Süddeutsche Zeitung

74. Jahrestag der Befreiung des KZ Dachau:Der Hass ist zurück

74 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau wird das Gedenken an die Naziopfer überschattet von einem zunehmend enthemmten Antisemitismus und der Wiederkehr völkisch-nationalistischen Denkens.

Von Helmut Zeller, Dachau

Der Krieg ist aus. "Wir saßen in diesem Zimmer, in diesem verfluchten Friedhofsgefängnis, und niemand hatte noch etwas zu sagen. Dennoch erschien mir Dachau als der passendste Ort in Europa, um die Nachricht vom Sieg zu hören. Denn gewiss wurde dieser Krieg geführt, um Dachau und alle anderen Orte wie Dachau und alles, wofür Dachau stand, abzuschaffen, und zwar für alle Zeiten." Das schrieb die amerikanische Kriegsreporterin Martha Gellhorn nach der Befreiung der Häftlinge des Konzentrationslagers Dachau am 29. April 1945.

Die Feierlichkeiten zum 74. Jahrestag, die am 5. Mai stattfinden, stehen im Zeichen eines doppelten Umbruchs in der Gedenkstättenarbeit: Zum einen schwindet die Zahl der Zeitzeugen. So kommen in diesem Jahr nur noch acht Überlebende in die KZ-Gedenkstätte Dachau. Zum anderen ist die Erinnerungskultur, wie Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann erklärte, fundamentalen Angriffen ausgesetzt.

An den diesjährigen Gedenkfeiern in Dachau nehmen acht Holocaust-Überlebende teil

In zwölf Jahren, von 1933 bis 1945, waren in dem KZ Dachau und seinen vielen Außenlagern mehr als 200 000 Menschen aus ganz Europa inhaftiert. Mehr als 41 500 Häftlinge wurden ermordet oder starben durch Krankheit, Hunger, Zwangsarbeit und medizinische Experimente. An den diesjährigen Gedenkfeiern nehmen acht Überlebende aus vier europäischen Ländern sowie Israel teil. "Leider haben uns einige Überlebende bereits abgesagt. Sie fühlen sich aufgrund ihrer gesundheitlichen Situation derzeit nicht in der Lage zu kommen", teilte Hammermann mit.

Zugesagt haben: Jean Samuel (Frankreich), Erich Finsches (Österreich), Ernst Grube (Deutschland), Györgi Csillag (Ungarn), Max Volpert und Jehuda Beiles (Litauen, heute Israel), Vladimir Feierabend (Tschechien) sowie Clément Quentin (Frankreich). An der Befreiungsfeier in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg Mitte April hatten zehn Überlebende teilgenommen. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, bedauerte, dass immer weniger Zeitzeugen aufgrund ihres hohen Alters ihre Geschichte erzählen können. Nur in den Gedenkstätten könnten sich die Besucher noch emotional mit einzelnen Häftlingsschicksalen konfrontieren.

Der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit hat bisher jedes Jahr viele Überlebende nach Dachau eingeladen. Diesmal nicht. Man könne ihnen aus gesundheitlichen Gründen die Reise nicht zumuten, sagte Geschäftsführerin Andrea Heller. Dem Zentralen Statistikbüro in Israel zufolge gab es Ende 2016 noch etwa 186 500 Holocaustüberlebende, die in Israel lebten.

Auch Abba Naor, Vizepräsident des Comité International de Dachau (CID), wird in diesem Jahr nicht sprechen. Der 91-Jährige, der als Kind die Außenlager bei Kaufering und den Todesmarsch überlebte, ist erkrankt und kann nicht aus Israel anreisen. Abba Naor sagte der SZ, dass er es außerordentlich bedauere, ausgerechnet in diesem Jahr nicht dabei zu sein. Er hatte sich vorgenommen, über den erstarkten Antisemitismus zu sprechen - eine Entwicklung, die das Dachau-Komitee und andere internationale Verbände der Überlebenden und ihrer Nachkommen mit wachsender Sorge erfüllt.

74 Jahre nach Kriegsende werden die Gedenkfeiern von einem europaweiten Rechtsruck überschattet. Völkisches, nationalistisches Denken hat auch in Deutschland in die Politik Einzug gehalten, Fremdenfeindlichkeit, Antiziganismus und Antisemitismus sind weit verbreitet. Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, sagte mit Blick auf die Europawahl am 26. Mai und mögliche Wahlerfolge von Rechtspopulisten, dass Europa am Scheideweg stehe.

Laut einer Studie ist Antisemitismus im Freistaat ein "alltagsprägendes Phänomen"

Die Zahl antisemitischer Übergriffe hat stark zugenommen - in Berlin registrierte die Recherche- und Informationsstelle Rias für das Jahr 2018 insgesamt 1083 Vorfälle, 14 Prozent mehr als im Vorjahr. Auch die Zahl direkter Angriffe auf Juden oder jüdische Einrichtungen hat sich von 18 auf 46 mehr als verdoppelt. Aber man muss nicht auf die Bundeshauptstadt zeigen: Der bayerische Ableger der Meldestelle für antisemitische Übergriffe hat am 1. April seine Arbeit aufgenommen. Einer Studie von Rias Berlin für das Jahr 2017 zufolge ist der Antisemitismus im Freistaat ein "alltagsprägendes Phänomen". "Jüdinnen und Juden in Bayern werden regelmäßig mit Antisemitismus in unterschiedlichen, alltäglichen Situationen konfrontiert: in der Schule, am Arbeitsplatz, beim Spazierengehen, beim Einkaufen, im ÖPNV." 2018 haben bayerische Behörden 219 antisemitischen Straftaten erfasst. Doch im Schnitt werden geschätzt höchstens 20 Prozent dieser Straftaten überhaupt zur Anzeige gebracht.

Zudem sind die Behörden selbst nicht frei von Antisemitismus. Mitte März dieses Jahres wurde bekannt, dass Mitglieder des Münchner Unterstützungskommandos (USK), einer polizeilichen Spezialeinheit, untereinander antisemitische Youtube-Videos verschickt hatten.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, wird am 5. Mai um 9.45 Uhr am jüdischen Mahnmal auf dem Gedenkstättengelände sprechen. "Heute bin ich weit davon entfernt an eine jüdische Normalität noch zu glauben. Antisemitismus ist da, ist keine deutsche Erfindung, gibt's auch in anderen Ländern. Aber so wie er sich jetzt zeigt, ist es ein wirkliche, für die jüdischen Menschen eine ungeheure Belastung, und ich würde es als Katastrophe bezeichnen", sagte Charlotte Knobloch kürzlich.

Im Jahr 2017 zählten die jüdischen Gemeinden in Deutschland etwa 100 000 Mitglieder. Schätzungen zufolge leben zurzeit insgesamt rund 200 000 Juden in Deutschland bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen. Juden sind Anfeindungen von allen Seiten ausgesetzt: von radikaler linker, von rechtsextremistischer und muslimischer Seite - und auch in der bürgerlichen Mitte lässt sich ein enthemmter Judenhass feststellen. Bielefelder Forscher beobachten, dass judenfeindliche Einstellungen in politisch und sozial arrivierten Kreisen und Milieus zunehmen. Zugleich sinkt die Hemmschwelle für die Äußerung und Akzeptanz antisemitischer Ressentiments, sofern sie als "Israelkritik" camoufliert werden.

Gabriele Hammermann erklärt: "Mit den diesjährigen Gedenkfeiern beziehen wir mehr denn je Stellung gegen menschenverachtende Positionen, gegen eine Verrohung der Sprache, die wir nicht hinnehmen wollen, gegen Übergriffe und Einschüchterungsversuche, die zum Teil mit rechtsstaatlichen und parlamentarischen Instrumentarien inszeniert werden, gegen eine Verschiebung der Grenzen des Sagbaren und der Akzeptanzräume im öffentlichen Raum." Mitte Februar hatte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten schon vor zunehmenden rechten Angriffen gewarnt. "Der Versuch, die Erinnerungskultur durch die Verharmlosung der NS-Geschichte fundamental zu verändern, betrifft die Arbeit der Gedenkstätten in der Stiftung unmittelbar", sagte Stiftungsdirektor Axel Drecoll.

In Dachau hat im Februar ein rechtsradikaler Aktivist aus Berlin ein Video gegen den "Schuldkult", wie er abfällig das Gedenken und Erinnern an die Naziopfer bezeichnete, gedreht und auf Youtube gestellt. In diesem und in neun weiteren Fällen hat die Gedenkstätte in den vergangenen Jahren ein Hausverbot ausgesprochen.

Im vergangenen Jahr zählte die Gedenkstätte 900 000 Besucher

Zentralratspräsident Schuster forderte eine stärkere finanzielle Unterstützung der Gedenkstätten. Dies sei schon angesichts eines wachsenden Antisemitismus und wegen der zunehmenden Vorurteile gegenüber Muslimen und Ausländern in Deutschland geboten. 2018 zählte die Gedenkstätte Dachau 900 000 Besucher. Gedenkstätten müssten klar machen, so Hammermann, wohin nationalistisches, völkisches Gedankengut führe, nämlich zu einer Ausgrenzung immer weiterer gesellschaftlicher Gruppen, und klar Position beziehen, nicht zuletzt um der Überlebenden und ihrer Angehörigen willen. Deren Initiative sei es zu verdanken sei, dass diese Lern- und Erinnerungsorte existieren und sie hätten damit einen ganz wichtigen Beitrag für das demokratische Selbstverständnis in unserer Gesellschaft geleistet.

Der Holocaust-Überlebende Ernst Grube, Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau, spricht am 5. Mai um 13 Uhr am ehemaligen "SS-Schießplatz Hebertshausen". Dort wurden in den Jahren 1941/42 mehr als 4000 kriegsgefangene Rotarmisten von der Lager-SS erschossen. Davor finden die zentralen Gedenkfeiern vor dem ehemaligen Krematorium und auf dem früheren Appellplatz statt, wo CID-Präsident Jean-Michel Thomas sprechen und mehr als 100 Kränze niedergelegt werden.

Die Reporterin Martha Gellhorn hat sich getäuscht. Alles, wofür Dachau stand, ist noch längst nicht abgeschafft. Wie Juden in Deutschland heute empfinden, hat der Publizist und TV-Moderator Michel Friedmann jüngst so formuliert: "Ich stamme aus einer Holocaust-Familie. Als ich jung war, war meine Hoffnung, dass es in den jüngeren Generationen weniger Judenhass geben wird. Ich stelle aber fest, dass er auch in der nächsten Generation weitergegeben wurde."

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SZ vom 29.04.2019/kast
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