hat er die Anfrage der Zeitung angenommen. Für ihn ist der Ebersberger Forst wie ein Puzzle, eines, das noch "ziemlich komplett" ist. Er will, dass die Menschen die Dimension des Vorhabens verstehen.

Darf man das, was Gemeinde und Freistaat im Ebersberger Forst vorhaben?

Darf man das, was Gemeinde und Freistaat im Forst vorhaben? Dem Haus der Bayerischen Geschichte ist eine Forstordnung aus dem Jahr 1565 überliefert. Dort steht, dass man im Ebersberger Forst "hinter jeden Schlag gegen den Niedergang der Sonnen ein schächtl holz stehen lass, damit dasselbig den großen gewalt des Wintes aufhalt".

Es war eine der frühesten Verordnungen zum Schutz des Waldes, und doch wurden immer wieder in großem Stil Bäume gefällt und Straßen gebaut, Straßen, auf denen man heute noch von Ebersberg nach Hohenlinden und Forstinning gelangt, und von da auf die A 94. Erst mit der Säkularisation in Bayern endeten vor 200 Jahren die Straßenbauprojekte. Ende des 19. Jahrhunderts traf es den Wald noch mal hart, als Raupen ihn zur Hälfte kahlfraßen und geschäftstüchtige Forstarbeiter massenhaft Fichten pflanzten. All das setzte dem Forst zu, gebaut aber wurde seit 200 Jahren nicht mehr, bis heute.

Heinz Utschig, 57, verwaltet seit 13 Jahren drei Viertel des Eberberger Forsts - darunter auch jenes Gebiet, in dem die Umgehungsstraße geplant ist.

(Foto: Christian Endt)

Nun soll der Wald seine gefühlte Immunität verlieren. Der Freistaat hat seine Pläne zuletzt forciert und in der Dringlichkeit nach oben gestuft, das Planfeststellungsverfahren ist in Vorbereitung. Auf exakt 1085 Metern soll eine 22 Meter breite Schneise geschlagen werden, insgesamt ist die Umgehung 2,4 Kilometer lang. Vieles spricht dafür, dass sie kommt.

Die Schuhe sinken ein, der Waldboden ist lockerer als noch vor sieben Wochen, als hier 150 Demonstranten mit Schildern und Lautsprechern standen. Es geht um den Wald, aber eben auch um die Menschen. Viele der Befürworter der Umfahrung wohnen in Forstinning an der Hauptstraße, Sie klagen über den Lärm im Ort und die Gefahr für ihre Kinder. Ein Unfall mit einem Radfahrer vor drei Jahren endete tödlich. Die Ortsmitte wird von der Polizei zwar nicht als Unfallschwerpunkt geführt, doch zu den 11 600 Fahrzeugen, die derzeit im Jahr durch den Ort fahren, sollen bis 2030 knapp 2000 dazukommen, das prognostiziert das staatliche Bauamt. "Auch wir Menschen sind schützenswert", stand auf einem der Demo-Plakate. "Ich kann die Leute verstehen", sagt Utschig.

Nah dran am Verkehr: Schüler an der Bushaltestelle im Forstinninger Ortsteil Schwaberwegen.

(Foto: privat)

Was ist wichtiger? Die Gesundheit der Menschen im Ort? Oder der Erhalt von 300 alten Eichen?

Auf der anderen Seite stehen die Gegner der Umfahrung, Naturschützer und eine Bürgerinitiative haben sich zu einer Art Allianz vereint. Vor fünf Wochen kam noch der Ebersberger Kreisverband der Grünen dazu, mit einem Aufruf zum Bürgerbegehren gegen den Gemeinderatsbeschluss. Am Samstag, 13. Mai, laden die Umfahrungs-Gegner zu einer Waldbegehung ein, Heinz Utschig führt durch die Zone, das Ganze sei "nicht von mir, sondern mit mir" geplant, sagt er. Utschig ist vorsichtig, er will sich im Streit der Forstinninger auf keine Seite schlagen, nicht entscheiden, welches Anliegen schützenswerter ist.

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Utschig hat das Gebiet, in dem die Schneise geschlagen werden soll, immer wieder abgeschritten, mit dem Rosenheimer Bauamt, mit der Gemeinde, mit Gutachtern. Er weiß, wo die Trassengrenzen abgesteckt sind, er weiß, dass dazwischen um die 300 Eichen stehen, dass viele von ihnen über hundert Jahre alt sind. Utschig wehrt sich nicht aktiv gegen die Pläne, dagegen, dass all dies zerstört wird. Er ist aber auch derjenige, der diesen Wald hegt und bewahrt. Er bleibt stehen, legt den Arm um einen Stamm: "Ich möchte nicht als der in die Geschichte eingehen, der den Ebersberger Forst kaputt gemacht hat."

Fichtenzapfen knacken, Duft feuchter Nadeln liegt in der Luft, Harz bleibt an der Jacke kleben. Der Ebersberger Forst, immer schon prägte er die Identität der Menschen in dieser Region. Die einen stilisierten ihn zum romantischen Motiv, zum Rückzugsort, an dem Mensch und Natur harmonieren. Die anderen pflanzten Fichten, schlugen sie und verkauften das Holz. Bis heute hat sich daran wenig geändert, der Forst ist Nutzwald für die einen - und Naherholungsgebiet für die anderen.

Utschig nähert sich dem Waldrand, zwischen den Bäumen taucht ein Hund auf, er zerrt an der Leine. "Wir gehen jeden Tag im Forst spazieren", sagt Peter Köhn, der Halter. "Mit der Umgehung wäre das vorbei", glaubt er. Köhn ist Rentner, er zählt zu jenen, die sich gegen die Umgehung wehren, wie viele derer, die am Ortsrand Schwaberwegens Grund haben. Kommt die Umgehung, hat sie an der engsten Stelle 80 Meter Abstand zu ihren Zäunen.

"Die Wildschweine würden gegen die Umfahrung stimmen"

Ein Kolkrabe erhebt sich, sein Krähen ist am Waldrand gut zu hören, der Lärm der Laster nur zu erahnen. Der Verkehr tobt im Ort, an der Hauptstraße, wo es von den Gartengrenzen bis zur Fahrbahn an der engsten Steller weniger als zwei Meter sind. Forstinnings Ortsdurchfahrt hat sich zu einem Knotenpunkt zwischen Stadt und Region entwickelt, so wie andere Ortschaften in Bayern auch. Ganz in der Nähe war vor einem Jahr Spatenstich für die Grafinger Umfahrung. Auch dort wurde gestritten, auch dort beschloss der Stadtrat die Straße. Nur, dass dort kein großes Waldstück eingeebnet werden muss.

"R" markiert Gassen für Arbeitsfahrzeuge.

(Foto: Christian Endt)

Utschig zeigt auf einen Stamm, um den ein weißes Band gewickelt ist, ein Schutzsymbol für besondere Arten, doch im Bereich der Trasse gibt es keinen Schutz. Viele dieser Bäume sind um die hundert Jahre alt, "die Eichen kommen gerade erst in die ökologische Phase", sagt Utschig. Ältere Eichen haben größere Kronen, mehr Nistplätze, haufenweise Eicheln, Wildschweine, Insekten, Mäuse und Greifvögel profitieren davon. Utschig zeigt auf einen Baumstumpf, ein Tier hat hier nach dem Suhlen Matsch hinterlassen. "Wenn die Wildschweine abstimmen würden", sagt er, "sie wären bestimmt gegen die Umgehungsstraße".

Kommt sie oder kommt sie nicht? Der 57-Jährige entfaltet eine Karte im Laub. Mit 10 000 Hektar ist der Forst bei weitem nicht das größte zusammenhängende Waldgebiet im Freistaat, wie es irrtümlich immer wieder heißt; der Bayerische Wald in Niederbayern hat eine fast dreimal so große Fläche. Das Besondere am Ebersberger Forst ist, dass er so gut wie unberührt ist. In den vergangenen 200 Jahren wurden lediglich Straßen und Wege im Forst verbreitert, dazu mussten Straßenränder ausgeholzt werden, "das waren Eingriffe", sagt Utschig, "aber keine gravierenden".

Die Karte auf dem Waldboden teilt den Forst in 400 gleichgroße Quadrate. Ein Viertel davon ist Privatwald, für die übrigen 7500 Hektar ist Utschig zuständig. Er fährt mit dem Finger den eingezeichneten Waldrand nach, "dort soll die Straße verlaufen", sagt er. Die Karte ist so groß wie ein A1-Poster, die Umgehung und das abgetrennte Waldstück machen nur Zentimeter aus. Im Wald müssen drei Hektar für die Straße weichen, 15 Hektar werden abgetrennt, betroffen sind 18 von 10 000 Hektar Wald, 0,2 Prozent. Ja, sagt Utschig, "es sieht nach wenig aus".

Die nackten Zahlen lassen das betroffene Gebiet so klein und nichtig wirken

Das kleine Waldstück, und das große Ganze. 20 Prozent der globalen Kohlendioxidemissionen kommen zustande, weil Wald vernichtet wird. Auch in Bayern wird gehackt und gesägt, nur dass im Freistaat seit 1981 jedes Jahr mehr Wald dazu kam als zerstört wurde. 2016 zählte das bayerische Forstministerium 308 aufgeforstete Hektar, 293 wurden abgeholzt. "Wenn die Umgehung kommt, müssen auch hier neue Bäume gepflanzt werden", sagt Utschig.

Es geht über Erdfurchen, die Maschinen bei Waldarbeiten hinterlassen haben. Erinnerungen an eine Idee des Ebersberger CSU-Stadtrats Florian Brilmayer: Er wollte eine dritte Schneise durch den Forst bauen lassen, von Norden nach Süden, um die beiden Durchgangsstraßen in Ebersberg überflüssig zu machen. Diskutiert wird auch immer wieder in Kirchseeon, wo sich Anwohner der B 304 eine Umgehung wünschen, eine Variante ginge kilometerweit durch den Forst - bisher blieb es bei Skizzen.

Utschig faltet die Karte ein. Jahrzehntelang haben die Schutzgemeinschaft Ebersberger Forst und der Bund Naturschutz alles verhindert, was an Plänen für den Forst aufkam. All die Umgehungen und den 23 Kilometer langen Teilchenbeschleuniger, den sie in den Sechzigerjahren mitten im Wald planten und dann im schweizerischen Genf bauten.

Ein Specht lugt aus einem Astloch, am Abend kommen Fledermäuse aus ihren Verstecken. Muss man diesen Teil des Waldes opfern, damit der Verkehr im Ort nicht noch ein Menschenleben kostet? Die nackten Zahlen lassen das betroffene Gebiet so klein und nichtig wirken. Nur was sagen Zahlen aus, wenn man den Wald als Gesamt-Puzzle sieht? Wenn man sich fragt, wie viele Teile man wegnehmen darf, ohne das Motiv zu beschädigen. Wo hört man auf, wenn man einmal angefangen hat?

Utschig hat einen Ast in der Hand, er dreht ihn zwischen den Fingern. Er hört und stellt diese Fragen immer wieder, doch er kann die Dinge drehen und wenden wie er will. Wie die Antwort auch immer lautet - sie wird vielen missfallen.