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Klinik-Chefin:"Ich glaube, das lief ein bisschen wie auf einem Basar"

Nadine Schmid-Pogarell ist Geschäftsführerin des Klinikums der Barmherzigen Brüder am Romanplatz. Dort betreuen in normalen Zeiten 1100 Mitarbeiter mehr als 18 300 Patienten pro Jahr stationär.

(Foto: Claudia Rehm/oh)

Bis zu zehn Milliarden Euro Staatshilfe hat der Bund den Krankenhäusern indes zugesagt. Nadine Schmid-Pogarell bezweifelt, dass das reichen wird.

Bis zu zehn Milliarden Euro hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den deutschen Kliniken für den Kampf gegen Corona zugesagt. Ob diese Summe reichen wird, bezweifelt Nadine Schmid-Pogarell, die Geschäftsführerin des Klinikums der Barmherzigen Brüder am Romanplatz.

SZ: Gesundheitsminister Spahn hat nach heftigen Protesten aus Ihrer Branche seinen Krankenhäuser-Schutzschirm nachgebessert. Zufrieden?

Nadine Schmid-Pogarell: Bedingt zufrieden. Was uns große Sorgen bereitet, ist, dass die notwendige Bürokratie, die aufgebaut werden muss, zäh werden könnte, weil die Strukturen dafür noch gar nicht da sind. Dieser Prozess muss erst entwickelt werden. Da vergehen ja im schlimmsten Fall schon mal ein, zwei, drei, vier Wochen. Wenn's dann noch mal ähnlich lange dauert, bis das Geld wieder da ist, dann wären's schon zwei Monate. Und da befürchte ich, dass das eine oder andere Krankenhaus schon sehr früh in die Knie gehen wird, weil die Liquidität einfach nicht mehr da ist.

Wie viele Intensivbetten wird Ihr Klinikum zusätzlich bereitstellen?

Wir haben nach dem Ausbau unserer Intensivstation 26 Betten, die wir normal fahren können. Wir können aufstocken auf maximal 51. Dafür nehmen wir den gesamten Aufwachraum unserer beiden OP-Bereiche - was aber dann noch weitere Einschränkungen beim Operationsbetrieb bedeuten würde.

Für jedes zusätzliche Intensivbett soll es aus dem Topf 50 000 Euro geben. Ist das ausreichend?

Niemals. Damit kann ich eine Beatmungsmaschine kaufen, aber ich brauche ja mehr als das: Unmengen von Material, Schlauchsysteme, Monitore, abgesehen vom Personal. Ich glaube, das lief ein bisschen wie auf einem Basar: Das Ministerium wollte 30 000 Euro geben, dann hat jemand 85 000 gesagt, und dann hat man ungefähr die Mitte genommen.

Das beste Intensivbett nützt nichts, wenn Ärzte und Pflegepersonal fehlen.

Unsere Intensivmediziner haben für die Kollegen aus anderen Bereichen eine Art Crash-Kurs ausgearbeitet, zur Reaktivierung dessen, was diese in der Ausbildung mal gelernt haben. Bei den Pflegekräften versuchen wir auch, so gut es geht das Wissen aufzufrischen. Im schlimmsten Fall müsste man auf intensivmedizinisch ungeschulte Pflegekräfte zurückgreifen. Wir reden ja von einem Katastrophenszenario.

Wie gehen Sie mit den enorm gestiegenen Kosten für Schutzkleidung um?

Das ist mit das Erschütterndste, was ich in diesem Zusammenhang erleben musste. Das Schlimmste an den Menschen ist zum Vorschein gekommen. Wir zahlen normalerweise für eine FFP2-Maske 39 Cent. Es wurden uns Masken für 6,95 Euro pro Stück angeboten. Für einen Wegwerfartikel! Das ist schamlos. Glücklicherweise arbeiten wir mit den anderen Kliniken der Barmherzigen Brüder im Verbund, die Einkäufer aller Standorte haben versucht zu kaufen, was es zu kaufen gibt.

Kliniken sollen medizinisch nicht dringend notwendige Operationen zugunsten der Versorgung von Corona-Patienten verschieben. Wie trifft Sie das?

Einem Patienten mit Dickdarmkrebs wird der Chirurg natürlich nicht sagen: Kommen Sie in sechs Monaten wieder. Diesem Patienten muss man helfen - auch wenn's kein Notfall nach einem Motorradunfall ist. Wir sind ein katholisches Haus und wollen uns unsere Werteorientierung bewahren. Dennoch: 2019 hatten wir pro Tag im Schnitt 309 Patienten stationär. An diesem Montag mittags waren es noch 187 Patienten - gut ein Drittel weniger.

Wenn das deutsche Gesundheitswesen wieder in den Normalbetrieb zurückkehren kann - wie wird die Krankenhaus-Landschaft ausschauen?

Die Kliniken sind jetzt schon zusammengerückt. Seit 5. März gibt es einen Runden Tisch bei der Gesundheitsreferentin für die Notfall-Versorgung. Das könnte bei aller Konkurrenz auch in die Zukunft tragen. Ich vermute allerdings, dass der eine oder andere Wettbewerber die Situation nicht überleben kann, wenn es die Politik nicht schafft, die Liquidität zu sichern. Ein Krankenhaus, das seine Gehälter nicht zahlen kann, hat von heute auf morgen kein Personal mehr. Und dann ist das Haus mausetot.

© SZ vom 25.03.2020/wean
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