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Dachauer Freibad:Die Schwimm-Prüfung

Dachauer Bäder

Mit großer Verzögerung und unter Pandemie-Bedingungen wird die Freibad-Saison in Dachau starten. Einen konkreten Öffnungstermin gibt es noch nicht.

(Foto: Niels P. Joergensen)

Das Dachauer Familienbad soll noch im Sommer öffnen - so wollen es die Mitglieder des Werkausschusses. Die Stadträte stellen sich damit gegen den vehementen Widerstand der Stadtwerke. Wie es nun weitergeht.

Von Thomas Balbierer, Dachau

Christian Stangl hatte alles versucht. Der Prokurist der Dachauer Stadtwerke hatte argumentiert, appelliert, gewarnt und geschimpft - nur geholfen hat es am Ende nichts. Nach einer lebendigen Diskussion entschied der Werkausschuss des Stadtrates am Dienstagnachmittag, das Dachauer Familienbad so bald wie möglich zu öffnen. Mit dem einstimmigen Votum stellten sich die Mitglieder gegen die ausdrückliche Empfehlung der Stadtwerke, das Bad heuer nicht mehr in Betrieb zu nehmen. Mehrmals und teils emotional wies Stangl auf die Risiken einer Corona-Freibad-Saison hin, sagte lange Menschenschlangen an den Kassen voraus und warnte vor Störern, die die Maskenpflicht ignorieren oder das Bad nicht verlassen würden. Wenn man das Freibad öffne, "dann können wir auch gleich das Volksfest machen", hatte Stangl gesagt. Doch im Laufe einer 90-minütigen Debatte bekam der Widerstand Risse, am Ende musste Stangl den Willen der Stadträte resigniert in einen Beschluss übersetzen. Demnach sollen die Stadtwerke das Familienbad "zum nächstmöglichen Zeitpunkt" öffnen.

Wann genau das sein wird, konnte der Bereichsleiter für Recht und Verwaltung am Dienstag nicht sagen. Die Mitarbeiter müssten aus der Kurzarbeit geholt, die Becken mit Wasser befüllt und das neue Einlasssystem einsatzbereit gemacht werden. Und dann ist da ja auch noch eine offene Baustelle mitten auf dem Freibadgelände: Die Arbeiten am Schwimmerbecken - die ursprünglich im April abgeschlossen sein sollten - dauern an. Deshalb wird das Bad vorerst ohne Schwimmerbecken geöffnet.

Mängel bei der Sanierung des Schwimmerbeckens

Noch vor wenigen Tagen waren Stadt und Stadtwerke davon ausgegangen, dass die Sanierung des Beckens bis 14. Juli fertig sein würde. Wie Stangl erklärte, wird es mit einer neuen Folientechnik beschichtet, um in Zukunft langwierige Sanierungen poröser Fliesen zu vermeiden. Doch die Arbeiten fielen umfangreicher aus als gedacht, weil plötzlich auch noch Betonarbeiten am Beckenrand nötig geworden waren. Diese sollten bis 1. Juni abgeschlossen sein, doch auch diesen Termin schafften die Baufirmen nicht, der dann vereinbarte 15. Juli wird ebenfalls gerissen. Stangl sprach von Baumängeln, die Betonarbeiten seien viel zu ungenau ausgeführt worden. Die Sanierung sei eine "Misere", so der Stadtwerke-Vertreter. Oberbürgermeister Florian Hartmann (SPD) griff die beteiligten Baufirmen an. Man müsse sich fragen, ob "die da alle schlafen", so der OB. Bis 25. Juli sollen die Mängel behoben werden, sagte Christian Stangl unter Berufung auf die Baufirma. "Ich persönlich glaube es nicht", fügte er hinzu.

Den Verzug könne man unter der Kategorie "blöd gelaufen" verbuchen, sagte Werkausschussmitglied Volker C. Koch (SPD). Doch an einem Badebetrieb führe für ihn kein Weg vorbei. Peter Gampenrieder (ÜB) erinnerte an die "gesellschaftliche Verantwortung" der Entscheider. Für Kinder und Familien sei es im Freibad sicherer als an offenen Seen. "Nichts tun, kommt für mich nicht infrage", so Gampenrieder. Norbert Winter (CSU) wies darauf hin, dass die Corona-Verordnung des Freistaats kürzlich erneut gelockert und die Besuchergrenze für Bäder verdoppelt worden ist. Es sei "überhaupt kein Problem, das Freibad zu öffnen". Winter warf Stangl vor, nur zu sagen, was nicht gehe, man solle auch einmal "positiv denken". Stangl hielt der CSU daraufhin vor, die Risiken der Pandemie herunterzuspielen. Als Winter kritisierte, dass die in den Sitzungsunterlagen genannte Besuchergrenze von 1300 Personen veraltet sei, machte Stangl seinem Frust Luft. Die Verordnungen der Staatsregierung würden sich "nahezu stündlich ändern", die Kommunikation der CSU-geführten Regierung sei "äußerst dürftig", man müsste sich "mühsam durch unendliche Paragrafen wühlen". Nach aktueller Rechtslage können wohl bis zu 2600 Besucher gleichzeitig das Bad betreten - was beinahe der Auslastung an heißen Wochenenden in pandemiefreien Jahren entspricht. Kritik an der Kommunikation der Stadtwerke wies Stangl zurück. Zustimmung fand schließlich der Vorschlag von Bäderreferentin Ingrid Sedlbauer (ÜB), das Bad in Teilen zu öffnen - eine Lösung, die Stangl zuvor als "nicht unmöglich", aber "nicht zu empfehlen" bezeichnet hatte.

Die Dachauer sollten "kein Urlaubsfeeling im Freibad" erwarten

Die Stadtwerke stehen nun vor einem Kraftakt. Der Start unter Corona-Auflagen werde 200 000 Euro zusätzliche Kosten verursachen, prognostiziert der Betreiber. Damit rutscht das Bad noch tiefer in die roten Zahlen: Am Ende des Jahres rechnet man mit einem Defizit von 1,6 Millionen Euro. Der Werkausschuss regte an, dass sich die Stadt die Mehrkosten übernehmen könnte. Außerdem muss das Bad coronatauglich gemacht werden. Ein Lichtschranken-System am Einlass soll die Besucherzahl messen, damit die Grenze nicht überschritten wird. Eine Onlinebuchung wie in München wird es nicht geben. Die aktuelle Auslastung soll laut Stangl auf der Homepage der Stadtwerke angezeigt werden. Zeigt das System eine hohe Auslastung an, sollten sich die Bürger gar nicht mehr auf den Weg machen, wünscht sich Stangl. Ein Sicherheitsdienst werde am Eingang die Einhaltung der Hygieneregeln kontrollieren, auch im Bad müsse man streng überwachen.

Nach der Entscheidung richtete Stangl noch einen letzten Appell an die Öffentlichkeit. Die Dachauer sollten mit Blick auf Corona nun ja "kein Urlaubsfeeling im Freibad" erwarten. Zumindest den Stadtwerken ist die Vorfreude längst vergangen.

© SZ vom 02.07.2020
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