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Freibad Dachau:So läuft der Freibad-Betrieb in Corona-Zeiten

Familienbad

Bahnen ziehen geht auch mit Abstand.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Öffnung des Freibads unter Corona- und Baustellenbedingungen sei ein Wahnsinn, hieß es im Juni bei den Stadtwerken. Am 18. Juli öffnete das Bad trotzdem. Haben sich die Befürchtungen bestätigt? Über eine Saison im Ausnahmezustand.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Wolfgang Hanickel sitzt auf einer Bank am Rande des Sportbeckens im Dachauer Freibad und trocknet sich mit einem Badetuch ab. Gerade hat der 56-Jährige seine Bahnen im glasklaren, 24 Grad warmen Wasser gezogen, letzte Tropfen schimmern auf seiner Haut. Hanickel ist seit 15 Jahren Dauergast im Familienbad, er kommt während seines Urlaubs im August täglich zum Schwimmen. Ein idealer Experte also für die Frage: Wie läuft sie denn so, die Corona-Freibad-Saison 2020? Hanickel lacht und blinzelt in die Sonne. Er traue es sich fast nicht zu sagen, aber der Freibadbesuch sei selten so entspannt gewesen, findet Hanickel. Und die Corona-Maßnahmen? "Die stören gar nicht." Schön wäre es nur gewesen, sagt er, hätte das Familienbad schon früher eröffnet.

Die Stadtwerke hatten lange darum gekämpft, das Bad in diesem Jahr nicht mehr aufzumachen. Corona und dann auch noch die langwierige Baustelle am Schwimmerbecken - ein Wahnsinn wäre es, heuer den Betrieb zu starten, lauteten die Argumente im Juni. In der entscheidenden Sitzung des Werkausschusses versuchte Christian Stangl, Prokurist der Stadtwerke, verzweifelt, die Stadträte von einer Öffnung abzubringen. Am Eingang würden sich riesige Schlangen bilden, prophezeite er, und stellte die Frage in den Raum, was man mit Querulanten machen solle, die sich weigern, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen - rufe man dann die Polizei? Es klang nach Chaos. Öffne man das Freibad, "dann können wir auch gleich das Volksfest machen", appellierte Stangl an den Werkausschuss, die Saison heuer ins Wasser fallen zu lassen. Am Ende stimmten die Politiker dennoch für die Öffnung - einstimmig. Stangl sagte dann noch, die Dachauer sollten "kein Urlaubsfeeling" erwarten. Am 18. Juli ging es los, ein paar Tage später war die Baustelle am Beckenrand plötzlich auch fertig. War alles halb so schlimm?

Familienbad

Wolfgang Hanickel kommt auch im Corona-Jahr ins Dachauer Bad.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Am Donnerstagvormittag vergangener Woche hängen dichte Wolken über der Stadt, die Liegewiese ist noch ziemlich leer und in den Becken tummeln sich nur vereinzelt Badegäste. Bäderchefin Barbara Kern sitzt auf der Caféterrasse und trinkt einen Cappuccino. Sie sagt: "Die Herausforderungen durch Corona waren händelbar." Ihr Team hat das Bad coronafest gemacht, es gibt an vielen Stellen Desinfektionsmittelspender, Hinweisschilder und Einlassgrenzen für die Schwimmbecken. Auch ins Bad selbst dürfen gleichzeitig maximal 1500 Menschen, Besucher können sich online über die Auslastung informieren. Und wenn mal eine Familie komme und die Zahl auf 1501 steige, lasse man die auch noch rein, sagt Kern. Sie findet: "Wir haben das Beste aus der Situation gemacht." Tatsächlich ist der Ansturm aufs Familienbad aber ausgeblieben. Nur an zwei Tagen - einem Hitzesonntag und am vergangenen Freitag - sei die Besuchergrenze bislang ganztägig erreicht worden. "Wir haben mit mehr Zulauf gerechnet", sagt die Bäderchefin. Etwa 30 000 Gäste seien es bisher gewesen, in normalen Jahren liegt die monatliche Zahl bei 40 000 bis 50 000. Kern vermutet, dass viele Schwimmer heuer lieber auf die Badeseen ausweichen. "Manche finden die Corona-Maßnahmen unangenehm."

"Ich bin glücklich, dass das Bad überhaupt geöffnet hat"

Familienbad

Daniela Oberhofer genießt mit ihrem Sohn Felix die Erfrischung an heißen Tagen.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Die Wolkendecke ist mittlerweile aufgerissen, die Sonne wärmt das Gelände und die Becken füllen sich allmählich. Hört man sich an diesem Ferientag bei den Badegästen um, erlebt man viel Zuspruch für die Umsetzung der Corona-Regeln. Nicht nur Dauerschwimmer Wolfgang Hanickel findet, dass die Stadtwerke den Betrieb "unter diesen Umständen top" organisiert hätten. Auch die 35-jährige Daniela Oberhofer äußert sich sehr zufrieden. Die Dachauerin sitzt mit ihrem dreijährigen Sohn Felix im Schatten eines Baumes. Auf der Decke sind die bunten Spielsachen des Jungen verteilt, der Kinderwagen steht daneben. "Ich bin glücklich, dass das Bad überhaupt geöffnet hat", sagt die Mutter. Der Besuch sei viel kinderfreundlicher als etwa in den Münchner Bädern, wo man im Vorhinein online reservieren müsse. In Dachau könne man bei schönem Wetter ganz spontan kommen. Auch an den Atemschutz, der zum Beispiel beim Weg zum Café oder aufs Klo Pflicht ist, habe sie sich längst gewöhnt. "Die Maske gehört inzwischen dazu, wie die Handtasche zu einer Frau", sagt Oberhofer und lacht. Zwar gebe es immer wieder mal Gäste, die sich nicht an die Regeln hielten oder mit ihrer Decke auf der Wiese zu nahe kommen, doch das sei zu verschmerzen. Die kleine Familie ist froh, mitten in Dachau ein Stück Urlaub genießen zu können. Eigentlich sollte es zum Urlaub an die Ostsee gehen, doch die Reise hat die Familie wegen der Pandemie abgesagt. "Daheim ist es auch schön", findet die Mutter.

Die Temperatur liegt inzwischen bei 28 Grad, am Eingang bildet sich nach 12 Uhr die erste kleine Schlange. Die Anstehenden tragen ihre Namen und Telefonnummern geduldig in Papierformulare ein - Corona ist auch ein Bürokratiemonster. Drinnen macht sich ein Rentnerpaar allmählich bereit fürs Mittagessen. "Wenn der Trubel kommt, hauen wir ab", sagt Günter Kottermeier. Mit zehn Jahren sei er bereits zum Schwimmen an diesen Ort gekommen, sagt der 70-Jährige, damals habe man noch im Flusswasser geplanscht, die Fische tummelten sich zwischen den Füßen. Wie gefällt ihm das Bad unter Pandemie-Bedingungen? "Die Leute sind freundlicher", sagt Kottermeier. Er und seine Frau Elli fühlen sich im Freibad sicherer als zum Beispiel in einem Geschäft. Nur am Wochenende, wenn die meisten Besucher kommen und die Liegewiese voll ist, bleiben die Kottermeiers lieber zu Hause. "Ich war anfangs skeptisch, aber es ist richtig, dass das Bad geöffnet wurde", sagt er.

Wenn selbst Rentner, denen man nachsagt, sie hätten Spaß am Granteln, nur Positives sagen - ist dann alles bestens? Ein paar Probleme gibt es schon. Zum Beispiel die Schlägereien zwischen Jugendlichen, die laut Bäderchefin Kern mehrmals für Ärger gesorgt haben. Am Ende mussten die Mitarbeiter den Beteiligten Hausverbot aussprechen. Wie oft genau es zu Vorfällen kam, will Kern nicht sagen. Zweimal musste bislang auch die Polizei anrücken, zuletzt am vergangenen Freitag. Da kam es laut Polizeisprecher Günther Findl am Eingang zu einem Streit zwischen Angestellten und Besuchern. Wegen der hohen Auslastung ließ das Personal kurzfristig niemanden mehr ins Bad, das wollten laut Polizei "einige erboste Gäste" jedoch nicht akzeptieren und kletterten laut Kern über den Zaun. Die Beamten mussten schlichten. Für die Polizei ist die Corona-Freibad-Saison aber keine außergewöhnliche. "Wie in den letzten Jahren lassen sich die Einsätze 2020 an einer Hand abzählen", so Sprecher Findl.

Familienbad

Trotz Hygieneregeln und Einlassgrenzen gefällt es den meisten Gästen im Dachauer Familienbad.

(Foto: Niels P. Jørgensen)

Finanziell wird 2020 wohl besonders enttäuschend ausfallen. Aber, sagt Kern: "Wirtschaftlich ist der Betrieb nie, die Bäder sind immer ein Zuschussgeschäft." Im Juni gingen die Stadtwerke von einem zusätzlichen Defizit von 200 000 Euro für den Corona-Betrieb aus. Ein Minus von 1,6 Millionen Euro könnte am Ende unterm Strich stehen.

Wirtschaftlich schwierig ist diese Zeit auch für den neuen Pächter des Bad-Restaurants. Auf der ans Springerbecken angrenzenden Terrasse sind am Donnerstag kurz vor 13 Uhr mehr Tische leer als besetzt. Niemand steht am Ausgabefenster Schlange, um Pommes, Eis oder ein Weißbier zu ergattern. "Das Geschäft läuft bescheiden", sagt Wolfgang Karl, der im Juli nur wenige Tage Zeit hatte, um Personal und Ausstattung für die Eröffnung zu organisieren. Mit Gewinn rechnet er in diesem Jahr nicht, will aber auch nicht den Kopf in den Sand stecken. "Was ist denn die Alternative? Zuzumachen, das bringt keinem etwas." Seine "Aqua Bar" ist ein gemütliches Plätzchen mit einer großen Auswahl an Speisen. Dass trotzdem wenig geht, liegt an Corona, Karl macht sein Geschäft mit der Masse. Wenn nur wenige Besucher kommen, fehlen ihm die Kunden. Der Gastronom bleibt trotzdem optimistisch: "Wir sind froh, dass wir überhaupt aufmachen konnten. Und im nächsten Jahr haben wir viel niedrigere Kosten als jetzt zu Beginn." Die Frage ist nur, was die Freibad-Saison im Jahr 2021 bringen wird.

© SZ vom 26.08.2020
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