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Münchner Momente:Sakrament zum Selbermachen

Der Do-it-yourself-Trend erreicht die Kirche: Kardinal Marx und seine Bischöfe starten vor Allerheiligen einen ungewöhnlichen Aufruf

Kolumne von Stefan Simon

Der Trend zum Selbermachen hat sich in der Corona-Krise noch verstärkt. Kurzarbeit und Home-Office, weniger Geld und viel mehr Zeit - faszinierend, welche Talente da aus Nachbarn hervorbrechen, von denen man immer dachte, sie könnten nur zu unchristlichen Zeiten Rasen mähen und anderweitig lärmen. Das Streichen von Wänden und Fassaden ist da noch das Geringste. Es wurde auch genäht wie lange nicht; na gut, nur Masken, aber sie passten gut zu den Plexiglasarbeiten der Supermarktkassierer. König aller Heimwerker ist jedoch der Mann von gegenüber. Er goss ein Fundament in seinen Garten, und darauf platzierte er einen Pool von einer Größe, dass man darin die Schwimmwettbewerbe der abgesagten Spiele von Tokio hätte austragen können. Nur leider war dann für weitere olympische Wettkampfstätten kein Platz mehr übrig.

Auch Kardinal Reinhard Marx ist mit seinen Bischöfen nun auf den DIY-Zug aufgesprungen. Genau vor Allerheiligen rufen sie zu einem sakramentalen Do-it-yourself auf: Gläubige sollten "ermutigt werden, selbst mit Weihwasser die Gräber zu segnen", heißt es in der Mitteilung. Überraschend kommt das nicht. Das Virus, schon klar. Auf manchem Friedhof kam der Pfarrer an Allerheiligen aber schon ante coronam natum nur noch aus dem Lautsprecher statt selbst vorbei. Der Weg durch Gräberreihen ist beschwerlich, der Kirche fehlt der junge Nachwuchs, da muss man wohl Verständnis haben und selbst zum Aspergill greifen. Der Versandhandel bietet verschiedene Modelle zu 17,90 Euro aufwärts an.

"Für Gottesdienste im Freien und den Gräbergang an Allerheiligen sollen technische Möglichkeiten voll ausgeschöpft werden", kündigen die Bischöfe an. Das wird manchen Heimwerkerkönig gewiss herausfordern, aber was immer man sich da vorstellen könnte, ist sicher nicht gemeint. Oder? Es gab ja auch schon eine "Roman Catholic App" zum Beichten. Sie führte Schritt für Schritt durch die Zehn Gebote, abhängig von Alter, Geschlecht und Familienstand. Was aus ihr wurde, weiß nur der liebe Gott. Aber der Weg zu Robo-Priest, dem voll digitalisierten Pfarrer, ist sicher nicht mehr weit. Wer das nicht glaubt, dem sei gesagt: Unwissenheit ist manchmal ein Segen. Und den kann sich jeder selber spenden.

© SZ vom 06.10.2020
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