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"Zeitspuren":Zeugnisse eines grausamen Alltags

Ausstellung "Zeitspuren" in Allach

Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann (rechts) und Kuratorin Anja Henschel geben Einblick in die Ausstellung "Zeitspuren".

(Foto: Thomas Balbierer)

Eine Ausstellung in der KZ-Gedenkstätte zeigt Fundstücke, die seltene Einblicke in das Leben im Außenlager Allach geben.

Ein stumpfer Aluminiumlöffel mit dem Emblem der italienischen Luftwaffe stellt die Forscher der KZ-Gedenkstätte Dachau vor ein kleines Rätsel. Gefunden wurde das Besteckstück bei Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen KZ-Außenlagers Allach, wo Häftlinge von 1943 an Zwangsarbeit in der Rüstungsindustrie verrichten mussten. Wem gehörte der italienische Löffel und wie geriet er ins Lager? Brachte ihn ein italienischer Soldat mit, der von den Nazis gefangen genommen wurde, nachdem Italien sich im Krieg auf die Seite der Alliierten geschlagen hatte? Oder befand er sich im Besitz eines deutschen Lagerwächters, der ihn an der Front erbeutet hatte? "Dieses Rätsel konnten wir nicht lösen", sagt Anja Henschel, die den Löffel für eine Ausstellung über das Außenlager Allach aus mehr als 1000 Funden ausgewählt hat. Statt Antworten will die Gedenkstätte in Dachau eine "Annäherung an die Geschichte" präsentieren, sagt sie.

Bei vielen der 100 Gegenstände, die das Museum seit diesem Freitag in einem neuen Rundgang zeigt, ist eindeutig, wem sie gehörten: die Häftlingsmarken den Gefangenen, die Bierflaschen den SS-Männern. Bei anderen, wie dem Waschkessel, den ein Wehrmachtssoldat zur eigenen Pflege nutzte und in dem ein Häftling nach der Befreiung Kartoffeln kochte, verschwimmen die Grenzen. Diese Mischung aus Wissen und Rätsel verleiht der multimedialen Ausstellung Spannung und fordert die Fantasie des Besuchers heraus. Entdeckt wurden die Stücke bei Grabungen des Bayerischen Landesamtes für Denkmalpflege in den Jahren 2016 und 2017. Archäologen untersuchten damals den Karlsfelder Teil des Außenlagers, in dem vor allem Juden gefangen waren und zur Arbeit gezwungen wurden. Laut Mathias Pfeil, Generalkonservator des Landesamtes für Denkmalpflege, handelte es um "die bisher wichtigste zeitgeschichtliche Flächengrabung in ganz Bayern".

Die Eröffnung der Ausstellung findet wegen der Pandemie digital statt, Interessierte können sich online Reden und Kurzführungen ansehen. Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann hofft, dass die Ausstellung von Ende Mai an auch wieder unmittelbar, hautnah erlebbar sein wird. Bis dahin soll ein Hygienekonzept für das Museum stehen, die Außenanlagen des ehemaligen Konzentrationslagers öffnen bereits am kommenden Montag.

Das Lager Allach zählte zu den größten der insgesamt 140 Außenlager von Dachau. Es handelte sich um ein sogenanntes KZ-Werk, in dem Häftlinge für die Herstellung von BMW-Flugmotoren ausgebeutet wurden. Auch für den Bunkerbau und den Ausbau des Lagers wurden Gefangene eingesetzt. Nach Recherchen des Münchner Stadtteilhistorikers Klaus Mai liegt die Zahl der Häftlinge, die zwischen 1943 und 1945 in Allach waren, bei mindestens 33 000. Mai, dessen Vater Häftling in Dachau war, arbeitet seit zwölf Jahren die Geschichte des Außenlagers auf. Er sagt: "Die Bedingungen waren mörderisch." Auf dem Höhepunkt schufteten bis zu 5 800 Häftlinge in zwei Zwölf-Stunden-Schichten. Die Gefangenen litten an Mangelernährung, Krankheiten wie Typhus und Tuberkulose und der Brutalität der SS-Wachleute.

In der neuen Ausstellung in Dachau laufen die Namen der 362 bekannten Todesopfer des Außenlagers über einen schwarzen Bildschirm. Ausstellungsmacherin Anja Henschel sagt, dass es deutlich mehr Tote gegeben habe. Klaus Mai geht davon aus, dass Allach etwa 1500 Menschen das Leben gekostet hat, viele davon seien nach der Zwangsarbeit zum "Sterben nach Dachau" geschickt worden.

© SZ vom 08.05.2020
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