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Chaos zum Ferienstart:Es war der ungünstigste Tag, den größten Teil des Flughafens zu sperren

Das Terminal 2 ist jetzt, am späten Vormittag, überfüllt, die Luft wird schlecht, die Klimaanlage ist überfordert - im Erdinger Moos brennt die Sonne vom Himmel. Irgendwann stellt die Feuerwehr ein kleines Zelt auf und beginnt, Getränke zu verteilen; später bläst sie mit einem Riesenventilator frische Luft in das verglaste Gebäude. Laut Flughafen müssen etwa 30 Menschen wegen Kreislaufproblemen behandelt werden. Wartende lassen sich in der Nähe der Toiletten nieder, füllen dort ihre Wasserflaschen auf.

Immer wieder kommt die Durchsage: "Aufgrund einer polizeilichen Ermittlung sind derzeit alle Abfertigungsschalter geschlossen." Auf den Abflugtafeln taucht immer häufiger das Wort "annulliert" auf. Viele Menschen beschweren sich über mangelnde Informationen; Einzelne schreien herum. Unruhe breitet sich aus. Der Flughafen reagiert mit der Durchsage: "Für Sie besteht keine Gefahr, bitte verhalten Sie sich ruhig."

Flugreise "Das Chaos auch noch permanent zu vergrößern, übersteigt meine Toleranzgrenze"
Sicherheitspanne in Terminal 2

"Das Chaos auch noch permanent zu vergrößern, übersteigt meine Toleranzgrenze"

Stundenlanges Warten, ohnmächtig werdende Passagiere, verpasste Kreuzfahrten: Wie SZ-Leser das Chaos am Münchner Flughafen erlebt haben.

An einem der Gates entbrennt ein Streit um die letzten verbliebenen Sitze, in den auch eine Familie mit drei kleinen Kindern verwickelt ist. Manche Passagiere, deren Flüge gestrichen sind, suchen hektisch ihr Gepäck, das sie an den Automaten aufgegeben haben; andere, die früh dran waren am Morgen, werden auf Maschinen umgebucht, die am Sonntag oder Montag abheben sollen. Viele werden vertröstet - zum Ferienbeginn sind die meisten Flieger ausgebucht. Zwar heben am frühen Nachmittag die ersten Lufthansa-Maschinen wieder ab, doch der Flugplan ist völlig außer Takt. Allein bis dahin seien 104 Starts und 91 Landungen annulliert worden, meldet die Flughafen-Gesellschaft, etwa 60 Maschinen seien verspätet.

Am Sonntagvormittag teilt sie mit, von den Ausfällen seien mehr als 32 000 Passagiere betroffen. Es war ja auch der ungünstigste Tag dafür, den größten Teil des Münchner Flughafens zu sperren, am ersten Ferienwochenende in Bayern und Baden-Württemberg. Nie ist mehr los an Deutschlands zweitgrößtem Flughafen: Mit insgesamt mehr als 6,5 Millionen Passagieren und gut 52 000 Starts und Landungen rechnet er während der Sommerferien - besser: rechnete er. Vor diesem Samstag.

Am Sonntag entspannt sich die Lage nur langsam. Auf der Zufahrt zum Terminal 2 stauen sich Autos. Die Schlange derjenigen, die an den Serviceschaltern anstehen, reicht bis auf die Straße. Hunderte haben die Nacht in Hotels in Flughafennähe verbracht, etwa 2000 im Abfertigungsbereich des Terminals - oder gleich im Sicherheitsbereich. Dort stehen am Sonntag Dutzende Metallgerüste mit Matratzen, denen man ansieht, dass sie in aller Eile aufgestellt wurden: Bettbezüge mit Schlumpfmuster, Sonnenblumenkissen und FC-Bayern-Bettdecken. Malteser haben sie aus München, Traunstein und Rosenheim herbeigekarrt. Denn am Samstag gelangten nach Aufhebung der Sperrung offenbar viele Menschen durch die Sicherheitskontrollen in dem vermeintlichen Wissen, ihre Flüge würden gehen. Dann aber wurden sie doch gestrichen, die Reisenden saßen fest. Am Morgen lehnt die Hälfte der Feldbetten an der Wand, auf den übrigen liegen Menschen und lesen, schlafen, telefonieren.

Je länger die Ungewissheit dauert, desto größer wird der Unmut vor allem über die Lufthansa: Viel zu wenige und teils falsche Informationen bekomme man da, klagen viele Passagiere. An den Schaltern sei zu wenig Personal, die Hotline überlastet. Am Flughafen stehen am Sonntagvormittag Menschen, deren Flug gestrichen wurde, wiewohl sie am Morgen von der Lufthansa die Auskunft bekommen hatten, er gehe.

Und die Verursacher? Die SMG-Mitarbeiter, denen die Frau durchgeschlüpft ist, werden "ihren Dienst aktuell nicht fortsetzen", teilt die Regierung mit. Die 40-Jährige selbst soll am Samstag gegen 17.20 Uhr identifiziert worden sein. Wie und wo - das gehört zu den Fragen, die die Verantwortlichen nicht beantworten. Auch nicht, ob die Frau von dem Tumult vielleicht gar nichts mitbekam, weil sie im Flieger saß.

Mitarbeit: Fabian Heckenberger, Carsten Matthäus, Andreas Schubert

Verkehr in München Klappbetten im Sicherheitsbereich, lange Schlangen vor den Schaltern

Flughafen München

Klappbetten im Sicherheitsbereich, lange Schlangen vor den Schaltern

Nach der Sicherheitspanne am Samstag sitzen noch immer Tausende Passagiere am Münchner Flughafen fest. Viele harren stoisch aus, andere sind wütend über die schlechte Informationspolitik.   Von Isabel Bernstein, Fabian Heckenberger und Andreas Schubert