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Nutzfahrzeughersteller:MAN investiert in E-Mobilität

Auf 4000 Quadratmetern entwickelt MAN den neuen E-LKW.

(Foto: Alexandra Beier)

MAN plant ab 2024 serienmäßig elektrisch betriebene Lkw herzustellen. Das soll Arbeitsplätze sichern und das Klima schützen

Von Christiane Bracht, München/Dachau

Mitten in der großen lichtdurchfluteten Halle steht bereits die Zukunft der MAN: Der erste Teil des Prototyps, der ab 2024 als Serienproduktion vom Band laufen soll. Ein elektrisch angetriebener Lkw. Doch noch ist er fein säuberlich durch eine große graue Plane vor den Blicken Neugieriger geschützt. Noch ist das Werk nicht vollbracht. Noch muss getüftelt, nachgedacht, verworfen und neu konzipiert werden. Jeden Tag lerne man dazu, erklärt Holger von der Heide, der Leiter Planung Central. Auf etwa 4000 Quadratmetern hat er mit seinem Entwicklungsteam jetzt die Gelegenheit, Neues zu schaffen und zugleich den Wandel der Elektromobilität zu begleiten, der sich rasant vollzieht. "Es ist eine riesen Chance", sagt von der Heide. Und er ist nicht der einzige, der vom neuen e Mobility-Center begeistert ist. "Die Zukunft unserer Branche wird für uns alle hier so richtig erlebbar", sagte der Vorstandsvorsitzende von MAN Truck & Bus Andreas Tostmann bei der Eröffnung. Und der Betriebsratsvorsitzende Saki Stimoniaris rief voller Enthusiasmus: "Der MAN-Löwe brüllt weiter - auch elektrisch."

In den vergangenen Monaten war der MAN-Löwe eher etwas heiser. Doch wer jetzt das Werk betritt, merkt schnell, dass Ärger, Frust und Angst der vergangenen Monate, als viele Arbeitsplätze auf der Kippe standen, auch die von mehr als 2000 Landkreisbürgern, und die Zukunft des Konzerns nicht besonders rosig aussah, einer neuen Aufbruchstimmung gewichen ist. Der alte Stolz auf die MAN ist wiedergekehrt, die Zuversicht groß. "Wir setzen einen Meilenstein", sagte der Leiter des Münchner Werks direkt an der Grenze zu Karlsfeld Matthias Meindl. Doch es ist nicht nur eine Zukunftsvision, die hier realisiert wird, um die MAN zu einem "nachhaltigen Mobilitätsunternehmen" zu machen, es ist auch bittere Notwendigkeit: Einerseits zur "Sicherung von Beschäftigung", wie Stimoniaris es ausdrückt, andererseits muss man konkurrenzfähig bleiben. Die EU verlangt für Lkw über 16 Tonnen bis 2030 eine CO2-Reduzierung von 30 Prozent, sonst drohen massive Strafzahlungen. "Wir sehen das als Chance, gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen und langfristig umweltbewusst zu handeln", erklärte Tostmann. So sei der neue e Mobility-Center "die Keimzelle der elektrischen Bewegung bei MAN" und ein "großer Schritt" in Richtung CO₂-freie Mobilität.

Hier soll in den kommenden Monaten eine neue "Fahrzeugarchitektur mit Batterien, Elektromotor sowie Hochvoltkomponenten" entwickelt werden. Gleichzeitig müssen etwa 4000 Mitarbeiter im neuen Entwicklungszentrum geschult werden. Die neue Technik hält Herausforderungen bereit, mit denen Ingenieure, Techniker und alle anderen Mitarbeiter erst umgehen lernen müssen, schon aus Sicherheitsgründen. Denn sie müssen mit 800 Volt Spannung hantieren. Da sei es zum Beispiel entscheidend, wie die Kabel liegen und welchen Abstand sie haben, erklärt von der Heide. Etwa weil elektromagnetische Wechselwirkungen die Bordelektronik durcheinander bringen und Fehlimpulse senden könnten. Damit habe man nun immer mehr zu tun, so der Chef des e Mobility-Centers. Auf Montageinseln im Maßstab 1:5 lernen die Mitarbeiter deshalb mit den neuen Komponenten umzugehen. Damit nichts passieren kann, wird die gesamte Halle mit Wärmebildkameras beobachtet. Auf diese Weise kann die werkseigene Feuerwehr schon bei leichten thermischen Auffälligkeiten einschreiten, denn brennt eine Batterie erst, ist nichts mehr zu machen. Um genügend Personal für die Präventionsarbeit zu haben, sucht MAN derzeit Feuerwehrler. Die Truppe soll von 40 auf 70 Einsatzkräfte aufgestockt werden.

"Aus- und Weiterbildung ist der Schlüssel zum Erfolg", sagt Stimoniaris. Bis Ende 2023 sollen die Mitarbeiter für die Elektrotechnologie qualifiziert sein, so Tostmann. Ist der Prototyp fertig, soll die Produktion auf das Hauptband verlegt werden, sodass wahlweise mal ein Diesel-Lkw, mal ein E-Laster gebaut werden kann.

Auch wenn alle von den Zukunftstechnologien überzeugt sind, schon weil immer mehr E-Busse geordert werden und auch der eTGM, der erste Elektro-Lkw, der in Kleinserie gebaut wurde, bereits in ganz Europa fährt - etwa 40 seien derzeit unterwegs, so MAN-Sprecher Thomas Pietsch - so treiben das Unternehmen doch noch Sorgen um: Einerseits fehlt es noch an einer Ladeinfrastruktur - "unsere Kunden haben kaum Möglichkeiten, sie (die E-Laster, Anm. d. Red.) an Schnellladesäulen an den Autobahnen aufzuladen", so Stimoniaris. Andererseits kosten die E-Nutzfahrzeuge noch "doppelt so viel wie ein Verbrenner", so Tostmann, und sie haben eine "geringere Reichweite". "Der Umstieg gelingt nur, wenn entweder die Kosten für die Nutzung niedriger sind als bei den anderen Antriebsarten oder wenn gesetzliche Rahmenbedingungen Anreize für einen Umstieg setzen", sagte Tostmann in Richtung des bei der Eröffnung anwesenden Wirtschaftsministers Hubert Aiwanger (FW). "Die Würfel sind noch nicht gefallen, welche Antriebsart sich durchsetzen wird", erklärte dieser. "Noch ist der Diesel Weltmarktführer" und er werde es wohl noch lange in vielen Teilen der Welt bleiben. Doch man versuche zu unterstützen, versprach er. "Wir wollen möglichst viele Arbeitsplätze erhalten und zukunftsfähig werden, in Zeiten wo alles über Verlagerung nachdenkt und -dachte."

© SZ vom 14.06.2021
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