Corona-Proteste:"Es wirkt orchestriert"

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Corona Demonstrationen

Auf der unangemeldeten Demonstration tragen wenige Maske oder halten Abstände ein.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

In Indersdorf und Altomünster demonstrieren insgesamt 600 Menschen gegen eine mögliche Impfpflicht, darunter auch Vertreter der AfD. Angemeldet wurden die Versammlungen nicht. Unterdessen ermittelt die Polizei wegen des Verdachtes auf Volksverhetzung

Von Joshua Beer und Anna Schwarz, Markt Indersdorf

Sie zogen mit Kerzen und Laternen durch die Straßen, sogar an Kinderwagen waren Lichterketten angebracht. Von regelmäßig erklingenden Gongschlägen abgesehen war der Umzug fast still. Nur zu Beginn hatten sich Teilnehmende im Kreis an den Händen gefasst und laut "Frieden" gerufen. Am vergangenen Sonntag versammelten sich laut Polizei etwa 350 Menschen, wohl um gegen eine mögliche Impfpflicht zu demonstrieren.

In Altomünster trafen sich zur gleichen Zeit noch einmal 250 Impfgegner und -skeptiker. Wie schon die Versammlung am vorigen Sonntag waren auch diese beiden nicht angemeldet - im Gegensatz zu der Gegendemonstration in Indersdorf, die etwa 150 Menschen unter dem Motto "Solidarisch aus der Pandemie" mobilisierte. Thomas Obeser von den Jungen Liberalen hatte sie ordnungsgemäß angemeldet. Beide Aufzüge verliefen der Polizei zufolge "störungsfrei und friedlich".

Die Anti-Impfpflicht-Demonstration wurde nicht angemeldet. Das stellt eine Ordnungswidrigkeit dar, die den Organisatoren aber zugleich ermöglicht, anonym zu bleiben. "Wir würden uns natürlich wünschen, dass die Demonstration angemeldet wird. Aber wenn es nicht so ist, können wir es nicht ändern", sagt Landrat Stefan Löwl (CSU). Der Vorteil bei angemeldeten Demos: Die Polizei könne sich besser darauf einstellen.

Löwl vermutet, dass die Protestierenden strikte Auflagen oder Verbote gefürchtet und die Versammlung deshalb nicht angemeldet hätten. Doch angemeldet oder nicht: In jedem Fall würden Corona-Regeln wie die Maskenpflicht und der 1,5-Meter-Abstand gelten. Ein Großteil der Demonstranten trug keine Maske und hielt auch die Abstände nicht ein. Die Polizei sah aber keinen Anlass, die Regel durchzusetzen. Laut Einsatzleiter Stefan Priller seien die Abstände groß genug gewesen.

Gegendemonstration in Markt Indersdorf

Die Gegendemo formierte sich um die Jugendverbände von FDP, den Grünen, CSU und SPD.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Generell habe er nichts gegen den Protest der Impfskeptiker, so Landrat Löwl. "Jeder hat das Recht, anderer Meinung zu sein" und könne an der Meinungsbildung mitwirken. Gleichzeitig sollte derjenige sich aber auch an die "demokratischen Spielregeln" halten - das heißt die Demonstration ordnungsgemäß anmelden.

Die 350 Impfgegner und -skeptiker kamen keineswegs nur aus Indersdorf. "Ich habe auch viele Autos mit fremden Kennzeichen gesehen", sagt der örtliche Bürgermeister Franz Obesser (CSU). Auf der Demo selbst gaben viele an, von außerhalb zu kommen. Auch Michael Reiter (FWG), Bürgermeister von Altomünster, sagt über den Umzug in seinem Ort: "Ich habe nicht nur Gemeindebürger gesehen, sondern auch viele Unbekannte." Die Bewegung habe sich über den Landkreis hinaus zusammengefunden. Sie haben sich offenbar über soziale Netzwerke und dem Nachrichtendienst "Telegram" vernetzt. Von der ebenfalls nicht angemeldeten Veranstaltung in Altomünster hatte Reiter erst ein paar Stunden zuvor durch die Polizei erfahren.

Für Peter Heller, Sprecher des Runden Tischs gegen Rassismus, sind dies Zeichen, dass der Umzug "von woanders gesteuert" wurde: "Es wirkt orchestriert. Das ist kein spontaner, aus der örtlichen Bevölkerung heraus entstandener Spaziergang." Auch dass viele Teilnehmende über "Telegram" auf die Umzüge aufmerksam wurden, stimmt Heller besorgt. Denn dort agiere verstärkt die neue Rechte. "Bundesweit sehen wir eine starke Vermischung von Corona-Leugnern, Impfskeptikern, Impfgegnern und der neuen Rechten. Das ist kein örtliches Phänomen." So offenkundig das ist: Impfkritiker distanzieren sich Heller zufolge kaum von den Rechten. Auch in Indersdorf nicht, wo der Laternenumzug Heller stark an die Pegida-Aufmärsche erinnert: "Das kommt nicht von ungefähr, dass dasselbe Format gewählt wird."

Abgesehen davon mischten sich Anhänger der AfD unter die Demonstrierenden. Stadtrat Markus Kellerer etwa zusammen mit einigen Unterstützern. Er sei als Privatmann da gewesen, aber natürlich stimme die AfD den Zielen der Demonstration zu. "Ich bin kein Impfgegner, aber wir sehen die Impfpflicht sehr kritisch", sagt Kellerer. Vor allem, dass Kinder und Jugendliche bereits durch die 2G-Auflagen zur Impfung "genötigt" würden: "Das ist schon teilweise Zwang."

Kellerer und seine AfD-Kollegen seien nicht offiziell zur Demo eingeladen, aber auch nicht ausgeladen worden. "Wir kennen die Organisatoren nicht und haben nichts mit ihnen zu tun", so Kellerer. Auch wenn er die Demo angemeldet hätte, sieht er kein Problem darin, auf einer unangemeldeten Versammlung mitzulaufen. "Das machen die Linken ständig mit ihren Spontandemos." Ob er wieder mitgehen würde? "Definitiv." Ebenso in Altomünster seien Kellerer zufolge "manche von uns" mitgelaufen. Auch wenn sie sich nicht als AfD-Anhänger zu erkennen gegeben hätten: Weggeschickt habe sie niemand.

Ludwig Gasteiger, Kreisgeschäftsführer des Kreisjugendrings, betont, dass die Sorgen und Bedenken rund um die Corona-Impfung ernst zu nehmen seien. Allerdings versteht er nicht, warum dann einerseits Vertreter der AfD mitlaufen, "die rundweg alle Maßnahmen ablehnen", und warum andererseits so deutlich auf Maske und Abstand verzichtet wurde. "Das wirkt, als sei man einfach gegen alles." Vor dem Hintergrund, dass derzeit in ganz Deutschland Spaziergänge "mit sehr krassen Reden gegen die demokratisch-freiheitliche Grundordnung" abgehalten werden, sei auch der Umzug in Indersdorf problematisch. "Man kann nicht so tun, als wäre das was Harmloses", so Gasteiger. Auch wenn die hiesige Demo zum Glück ruhig verlief.

"Bisher haben wir keinerlei Aufkleber entdeckt", sagt Bürgermeister Obesser. Nach der vorherigen Demo mussten Indersdorfer Bauhof-Mitarbeiter demokratiefeindliche Aufkleber an mehreren Stellen im Ort entfernen. Auch Bürgermeister Reiter sagt, man habe in Altomünster bisher "keinen Vandalismus durch die Demonstranten entdeckt".

Es ist zu vermuten, dass nicht allen Menschen bei dem Umzug klar war, wo sie da hineingeraten sind. Ein "Spaziergänger", der anonym bleiben möchte, erzählt, ein Freund habe ihn zu dem Umzug eingeladen: "Ich war perplex von dem Riesenmenschenauflauf, der Polizei, der Gegendemo." Ihm sei es gar nicht ums Impfen gegangen. Auch sei das keine Demonstration für ihn gewesen, sondern ein "Lichterspaziergang", bei dem er Energie getankt habe. Von der AfD habe er nichts mitbekommen, aber er verstehe auch nicht, warum es berichtenswert sei, wenn da ein AfD-Politiker mitlaufe. "Das nächste Mal gehe ich wieder im Wald spazieren."

Laut Polizeipressesprecher Björn Scheid werde untersucht, wer zu den Demonstrationen aufgerufen habe: "Wir haben mit den Leuten bei den Demos gesprochen, befragen weitere Zeugen und ermitteln in sozialen Netzwerken." Außerdem ermittelt die Polizei Dachau wegen Verdachts der Volksverhetzung: Unbekannte haben am Wochenende in Indersdorf Zettel angebracht. Auf einem stand etwa "Ungeimpfte aufhängen", auf einem anderen "Lasst die Ungeimpften verhungern". Wer dafür verantwortlich ist, lasse sich noch nicht sagen. "Das ist eine absolute Dummheit, wahrscheinlich von einem Einzelnen", sagt Bürgermeister Obesser.

Und die Gegendemo? Es sei "sehr mutig" von den Jugendverbänden von FDP, Grünen, CSU und SPD gewesen, eine Gegenveranstaltung auszurufen, so Ludwig Gasteiger vom Kreisjugendring. Auch Veranstalter Obeser sagt: "Es war richtig und wichtig, dass die Gegendemo stattfand." Auch wenn sie zahlenmäßig kleiner ausfiel. Er bedauert, dass es zu keinem richtigen Austausch mit der Gegenseite kam. "Schade fand ich auch, dass uns die typischen Corona-Schlachtrufe und auch ein, zwei ausländerfeindliche Sprüche entgegengeworfen wurden. Das geht gar nicht", so Obeser. Er vermute, dass sich die Umzüge fortsetzen werden. "Das wird nicht unkommentiert bleiben." Vielleicht ja dann mit mehr Teilnehmern auf der Gegenseite.

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