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Dachau:"Das Umdenken zu feiern, reicht nicht"

Dachau engagiert sich bereits: Firmen haben Solaranlagen auf ihren Dächern.

(Foto: Toni Heigl)

Ob der Landkreis Dachau seine Klimaziele für 2020 erreicht hat, ist unklar. Landrat Löwl zeigt sich zufrieden mit dem Fortschritt. Der Bund Naturschutz ist da anderer Ansicht.

Von Sophie Kobel, Dachau

Seit bald einem Jahr wird das Leben von einem Thema bestimmt: der Corona-Pandemie. Doch es gibt noch eine andere Notlage, die vollkommen in den Hintergrund gerückt zu sein scheint: die Klimakrise. Dabei ist sie nicht weniger drängend. Nach dem Pariser Klimaabkommen darf die Erderwärmung weltweit um nicht mehr als 1,5 Grad Celsius ansteigen. Um seinen Beitrag zu diesem Plan zu leisten, hat der Landkreis Dachau sich selbst vor gut zwölf Jahren eigene Klimaziele gesetzt: Bis zum Jahr 2020 hätte der Verbrauch von Primärenergie wie Kohle, Erdöl und Erdgas um knapp ein Drittel und der von elektrischer Energie um zehn Prozent gesenkt werden sollen. Außerdem wollte Dachau seinen Kohlendioxidausstoß um 40 Prozent verringern und zugleich den Anteil erneuerbarer Energien um 40 Prozent ausbauen. Ob das geschafft wurde, ist ungewiss.

Die letzte Bewertung dieser Ziele gab es 2018, mit den Daten aus dem Jahr 2016. Man sei damals mit dem Fortschritt in Sachen Nachhaltigkeit zufrieden gewesen, sagt Landrat Stefan Löwl (CSU). Ob man sein vorläufiges Ziel 2020 erreicht habe, das könne er momentan allerdings noch nicht sagen. Bis zur Auswertung der aktuellen Daten brauche es Zeit. Das vergangene Jahr sei aufgrund der Corona-Pandemie zudem nicht repräsentativ, daher könne es sein, dass man sich mit einer Auswertung bis 2022 gedulden müsse. Doch wie sieht die Lage heute aus bei den beiden großen lokalen Themen im Kampf gegen den Klimawandel, den erneuerbare Energien und dem öffentlicher Nahverkehr?

Im Januar 2021 stehen 17 Freiflächen- Photovoltaik-Anlagen und neun Windräder im Landkreis Dachau. "Eine neue Solaranlage in Weichs mit einer Fläche von 25 Hektar ist in Planung, über ein drittes Windrad in der Stadt Dachau wird gesprochen. Zudem gibt es mindestens 28 Biogasanlagen, und wir sind sehr stolz darauf, dass das Gewerbegebiet Gada in Bergkirchen über Fernwärme beheizt wird", sagt Johann Liebl vom Landratsamt Dachau.

Neue Busse

In Dachhau sind zwölf Erdgas-Busse in Betrieb.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Für Jonathan Westermeier (Die Linke) ist das zu wenig: "Da sind wir nicht sonderlich gut aufgestellt, muss ich leider sagen. Ein Landkreis wie Dachau, der bundesweit gesehen finanziell gut dasteht, muss schneller vorangehen. Viele Studien zeigen, dass insbesondere Wind- und Solarenergie die Zukunft sind", sagt der Kreisrat. Auf jedes öffentliche Gebäude müsse eine Photovoltaik-Anlage gebaut werden, zudem könne der Landkreis private Haushalte deutlich mehr zur Verwendung von Solarpanels motivieren. Er wisse jedoch, dass vor allem auf Landesebene viele Fehler in Sachen Energiewende passieren. "Aber es kann nicht sein, dass wir seit 2018 nur ein neues Windrad in Betrieb genommen haben. Stattdessen merke ich immer wieder, wie der Bau von Windrädern im Kreistag aktiv verhindert wird", sagt der Karlsfelder.

Landrat Löwl weiß um den zuletzt eher langsamen Anstieg von erneuerbaren Energien in seinem Landkreis. "Der Bau der großen Solarparks ist jetzt etwa acht Jahre her. Nach 2014 ist deutlich weniger als in den Jahren zuvor passiert, da sind mir gerade keine großen Anlagen erinnerlich". Zufrieden ist er trotzdem mit dem Fortschritt der Kommunen. "Wir tun bereits sehr viel, das muss man auch sehen. Es bringt aber nichts, immer und überall Photovoltaik zu verwenden, da man zum Beispiel bei Schulen oder Sporthallen im Sommer eine Überproduktion hat, die dann nicht genutzt werden kann". Wann immer es aber ökologisch realisierbar und ökonomisch sinnvoll sei, setze der Landkreis Photovoltaik ein. Beim Thema Windenergie habe er die Erfahrung gemacht, dass der Bau von Windrädern oftmals an den Abstandsregelungen, lokalen Bürgerinitiativen oder Artenschutz scheitere. Es sei nicht einfach für die Gemeinden.

Roderich Zauscher vom Bund Naturschutz kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: "In Welshofen sollten drei Windräder gebaut werden. Am Ende steht jetzt nur eines und eine Untersuchung zu den anderen beiden bezüglich des Vogelschutzes wurde vom Landratsamt nicht einmal veranlasst, sagt der Vorsitzende der Kreisgruppe. Auch Westermeier ist sich sicher, der Landkreis könne solche Probleme besser lösen: "Andere Länder zeigen uns, wenn Bürger und Gemeinden zum Beispiel die Möglichkeit haben, sich finanziell zu beteiligen, ist der Widerstand geringer", sagt er. Und auch der Landkreis könne Standorte suchen und Gutachten einholen lassen. Das müssten nicht ausschließlich die Gemeinden tun.

Weniger kritisch seinem Landkreis gegenüber ist Westermeier hingegen beim Thema öffentlicher Nahverkehr (ÖPNV). "Die Wahlergebnisse im Dachauer Stadtrat zeigen, dass das Thema erkannt wurde. Ich habe das Gefühl das liegt auch an der Bewegung Fridays for Future", meint er. Es sei ein großer Schritt, dass auf zwei Strecken mit besonders hohem Verkehrsaufkommen, nämlich jene nach Garching und Fürstenfeldbruck nun Busse in regelmäßigen Abständen und mit weniger Stopps fahren. Jetzt fehle nur noch die Strecke nach Moosach, sagt der 28-Jährige. Und eine andere Antriebsart: "Wenn schon Busse und keine S-Bahn-Erweiterung oder eine Seilbahnlinie den Individualverkehr ablösen sollen, dann doch bitte immerhin E-Busse". Dachau habe sich viel gelobt für seine Erdgasbusse, doch diese seien an diesem Punkt des Klimawandels schlichtweg nicht genug. "Ich habe vor zwei Jahren mit Oberbürgermeister Florian Hartmann geredet und er meinte, es habe keine Möglichkeit gegeben, E-Busse zu bestellen. Inzwischen gibt es aber Städte, die das hinbekommen. So auch der Landkreis München", sagt er.

Eine "Überbrückungstechnologie", das seien die Erdgasbusse für den Landrat. Derzeit könne man allerdings noch nicht auf elektronische Busse umsteigen, denn "das ist technisch noch nicht möglich. Die packen die langen Strecken im Hinterland einfach nicht". Zudem könne man sich nicht nur eindimensional auf den CO2-Ausstoß konzentrieren. In der gesamten Umweltbilanz schnitten Dieselbusse mit Filter teilweise besser ab als reine E-Busse, so Löwl. Neben der Batterie sei auch Wasserstoff ein großes Thema. Man sei offen für alles. "Das läuft alles über den MVV. Wir machen vor Ort zwar nichts, haben aber alles im Blick. Wenn ökologische Lösungen kommen, steigen wir ein".

Das Windrad in Erdweg läuft nach einer Phase des Stillstands wieder.

(Foto: Toni Heigl)

Prinzipiell sei man aber zufrieden mit dem neuen Nahverkehrsplan, Ende des Jahres sind zudem Expressbusse geplant. "Der Ausbau läuft weiterhin massiv, allerdings war das vergangene Jahr auch in diesem Sektor nicht repräsentativ, da das Mobilitätsbedürfnis der Bürger gering war", so Löwl. Busse und Ruftaxis seien häufig unterbesetzt gewesen und haben teilweise mehr CO2 produziert als eine private Fahrt der Insassen verbraucht hätte.

Mögliche Veränderungen in der lokalen Klimapolitik durch die Pandemie beschäftigen Jonathan Westermeier sehr. Der Fridays-for-Future-Aktivist hat Angst, dass sich die Prioritäten hinsichtlich des Klimawandels verschieben könnten. Stephanie Burgmaier, Kreisfraktionsvorsitzende der CSU, sieht hier jedoch keinen Grund zur Sorge. "Ich habe eher das Gefühl, die Menschen entwickeln momentan mehr heimisches Bewusstsein", sagt sie. Zwar habe man die Erstellung von Nachhaltigkeitskriterien für den Landkreis durch eine externe Agentur aus finanziellen Gründen um ein Jahr verschoben, es sei jedoch allen sehr bewusst, wie wichtig das Thema sei. "Wir können gerade nicht einschätzen, was für finanzielle Einbrüche es durch die Pandemie gibt. Wir waren uns aber einig, dass unsere Verwaltung schon so gut auf diesem Gebiet arbeitet, das wir das Projekt um ein Jahr verschieben können". Es sei jedoch völlig klar, wo die Prioritäten im Kreistag liegen: "Unsere drei Topthemen für die kommenden Jahre sind Bildung, Finanzen und Nachhaltigkeit", sagt Burgmaier.

Über dieses Bewusstsein in der Dachauer Politiklandschaft freut sich Jonathan Westermeier zwar sehr, am Ende zähle aber, ob das 1,5 Grad-Ziel erreicht werde: "Da reicht es nicht, sich nur für sein Umdenken zu feiern".

© SZ vom 25.01.2021
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