Porträt:Vom BWLer zum Bariton-Star

Porträt: Regensburg, Augsburg, München, London: Der Oberpfälzer Benjamin Appl feilt an einer internationalen Karriere.

Regensburg, Augsburg, München, London: Der Oberpfälzer Benjamin Appl feilt an einer internationalen Karriere.

(Foto: David Ruano)

Der Regensburger Benjamin Appl ist ein Sänger mit feinem Timbre und großer Gestaltungskraft. Nun gibt es eine neue CD mit Schubert-Liedern.

Von Klaus Kalchschmid

Glücklicherweise ist man Sitzriese, denn mit 1,96 Meter ist Benjamin Appls Größe schon ein wenig furchteinflößend. Aber so kann man auf Augenhöhe dem 1982 in Regensburg geborenen Bariton begegnen, wenn er sonor in charmantem Oberpfälzer Akzent zu erzählen beginnt.

Schnell umkreist das Interview die neue CD mit dem Münchner Rundfunkorchester unter Leitung des 27-jährigen Oscar Jockel. Sie enthält Schubert-Lieder in Orchesterfassung verschiedener Komponisten wie Brahms, Reger, Webern oder Britten. Appl hat da durchaus eine Botschaft: "Ich singe diese Lieder mit Orchester oft in Konzerten. Denn möglicherweise erreiche ich da jemanden, der sonst nur ins Orchesterkonzert oder in die Oper geht. Vielleicht wird er neugierig, findet das spannend und kommt auch mal in einen Liederabend."

Schon früh hat Benjamin Appl bei den Regensburger Domspatzen viel gelernt: "vom Blatt singen, Musiktheorie, sich durch die vielen Reisen auf andere Menschen einlassen." Einiges musste sich Appl, der mit 16 fast bruchlos von der Knaben- zur Männerstimme im Chor wechselte, wieder abtrainieren, wie das aufeinander Hören und Abwarten. Stattdessen galt es nun "einen eigenen Ton, ein eigenes Vibrato, selbstständige Klangfarben und eine individuelle Aussage zu finden".

Schon damals gab es die Überlegung, vielleicht irgendwann Gesang zu studieren. Erst einmal waren da jedoch die Banklehre und ein BWL-Studium. Nach anderthalb Jahren genügte Appl die trockene Materie nicht mehr und "das Arbeiten an inneren Welten fehlte mir komplett, aber ich wollte das abschließen und zugleich Gesang studieren". In München erlaubte man ihm das nicht. Also pendelte Appl zwischen Regensburg mit BWL und Augsburg mit Gesang.

Dann war er an der Theaterakademie August Everding in München, bis er 2010 ein Aufbaustudium in London begann, auch um Englisch zu lernen. Bald war eine Entscheidung gefragt: "Bis 2015 bekam ich immer wieder lukrative Angebote meiner Bank, deren Chef einen Narren an mir gefressen hatte und mich wohl zu seinem Nachfolger aufbauen wollte. Das war an Tagen, wo die Stimme nicht so rund oder ein Vorsingen gar nicht lief, schon sehr verlockend."

Von 2013 an, da war Appl 31 Jahre alt, lief es immer besser, der Live-Mitschnitt vom März 2015 aus der Wigmore Hall mit einem reinen Schubert-Programm ist eine schöne Visitenkarte. Appl bekam immer mehr Engagements und realisierte, dass er wohl auch vom Singen würde leben können.

"Heimat", anderthalb Jahre später im Studio aufgenommen, enthält ein sehr intelligent gemischtes Programm wie auch "Forbidden Fruit" vom Beginn diesen Jahres. Da singt er unterschiedlichstes, aufeinander bezogenes Repertoire mit einem feinen, aber durchaus virilen Timbre und einer großen Kraft der Gestaltung.

Seinen Lebensmittelpunkt hat er derzeit in London

Eine "Winterreise" gibt es ebenfalls auf CD, aber leider nicht auf DVD den Film der BBC mit einer spektakulären Version, die im Schweizer Fernsehen wie in England Furore gemacht hat. Schauplatz war der Rote Turm auf dem höchsten Punkt des Julierpasses in Graubünden mit seinen 2284 Metern. Für fünf Jahre diente er als temporäres Kulturzentrum. Appl nutzte für die Audiospur nicht einfach seine CD, sondern nahm alles noch einmal live in Bild und Ton auf, teilweise von seinem Pianisten James Baillieu, mit dem er ohne Worte harmoniert, zehn Meter weit entfernt. Teilweise auf einem anderen Level im Turm und oft ohne Blickkontakt. Manchmal musste er gar draußen bei minus 18 Grad nach ein paar Stunden Warten im Schneesturm singen: "Ich hatte einen Knopf mit der Klavierstimme im Ohr und ein kleines, an der Schläfe angeklebtes Mikro."

Der Film war für den 23. Dezember angekündigt, aber "zwei Wochen zuvor hab ich die Reißleine gezogen und gesagt: Der Film kommt nicht raus." Dann wurde alles erneut überarbeitet und die Erstsendung fand eben erst im Februar statt. Die Reaktionen waren durchweg positiv und auch über diesen Film kamen Menschen mit dem Lied in Berührung, die noch nie live Schubert-Lieder gehört hatten.

Dass Appl seinen Lebensmittelpunkt (noch) in London hat, liegt auch an der Bedeutung des Liedgesangs in dieser Stadt, denn "es gibt hier immer noch sehr viele Menschen mit jüdischen Wurzeln, die in Deutschland aufgewachsen sind. Und für die ist das deutsche Lied immer noch eine schöne Erinnerung an 'Zuhause'."

Das hat ihm auch Dietrich Fischer-Dieskau erzählt, dessen letzter Schüler er war. "Da haben bei seinen Liederabenden viele den ganzen Abend den Text lippensynchron stumm mitgesprochen." Das wurde an die Kinder weitergegeben, aber Appl betont auch: Als ich in London zu studieren begann, habe ich jede Möglichkeit wahrgenommen, Liederabende zu singen, auch mal nur vor 20 alten Damen im Saal. So habe ich mein Repertoire ausprobiert und mir mit der Zeit mein Publikum ersungen".

Benjamin Appl bei den Münchner Philharmonikern, mit Werken u.a. von Fauré, Samstag, 7. Oktober, 19 Uhr, und Sonntag, 8. Oktober, 11 Uhr, Isarphilharmonie, www.mphil.de

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