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KZ-Gedenkstätte:Widerstand in der dunkelsten Stunde

4000 Rotarmisten wurden 1941 und 1942 am "SS-Schießplatz" in Hebertshausen ermordet. Bei einer Gedenkfeier erinnert der Förderverein an die Opfer.

Am 3. September 1944 trompetet Aleksej Kirilenko zum letzten Mal eine Melodie. Es ist ein Sonntag. Im KZ Dachau muss das Lagerorchester zwei Konzerte spielen, eines für die SS-Männer und eines für die Gefangenen. Doch dem Orchester fehlt ein Instrument. Der italienische Dirigent erklärt, er brauche dringend einen Trompetensolisten. Der sowjetische Kriegsgefangene Kirilenko, im Zivilberuf Trompeter, darf vor seiner Ermordung noch einmal spielen und rührt damit das Herz seiner Mitgefangenen, wie aus Berichten von Überlebenden hervorgeht. Er ist Mitglied der Widerstandsorganisation "Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen". Nachdem die SS das Konzert beendet, fängt Kirilenko an, ganz alleine zu spielen. Das erzählt später sein Kamerad Wassilij Schachow. Kirilenko trompetet die Melodie des Stücks "Heiliger Krieg", ein populäres sowjetische Kriegslied, das nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion entstand. Kirilenkos letzte Melodie, ein Aufruf zum Widerstand. Noch im selben Monat erschießen die Nazis Kirilenko und mit ihm 91 weitere Mitglieder seiner Widerstandsgruppe im KZ Dachau.

Fast 76 Jahre später trompetet Musiker Frank Uttenreuther das Lied "Heiliger Krieg" erneut. Es ist Montagabend, 22. Juni 2020. Etwa 20 Menschen haben sich bei der Gedenkfeier am ehemaligen SS-Schießplatz in Hebertshausen anlässlich des Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion 1941 versammelt und erinnern an die Tausenden Soldaten der Roten Armee, welche die Nazis an diesem Ort ermordeten. Wegen der Corona-Pandemie fällt die Veranstaltung etwas kleiner aus als in den Jahren davor. Nachdem die letzten Töne aus Uttenreuthers Trompete verklingen, legen die Münchner Generalkonsuln der Russischen Föderation und der Republik Weißrussland Kränze nieder.

Seit mehr als 30 Jahren erinnert der Förderverein für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit mit einer Gedenkfeier am 22. Juni an die Geschichte dieses Ortes, "des Schauplatzes der größten Massenmordaktion in der Geschichte des Konzentrationslagers Dachau", wie der Förderverein schreibt. Am 22. Juni 1941 eröffnete die Wehrmacht den Krieg gegen die Rote Armee. Die Nazis brachten Kriegsgefangene in deutsche Gefangenenlager wie in Moosburg und Memmingen. Unter den inhaftierten Rotarmisten sortierten sie Juden und Kommunisten aus, um sie zu exekutieren. In Dachau tötete die Lager-SS die ersten Opfer im August 1941 im Bunkerhof des Konzentrationslagers. Den Großteil der 4000 Kriegsgefangenen ermordeten die Nazis ab September auf dem "SS-Schießplatz Hebertshausen". Zwischen Herbst 1941 und Sommer 1942 erschossen die SS-Männer dort mehr als 4000 Soldaten der Roten Armee, die sie zuvor nach rassistischen oder ideologischen Kriterien aussonderten. Bei den Opfern handelte es sich vor allem um junge Männer im Alter von 18 bis 20 Jahren.

Die Namen von nur etwa 1000 ermordeten Soldaten sind bekannt. Es laufen Recherchearbeiten an der Gedenkstätte, um weitere Namen von Opfern auf den Stelen am Gedenkort sichtbar zu machen. Seit Mai 2014 ist der Gedenkort in Hebertshausen neugestaltet und mit einer Außenausstellung versehen. 2019 wurden die Namensstelen erweitert und weitere Biografien in die Ausstellung integriert. Man wolle die Namen der anderen ermordeten Soldaten herausfinden und diese so aus der "Anonymität herausholen", wie Ulrike Mascher sagt, die Vorstandsvorsitzende des Fördervereins. "Hebertshausen soll ein Ort der Erinnerung bleiben."

Der Text des Liedes "Heiliger Krieg", das Aleksej Kirilenko im September 1944 kurz vor seiner Ermordung trompetete, geht so: "Steh auf, steh auf, du Riesenland! Heraus zur großen Schlacht! Den Nazihorden Widerstand! Tod der Faschistenmacht!" Wassili Schachow berichtet, dass ein SS-Mann Kirilenko unterbrochen habe. Die SS soll nicht gewusst haben, welche Melodie Kirilenko spielt und was diese für die sowjetischen Häftlinge bedeutete.

© SZ vom 24.06.2020
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