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Rechtsextremismus:"Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsrevisionismus haben Fuß gefasst"

Mahnmal "Gebeugter, leerer Stuhl" in Obermenzing, 2016

Das Mahnmal in Obermenzing wurde an Ostern geschändet.

(Foto: Catherina Hess)
  • Vor dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau häufen sich antisemitische Vorfälle.
  • Zudem machen Neonazis auf dem Max-Joseph-Platz eine Kundgebung mit 20 Teilnehmern, um an einen Holocaust-Leugner zu erinnern.

Die Häufung mag dem Zufall geschuldet sein - doch eine ganze Reihe antisemitischer Vorfälle im zeitlichen Zusammenhang mit dem Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Dachau lässt aufhorchen. Trauriger Tiefpunkt ist die Schändung eines Mahnmals für deportierte und ermordete Juden an der Obermenzinger Kirche "Leiden Christi". Der Staatsschutz der Polizei ermittelt, nachdem Unbekannte dort während der Osterfeiertage SS-Runen mit weißer Farbe angebracht hatten.

Es ist ein "gebeugter, leerer Stuhl", den die Künstlerinnen Blanka Wilchfort und Marlies Poss im Jahr 2016 an der katholischen Pfarrkirche aufgestellt haben. Die Stahl-Skulptur besteht aus einem leicht nach vorne gekippten Stuhlobjekt auf verlängerten Füßen mit einer Höhe von 4,50 Metern. "Die Schieflage der einstigen - nun mehr leeren - Sitzfläche symbolisiert die Vertreibung beziehungsweise Vernichtung der Opfer, deren Platz danach leer blieb", so die Künstlerinnen. Auf dem Sockel der Skulptur erinnert eine Inschrift an die vertriebenen, deportierten und ermordeten jüdischen Bürger aus Obermenzing. Dort haben die mutmaßlich neonazistischen Täter ihr Erkennungszeichen hinterlassen: die Doppel-Sigrune der SS in weißer Sprayfarbe, 20 auf 20 Zentimeter groß. Das Staatsschutzkommissariat der Kriminalpolizei hat Ermittlungen aufgenommen und hofft auf Hinweise von Zeugen (Telefon 089/2910-0).

Am 29. April vor 74 Jahren befreiten US-amerikanische Truppen die Überlebenden des Konzentrationslagers Dachau. Erst am Mittwoch hatte die Leiterin der Gedenkstätte im ehemaligen Konzentrationslager Dachau, Gabriele Hammermann, der Deutschen Presse-Agentur gesagt, dass ihre Einrichtung zuletzt verstärkt das Ziel verbaler Angriffe gewesen sei. "Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsrevisionismus haben in Teilen der Gesellschaft Fuß gefasst", urteilt Hammermann.

Rechtsextreme provozieren am Platz der Opfer des Nationalsozialismus

Neonazis und andere rechte Gruppierungen nutzen diesen Rechtsruck für gezielte Provokationen. So trafen sich am Donnerstagabend auf dem Max-Joseph-Platz 20 Demonstranten zu einer Kundgebung, um an einen Holocaust-Leugner zu erinnern. Aufgerufen hat dazu auch die rechtsextreme Splittergruppe "Der dritte Weg", die am Montag mit einem Plakat ("Reserviert für Volksverräter") ausgerechnet am Platz der Opfer des Nationalsozialismus provozierte. Die Grünen und die Linke erstatteten Anzeigen bei der Polizei. Das Kreisverwaltungsreferat hat zudem ein Bußgeldverfahren "wegen Belästigung der Allgemeinheit" eingeleitet.

Harsche Kritik mussten am Donnerstag die Betreiber des "Backstage" für ihr Programm einstecken. Am 1. Mai sollten dort zwei polnische Bands auftreten, die dem Umfeld der rechtsradikalen, in Teilen antisemitischen NSBM-Szene zugerechnet werden. Das Kürzel steht für National Socialist Black Metal. Das Linke Bündnis gegen Antisemitismus forderte den Hallenbetreiber in einem offenen Brief auf, das Konzert der Bands "MGLA" und "Deus Mortem" abzusagen. Einer der Musiker habe etwa mit seiner früheren Band "Leichenhalle" Songs veröffentlicht mit Titeln wie "Judenfrei" oder "Jerusalem in Flames", ein anderer sei ebenfalls Mitglied einer Band, die gegen Juden hetzt.

Backstage-Geschäftsführer Hans-Georg Stocker erfuhr nach eigenen Angaben erstmals im Lauf des Tages von den Vorwürfen. "Wenn das stimmt, dann wird das Konzert nicht stattfinden", sagte er am Donnerstagabend in einer ersten Reaktion. Das sei "eine Selbstverständlichkeit". Von der Agentur der Bands habe er eine Stellungnahme angefordert. Es müsse eindeutige rote Linien geben, so Stocker.

Am Freitag sagte Backstage-Geschäftsführer Hans-Georg Stocker das Konzert der Bands MGLA und Deus Mortem dann endgültig ab. Er begründete das unter anderem damit, dass Mitglieder der von der Hauptband ausgesuchten Supportband Deus Mortem auch bei der polnischen antisemitischen Neonaziband Infernal War spielen, "die wir in der Vergangenheit bereits (...) ausgeladen haben, nachdem wir von deren widerlichen antisemitischen Äußerungen (...) erfahren haben." Stattdessen will Stocker am 1. Mai im freigewordenen Backstage-Werk nun ein Soli- und Benefizkonzert gegen Antisemitismus organisieren.

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