Theater:Kolonialposse

Theater: Sechs Frauen und ein Krokodil in einer verworrenen Geschichte des Nichtverstehens.

Sechs Frauen und ein Krokodil in einer verworrenen Geschichte des Nichtverstehens.

(Foto: Sandra Then)

"Bavaria": Der chilenische Autor und Regisseur Guillermo Calderón inszeniert sein eigenes Stück im Marstall des Residenztheaters.

Von Egbert Tholl

Vielleicht ist die schönste Geschichte an diesem Abend die von den Nilpferden. Nilpferde gibt es eigentlich nicht in Südamerika. Doch der Drogenboss Pablo Escobar unterhielt in Kolumbien einen Privatzoo. Aus diesem büchsten nach seinem Tod die Nilpferde aus. Erst waren es vier, jetzt sind es viele, und auf der Suche nach dem Nil kamen sie schon bis nach Paraguay. Ähnlich orientierungslos, wenn auch überhaupt nicht nilpferdig, verhalten sich die sechs Frauen, die im Marstall des Residenztheaters ihr Glück suchen, vielleicht in Paraguay, in Chile oder in Bayern. Finden werden sie es nicht. Dafür Krokodile.

Der chilenische Autor und Regisseur Guillermo Calderón schrieb im Auftrag des Residenztheaters sein Stück "Bavaria" und inszenierte es auch gleich selbst. Es ist die sehr eigenwillige Aufarbeitung der deutsch-chilenischen Kolonialgeschichte (die ersten deutschen Familien kamen 1846 nach Chile), es ist eine verworrene Geschichte des Nichtverstehens, ein mäanderndes Geflunkere (geht es jetzt um Chile oder Paraguay oder ist das aus deutscher Sicht eh wurscht?), und hinter allem schwebt im Hintergrund die Erinnerung an die Colonia Dignidad. Die gründete der Sektenführer Paul Schäfer 1961 im chilenischen Nirgendwo, vergewaltige dort Hunderte Jungen und öffnete das festungsartige Areal den Folterschergen der Pinochet-Militärdiktatur. 1991 benannte Schäfer die Colonia in "Villa Baviera" um, wohl als Hommage an Franz Josef Strauß - wenn ein Stück von seltsamen Deutschen in Chile handelt, denkt man das unweigerlich mit.

Calderón erfindet sechs Frauen, die ein Chor sind und keine Sekte sein wollen. Sophia Sylvester Röpcke packt sie in ethnoesoterische Gewänder und baut einen engen Raum voller räucherstäblicher Insignien um sie herum, Stephen Delaney hat für sie Musik neu arrangiert. Und so singen sie lieblich deutsche und bayerische Volkslieder, spanische auch und welche auf Guaraní, das spricht man in Paraguay, aus dem Off jodelt Miene Costa. Eine der sechs, die Eva, hat ihren Mann auf bizarre Weise umgebracht (oder auch nicht), auf jeden Fall besitzt sie jetzt sechs Casinos und zwei Diamantenminen, und so wie Barbara Horvath das spielt, kann man sich gut vorstellen, dass des verblichenen Gatten Geschäfte nicht sehr koscher waren.

Geld ist also vorhanden, und damit wollen die sechs nach Paraguay oder Chile, was aufbauen, gründen, auch was gut machen, auch fliehen vor der Corona-Impfung, vielleicht bleiben sie aber auch in Bayern. Die Haltung jeder Einzelnen wechselt im Zufallsmodus, keine steht konsequent für irgendwas, fast jede hat mal einen Ausbruch, was im Verlauf der erstaunlich langen eineinhalb Stunden bemerkenswert ermüdend wirkt.

Auch der Witz, anfangs großartig, dünnt aus, verliert sich im Ungefährem, weil Calderón zu viel will und zu wenig macht - am besten kann man sich am herrlich staubtrockenen Humor von Barbara Melzl orientieren. Die vielen Anspielungen, Ideen, Haltungen, Lügengeschichten bilden ein unentwirrbares Knäuel, das man mit deutlich abnehmenden Interesse betrachtet. Aber vielleicht kapiert man auch einfach chilenisches Theater nicht.

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