Gedenkpolitik Wo bleibt der Aufschrei?

Die Befreiung des KZ Dachau jährt sich zum 74. Mal.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Es ist schön, dass Massen für die Rettung der Bienen auf die Straße gehen - wo aber bleibt ihr Aufschrei, wenn jüdische Männer, Frauen und Kinder angefeindet und attackiert werden?

Kommentar von Helmut Zeller

Ohne eine starke Zivilgesellschaft wären viele authentische Orte des NS-Terrors nicht erhalten worden, auch an viele Verbrechen würde heute nicht erinnert werden. Dafür bietet gerade auch Dachau Beispiele. Etwa den "SS-Schießplatz Hebertshausen", den Bund und Freistaat lange Zeit verfallen ließen. Und natürlich die KZ-Gedenkstätte selbst, die von der Lagergemeinschaft Dachau und dem Internationalen Dachau-Komitee 1965 durchgesetzt wurde.

Es waren vor allem Überlebende wie Max Mannheimer oder Nikolaus Lehner und Otto Kohlhofer, die mit dem Förderverein für Internationale Jugendbegegnung, Zeitgeschichtsvereinen und der KZ-Gedenkstätte gegen das Vergessen ankämpften - unter großen Anfeindungen und lange bevor die Politik sich Ende der 1990er Jahre der Erinnerung anzunehmen begann. "Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz", erklärte Bundespräsident Joachim Gauck 2015. Das Selbstverständnis der zweiten deutschen Demokratie ist vom selbstkritischen Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit geprägt.

Gedenken an die Opfer des Naziregimes ist nötig, aber der Blick muss daraus auch auf die Gegenwart gerichtet werden

Dieser mühsam erstrittene Konsens wird heute in Frage gestellt: Rechtspopulisten deuten die Geschichte um, fordern eine erinnerungspolitische Wende und bereiten der Wiederkehr von Leugnung, Aufrechnung und Relativierung den Weg.

Nicht nur KZ-Gedenkstätten müssen darauf eine Antwort finden - und dem wieder erstarkten Antisemitismus begegnen. Gedenken an die Opfer des Naziregimes ist nötig, aber der Blick muss daraus auch auf die Gegenwart gerichtet werden. Und auf die Geschichte des Umgangs mit der Vergangenheit seit 1945, wie das für Dachau schon vor Jahren Zeitgeschichtsreferent Günter Heinritz gefordert hat. Judenhass und Rassismus waren nie überwunden, auch wenn sie aus politischen Gründen und in Sorge um das Ansehen Deutschlands im Ausland heruntergespielt oder ausgeblendet wurden.

Neu ist, dass rechtsextreme Positionen auch in der Mitte der Gesellschaft sicht- und hörbar werden

Neu ist, dass rechtsextreme Positionen auch in der Mitte der Gesellschaft sicht- und hörbar werden, in der bürgerlichen Mitte quer durch alle Parteien und Milieus ein aggressiver Antisemitismus salonfähig geworden ist. Die deutsche antisemitische Kontinuität muss in den Blick genommen werden. Wie hätte es auch anders kommen sollen? Angesichts der personellen Kontinuitäten in Politik, Justiz, Polizei, Kirchen, Schulen, Universitäten und im Kulturleben mit dem "Dritten Reich"? Angesichts der mangelnden Auseinandersetzung mit der Rolle eigener Familienangehöriger - Stichwort: "Opa war kein Nazi". Was wurde der Generation der Kinder und Enkel weitergegeben, dass heute in den Schulen "Jude" wieder ein Schimpfwort ist?

Niederschmetternd ist das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft, die offenbar nicht versteht, dass Antisemitismus kein Problem der Juden, sondern das ihre ist, weil er immer auch ein Angriff auf die Demokratie ist. Es ist schön, dass Massen für die Rettung der Bienen auf die Straße gehen - wo aber bleibt ihr Aufschrei, wenn jüdische Männer, Frauen und Kinder angefeindet und attackiert werden? Niemand kann sich da raushalten. Es wäre auch eine Aufgabe der Kommunalpolitik gerade in Dachau, gegen den Judenhass Stellung zu beziehen, nicht nur bei Gedenkritualen und in Sonntagsreden, diese Verantwortung muss auch von Montag bis Samstag gelebt werden.