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Coronavirus in Bayern:Wie das Rote Kreuz die Krise managt

Corona-Krisenstabsstelle des BRK im O2-Tower

Weil die Räume des Bayerischen Roten Kreuzes zu klein waren, ist der Krisenstab in den O2-Tower gezogen.

(Foto: Florian Peljak)

Im Münchner O2-Tower sitzt der Corona-Krisenstab von Bayerns größter Hilfsorganisation. Mitarbeiter aus dem ganzen Freistaat analysieren hier die Entwicklung der Pandemie. Ihr Ziel: Eine Landkarte mit lauter grünen Punkten.

Da war es wieder, das altbekannte Problem. Seit Anfang dieser Krise begleitet es die Männer und Frauen rund um den Tisch bei ihrer Arbeit, trotzdem gab es Lacher und Pfiffe, als der Kollege, der per Video aus Nürnberg zugeschaltet war, von den neuesten Entwicklungen berichtete: Die Preise für Atemschutzmasken, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel waren mal wieder gestiegen. Um ein Drittel legte der Preis für die Masken an jenem Apriltag zu, als die Einführung der Maskenpflicht verkündet wurde - von 65 auf 85 Cent pro Stück in nur drei Stunden. Ein Rekord. Einer, der die schwierige Arbeit für den Krisenstab des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) nicht leichter machte.

Als die Staatsregierung am 16. März den Katastrophenfall für Bayern ausruft, sind die rund 30 Mitarbeiter des Krisenstabs schon seit zwei Wochen im Einsatz. Der tritt immer dann zusammen, wenn eine besondere Einsatzlage vorliegt, die eine zentrale Organisation benötigt. Beim Hochwasser 2013 in Passau etwa wurde ein Stab installiert, oder 2015 während der Flüchtlingskrise. Die Corona-Krise aber unterscheide sich von den bisherigen Einsätzen, sagt BRK-Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk: "Bislang waren das Lagen, die zwei, vielleicht drei Wochen gedauert haben", sagt er. Weil man den Zeitraum ungefähr abschätzen konnte, habe das die Planungen deutlich vereinfacht. Diesmal aber ist alles anders, täglich ändern sich die Infektionszahlen, und ständig gibt es neue Maßnahmen im Kampf gegen die Pandemie - erst die Beschränkungen, jetzt die Lockerungen. Und weil die Situation so unklar ist, könne es gut sein, dass der Krisenstab auch noch in einem halben Jahr im Einsatz sein wird, schätzt Stärk.

Corona-Krisenstabsstelle des BRK im O2-Tower

Die Corona-Krise unterscheide sich von allen bisherigen Einsätzen, sagt Landesgeschäftsführer Leonhard Stärk.

(Foto: Florian Peljak)

Die Mitarbeiter des Stabs stammen aus allen Regionen Bayerns, jeder bringt so das Wissen aus seinem jeweiligen Fachgebiet mit: Rettungssanitäter aus Schwaben sind dabei, Pflegeheimleiter aus Niederbayern, Ehrenamtliche aus Franken. Aufgeteilt auf sieben Arbeitsbereiche analysieren sie die Entwicklung der Pandemie. Dabei stützen sie sich auf die Infektionszahlen, die Zahl der Rettungseinsätze und die Rückmeldungen und Lageberichte aus den fünf Bezirks- und 73 Kreisverbänden. Die Mitarbeiter beobachten die Situation in den rund 130 Pflegeheimen des BRK, berechnen den Bedarf an Schutzkleidung und sind für deren Beschaffung zuständig.

Und genau das war eines der größten Probleme bei den Lagebesprechungen in den vergangenen Wochen. Weil die Räume des BRK wegen der Aufstockung des Krisenstabs und der Abstandsregeln zu eng geworden sind, sind die Mitglieder dafür in den ersten Stock des O2-Towers am Georg-Brauchle-Ring umgezogen. Die Mitarbeiter des Konzerns arbeiten fast alle von zu Hause aus, die Räume waren frei, und so geht es in dem Konferenzraum, in dem sonst über Technik und Marketing diskutiert wird, seit Wochen um das Coronavirus und seine Folgen wie den Mangel an Schutzmasken. Inzwischen spricht das Rote Kreuz zumindest in dieser Hinsicht aber von einer leichten Entspannung, die Produktion auf dem Maskenmarkt laufe wieder besser.

Die Entscheidungen der Politik machen sich direkt für den Krisenstab bemerkbar. Der Raum neben dem Konferenzzimmer, Telefone und Laptops auf den Tischen, Flachbildschirme an den Wänden: das Lagezentrum. Hier laufen die Informationen aus den Ortsverbänden ein und werden gebündelt analysiert. Immer, wenn eine neue Maßnahme gegen die Ausbreitung des Virus getroffen wurde, merken sie hier mit einigen Tagen Verzögerung einen Effekt. Als Mitte März die Schulschließungen bekanntgegeben wurden: weniger Neuinfektionen zwei Wochen später. Nach dem Erlass der Ausgangsbeschränkungen: deutlich weniger Ansteckungen nach zwei bis drei Wochen. Seit Mitte April: ein Rückgang der Rettungseinsätze in Zusammenhang mit der Pandemie. Und nun die ersten Lockerungen. Dass sich auch die in der Statistik bemerkbar machen werden, gilt im Krisenstab als so gut wie sicher, eine zweite Infektionswelle werde wohl kaum zu verhindern sein. Trotzdem sind Stabsleiter Daniel Pröbstl und die anderen nicht unglücklich über die Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen: Zum einen könne man die Lockerungen jederzeit wieder außer Kraft setzen, zum anderen haben sie gerade aus den Pflegeheimen die Rückmeldungen bekommen, dass das Besuchsverbot die Bewohner sehr belastet und der Kontakt mit den Angehörigen dringend wieder möglich werden müsste.

Corona-Krisenstabsstelle des BRK im O2-Tower

Funkgeräte zur Kommunikation.

(Foto: Florian Peljak)

Das BRK arbeitet eng mit den Ministerien zusammen und insgesamt, sagt Landesgeschäftsführer Stärk, laufe diese Zusammenarbeit auch ganz gut. Trotzdem wären sie manchmal gerne etwas mehr eingebunden worden: vom Katastrophenfall etwa hat das BRK aus der Zeitung erfahren, und auch sonst gab es die eine oder andere Entscheidung, bei der man sich ein bisschen mehr Mitspracherecht gewünscht hätte, sagt Stärk. Hinzu kommt der finanzielle Aspekt: 27 Millionen Euro hat der Verband bislang investiert, um seine Mitarbeiter bestmöglich mit Schutzausrüstung zu versorgen und die Versorgung seiner Patienten zu gewährleisten - vom Freistaat aber habe man bislang nur sieben Millionen Euro bekommen. In anderen Bereichen wurde deswegen gespart, trotzdem sagt Stärk: "Eigentlich ist das Geld, das wir nicht haben." Für die Wirtschaft gebe es milliardenschwere Konjunkturprogramme, sagt Stärk, "aber die Wohlfahrtsverbände gehen verhältnismäßig leer aus".

Insgesamt sei die Lage zwar ernst, aber unter Kontrolle, sagt Stabsleiter Pröbstl. Deutlich wird das an einer Karte, auf der die Situation in den Pflegeheimen des BRK dargestellt ist. Rot heißt, die Versorgung ist nicht mehr aufrechtzuhalten, gelb, dass die Lage kritisch ist und dringend reagiert werden muss, etwa, indem man Pfleger aus anderen Heimen abzieht, um dort zu helfen, wo die Not am größten ist. Grün dagegen heißt, die Versorgung ist gesichert - und die Karte ist voller grüner Punkte. Auch in den am stärksten betroffenen Regionen rund um Mitterteich, Rosenheim und Straubing: grün, grün, grün. Fast überall gibt es genug Schutzkleidung, fast überall genug Personal. Und auch, wenn Pröbstl gleich erklärt, dass die Farbe der Punkte nur eine grobe Einschätzung sei, dass das Grün nicht heiße, die Heime seien gar nicht vom Coronavirus oder den Maßnahmen betroffen und dass es nichts über die enorme Arbeitsbelastung der Kollegen vor Ort aussage: die Karte mit dem vielen Grün macht Mut.

© SZ vom 08.05.2020/syn

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