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74. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau:Laut einer Studie ist Antisemitismus im Freistaat ein "alltagsprägendes Phänomen"

Die Zahl antisemitischer Übergriffe hat stark zugenommen - in Berlin registrierte die Recherche- und Informationsstelle Rias für das Jahr 2018 insgesamt 1083 Vorfälle, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl direkter Angriffe auf Juden oder jüdische Einrichtungen hat sich von 18 auf 46 mehr als verdoppelt. Aber man muss nicht auf die Bundeshauptstadt zeigen: Der bayerische Ableger der Meldestelle für antisemitische Übergriffe hat am 1. April seine Arbeit aufgenommen. Einer Studie von Rias Berlin für das Jahr 2017 zufolge ist der Antisemitismus im Freistaat ein "alltagsprägendes Phänomen". "Jüdinnen und Juden in Bayern werden regelmäßig mit Antisemitismus in unterschiedlichen, alltäglichen Situationen konfrontiert: in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Spazierengehen, beim Einkaufen, im ÖPNV." 2018 haben bayerische Behörden 219 antisemitischen Straftaten erfasst. Doch im Schnitt werden geschätzt höchstens 20 Prozent dieser Straftaten überhaupt zur Anzeige gebracht.

Zudem sind die Behörden selbst nicht frei von Antisemitismus. Mitte März dieses Jahres wurde bekannt, dass Mitglieder des Münchner Unterstützungskommandos (USK), einer polizeilichen Spezialeinheit, untereinander antisemitische Youtube-Videos verschickt hatten.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, wird am 5. Mai um 9.45 Uhr am jüdischen Mahnmal auf dem Gedenkstättengelände sprechen. "Heute bin ich weit davon entfernt an eine jüdische Normalität noch zu glauben. Antisemitismus ist da, ist keine deutsche Erfindung, gibt's auch in anderen Ländern. Aber so wie er sich jetzt zeigt, ist es ein wirkliche, für die jüdischen Menschen eine ungeheure Belastung, und ich würde es als Katastrophe bezeichnen", sagte Charlotte Knobloch kürzlich.

Im Jahr 2017 zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland etwa 100 000 Mitglieder. Schätzungen zufolge leben zurzeit insgesamt rund 200 000 Juden in Deutschland bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen. Juden sind Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt: von radikaler linker, von rechtsextremistischer und muslimischer Seite - und auch in der bürgerlichen Mitte lässt sich ein enthemmter Judenhass feststellen. Bielefelder Forscher beobachten, dass judenfeindliche Einstellungen in politisch und sozial arrivierten Kreisen und Milieus zunehmen. Zugleich sinkt die Hemmschwelle für die Äußerung und Akzeptanz antisemitischer Ressentiments, sofern sie als "Israelkritik" camoufliert werden.

Leiterin der KZ-Gedenkstätte besorgt über Rechtsruck

In diesem Jahr will Gedenkstätten-Leiterin Gabriele Hammermann vor allem "gegen menschenverachtende Positionen" Position beziehen.

(Foto: dpa)

Gabriele Hammermann erklärt: "Mit den diesjährigen Gedenkfeiern beziehen wir mehr denn je Stellung gegen menschenverachtende Positionen, gegen eine Verrohung der Sprache, die wir nicht hinnehmen wollen, gegen Übergriffe und Einschüchterungsversuche, die zum Teil mit rechtsstaatlichen und parlamentarischen Instrumentarien inszeniert werden, gegen eine Verschiebung der Grenzen des Sagbaren und der Akzeptanzräume im öffentlichen Raum." Mitte Februar hatte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten schon vor zunehmenden rechten Angriffen gewarnt. "Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Arbeit der Gedenkstätten in der Stiftung unmittelbar", sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll.

In Dachau hat im Februar ein rechtsradikaler Aktivist aus Berlin ein Video gegen den "Schuldkult", wie er abfällig das Gedenken und Erinnern an die Naziopfer bezeichnete, gedreht und auf Youtube gestellt. In diesem und in neun weiteren Fällen hat die Gedenkstätte in den vergangenen Jahren ein Hausverbot ausgesprochen.

Im vergangenen Jahr zählte die Gedenkstätte 900 000 Besucher

Zentralratspräsident Schuster forderte eine stärkere finanzielle Unterstützung der Gedenkstätten. Dies sei schon angesichts eines wachsenden Antisemitismus und wegen der zunehmenden Vorurteile gegenüber Muslimen und Ausländern in Deutschland geboten. 2018 zählte die Gedenkstätte Dachau 900 000 Besucher. Gedenkstätten müssten klar machen, so Hammermann, wohin nationalistisches, völkisches Gedankengut führe, nämlich zu einer Ausgrenzung immer weiterer gesellschaftlicher Gruppen, und klar Position beziehen, nicht zuletzt um der Überlebenden und ihrer Angehörigen willen. Deren Initiative sei es zu verdanken sei, dass diese Lern- und Erinnerungsorte existieren und sie hätten damit einen ganz wichtigen Beitrag für das demokratische Selbstverständnis in unserer Gesellschaft geleistet.

Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, spricht am 5. Mai um 13 Uhr am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen". Dort wurden in den Jahren 1941/42 mehr als 4000 kriegsgefangene Rotarmisten von der Lager-SS erschossen. Davor finden die zentralen Gedenkfeiern vor dem ehemaligen Krematorium und auf dem früheren Appellplatz statt, wo CID-Präsident Jean-Michel Thomas sprechen und mehr als 100 Kränze niedergelegt werden.

Die Reporterin Martha Gellhorn hat sich getäuscht. Alles, wofür Dachau stand, ist noch längst nicht abgeschafft. Wie Juden in Deutschland heute empfinden, hat der Publizist und TV-Moderator Michel Friedmann jüngst so formuliert: "Ich stamme aus einer Holocaust-Familie. Als ich jung war, war meine Hoffnung, dass es in den jüngeren Generationen weniger Judenhass geben wird. Ich stelle aber fest, dass er auch in der nächsten Generation weitergegeben wurde."

© SZ vom 29.04.2019/kast
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