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Rekonstruktion:Hohe Kunst

Schön vorsichtig: Ein Arbeiter montiert am Mittwoch den Nachbau einer historischen Ziervase auf dem Dach des Botanischen Instituts.

(Foto: Robert Haas)

Einst schmückten knapp zwei Meter hohe Ziervasen das Dach des Botanischen Instituts, doch das ist über ein halbes Jahrhundert her. Sie wurden abmontiert und vergessen. Nun kehren sie zurück

Von Linus Freymark

Als erstes fallen die vielen Menschen auf dem Dach auf. Es ist Herbst, das Jahr: 1912. Das Botanische Institut in München feiert Richtfest, und auf dem Dach sitzt ein gutes Dutzend Menschen. Vor dem Gebäude steht ebenfalls eine Gruppe Männer, Spazierstock in der Hand, Melone auf dem Kopf, ein Fotograf hat die Szenerie für die Nachwelt festgehalten. Doch beim Blick auf das Bild fällt noch etwas auf: Auf dem Dachvorsprung, 15 Meter über dem Erdboden, sind vier Ziervasen angebracht.

Ließ man bislang beim Schlendern durch den Botanischen Garten seinen Blick an der Fassade des Instituts emporwandern, sah man die Vasen nicht. Denn die zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Bildhauer Walter Resch entworfenen Zierelemente, jeweils 1,80 Meter hoch, aus massivem Kunststein hergestellt, wurden Mitte der Fünfzigerjahre entfernt.

"Mit der Zeit sind die Vasen bröckelig geworden", erklärt die Leiterin des Botanischen Instituts, Susanne Renner. Grund dafür könnte unter anderem der saure Regen gewesen sein, der den Vasen zusetzte. Jeweils vier von ihnen befanden sich auf der Vorder- sowie auf der Rückseite des Gebäudes, nach ihrer Demontage gerieten die Vasen in Vergessenheit.

Als Susanne Renner im Jahr 2003 die Institutsleitung übernahm, wusste auch sie nichts von der Existenz der insgesamt acht Zierelemente, die einst auf dem Dach des Gebäudes thronten. Eines Tages erzählte ihr ein Stadtführer davon, der viel im Botanischen Garten unterwegs ist. Daraufhin begann Renner zu recherchieren, sie sah sich alte Fotos an - und je häufiger sie ihr Institut auf alten Aufnahmen mit den Ziervasen sah, desto größer wurde der Wunsch in ihr: Die Vasen müssen zurück. Zurück aufs Dach.

Renner warb um Spenden, um das Geld für die Rekonstruktion. Die Originale gibt es nicht mehr, doch die Nachbauten sollten so exakt wie möglich an ihre Vorgänger herankommen. Renner ließ zunächst maßstabsgetreue Zeichnungen anfertigen; die Maße dafür entnahm sie den historischen Bauplänen des Botanischen Instituts. Nach dieser Vorgabe wurden dann die Vasen aus Beton gegossen und nun, knapp ein Jahr nach Renners Gespräch mit dem Stadtführer, werden die Zierstücke nun auf dem Dach des Instituts montiert. Weil die einzelnen Vasen jedoch zu schwer sind, um sie durch die engen Dachfenster auf das Vordach zu heben, ist dafür ein riesiger Kran notwendig, der sie von außen auf das Dach bugsiert.

Seit Mittwochmorgen laufen die Arbeiten, am Mittag sind die vier Vasen auf der Vorderseite des Gebäudes schon fast vollständig montiert. Zuerst wird dafür ein zwei Meter hoher Halterungsstab in der Brüstung verankert, anschließend werden die Vasen in vier Einzelteilen nach oben gehievt und dort zusammengefügt. Etwa zwei Stunden brauche man pro Vase, erklärt Bauleiter Sascha Bierschneider von der Firma Maxx, die die Vasen rekonstruiert und die Montage übernommen hat: "Wir liegen gut in der Zeit."

Schwieriger als an der Fassade werden die Arbeiten auf der Rückseite des Instituts. Denn der tonnenschwere Kran kann nicht im Garten positioniert werden, dort würde er gewaltigen Schaden anrichten. Also müssen die Vasenteile über die 40 Meter hohe Kuppel gehoben werden. Damit das funktioniert, sind Bierschneider und seine Kollegen mit einem extra großen Gerät angerückt: Ihr Kran kann auf bis zu 60 Meter ausgefahren werden. Donnerstagmittag sollen die Arbeiten abgeschlossen sein; bis dahin würde sich Renner freuen, wenn noch der ein oder andere Zuschauer kommen würde. "Das ist schon spektakulär", sagt sie.

Günstig ist die Rückkehr der Vasen nicht: Mehrere Zehntausend Euro kosten Rekonstruktion und Montage. Allein die Zeichnungen, mit deren Hilfe die Zierstücke wiederhergestellt worden sind, haben knapp 4000 Euro gekostet. Doch für Renner und die Spender ist klar, dass sich diese Kosten lohnen. "Die Vasen gehören dort einfach hin", sagt Renner.

Unterstützt wurde sie bei ihrem Vorhaben unter anderem vom Bezirksausschuss Neuhausen-Nymphenburg und der Ludwig-Maximilians-Universität, zu der das Institut gehört. Renner war selbst erstaunt, wie schnell sie die notwendigen Genehmigungen bekommen hat, "das ging alles ganz fix". Nun hofft sie, dass sich die Vasen nach der erfolgreichen Montage länger halten werden als ihre Vorgängermodelle.

© SZ vom 10.09.2020

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