Ukrainische Geflüchtete:"Die Euphorie über das Leben in Deutschland ist weg"

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Ukrainische Geflüchtete: Anna Huryn aus Kiew schreibt die wöchentliche Kolumne "Dobryy Den, Dachau" für die SZ Dachau.

Anna Huryn aus Kiew schreibt die wöchentliche Kolumne "Dobryy Den, Dachau" für die SZ Dachau.

(Foto: Illustration: Bernd Schifferdecker)

Anna Huryn ist aus der Ukraine geflohen, die 21-Jährige berichtet nun wöchentlich über ihr Ankommen im Landkreis Dachau. In dieser Folge erzählt sie, warum sie sich ganz anders fühlt als bei ihrem Kurztrip nach Berlin vor zwei Jahren.

Kolumne von Anna Huryn, Dachau

Vor zwei Jahren im Februar flog ich von Kiew nach Berlin - als Touristin. Ich hatte schon lange davon geträumt diese Stadt zu besuchen und war dann voller Eindrücke: Die East Side Gallery, das Brandenburger Tor, das Reichstagsgebäude und der Regierungsbezirk, die Museumsinsel und der Berliner Dom - diese Orte werde ich für immer in Erinnerung behalten. Ich spazierte durch Berlin mit dem Gedanken: "Was müssen das für glückliche Leute sein, die in diesem Land leben?". Mein Kurztrip nach Berlin motivierte mich sogar dazu, mit dem Deutschlernen anzufangen.

Das Wichtigste damals war aber: Ich kam nach Berlin als Touristin, als Reisende mit dem tiefen Wunsch eine neue Stadt zu entdecken. Im Februar 2022 kam ich erneut nach Deutschland. Das war eine sehr spontane Entscheidung und der Reisegrund war nicht mein Fernweh. Leider. Jeder kennt den Grund, warum wir Ukrainerinnen hier sind.

Dass meine Mutter und ich jetzt in Deutschland sind, ist mehr oder weniger ein Zufall. Ich hatte geplant, dass wir in die Slowakei fliehen würden, weil das an die Westukraine grenzt. Im Zug hörte ich aber, wie eine Frau am Telefon von einem Bus nach Deutschland sprach. Ich fragte sie nach den Details und entschied, dass wir diesen Bus auch nehmen würden, denn meine Mutter war sehr krank und konnte nicht wie geplant zu Fuß die Grenze überqueren. Es war also eine ganz spontane Entscheidung, die uns in diesen Bus und schließlich nach Dachau brachte.

Langsam kommen mir andere Gedanken beim Spazierengehen

Bestimmt liegt es auch daran, dass ich während meines ersten Monats in Dachau keinen so tollen Eindruck mit vielen Glücksgefühlen von München bekam wie damals von Berlin. Erst seit meinem zweiten Monat hier komme ich langsam bei meinen Spaziergängen auf andere Gedanken. In München war ich jetzt vielleicht zehn Mal. Es ist ja wirklich eine nette Stadt mit einer interessanten Geschichte. Jetzt wird das Wetter sommerlich - und am Abend ist München wirklich wundervoll. Mir gefällt diese Stimmung rund um den Marienplatz, weil so viele Menschen dort einfach die Zeit genießen.

Ich war auch total erstaunt, wie sich die Menschen nach einem Tag an der Uni oder bei der Arbeit im Englischen Garten entspannen. Manche machen ein Picknick, führen Gespräche mit Freunden, spielen lustige Spiele oder gehen mit ihren Hunden Gassi. Auch den Nymphenburger Schlosspark finde ich total schön zum Spazierengehen.

Freilich ist mein Gefühl bei all dem heute ein anderes: Als ich als Reisende nach Deutschland kam, sind mir viele Kleinigkeiten nicht aufgefallen. Jetzt lebe ich seit ein paar Monaten in Deutschland und lerne immer noch neue Nuancen kennen. In meinem Dachauer Alltag bin ich jetzt auf dem Boden der Tatsachen angekommen. Die Euphorie über das Leben in Deutschland ist weg.

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