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Armut:Auch Arbeit schützt nicht vor der Armut

Überhaupt ist es keineswegs so, dass Arbeit vor Armut schützt. Das Einkommen in den unteren Lohngruppen ist nicht selten so gering, dass es über kurz oder lang in den Ruin führt. Arbeitgeber wiederum sparen sich Tariflöhne, indem sie schlechter bezahlte Leiharbeiter beschäftigen. Kurzum: Der deregulierte Arbeitsmarkt bringt immer mehr erwerbstätige Arme hervor. Auf der anderen Seite steigen die Einkünfte der Wirtschaftselite ins Unermessliche.

"Die Schere zwischen Arm und Reich geht zunehmend auseinander", klagt Karin Majewski, die Geschäftsführerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Oberbayern. "Die Altersarmut nimmt enorm zu, kinderreiche Familien sind von Armut bedroht, ganz besonders auch Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund." Die Situation werde sich noch verschärfen, denn die Renten von Menschen, die wenig verdienen, werden unterhalb der Armutsgrenze liegen - selbst wenn sie Vollzeit gearbeitet haben. Ihr Weg ist vorgezeichnet: Eines Tages wird es für die Miete nicht mehr reichen, sie müssen raus aus der Wohnung, raus dem Viertel, und womöglich aus der Stadt. Auch so verschwindet Armut.

Medizin Arm und stumm
Medizin

Arm und stumm

Menschen werden krank, weil sie arm sind - und sie werden arm, weil sie krank sind. Um diesen Kreislauf zu beenden, braucht es mehr als nur gute Ärzte.   Reportage von Felix Hütten

Weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber einem skandalösen Zustand

Man muss sich das noch einmal vor Augen führen: Mehr als 250 000 Münchner leben in prekären Verhältnissen - das sind fast so viele Leute, wie Augsburg Einwohner hat. Wie lange kann ein Gemeinwesen diesen Zustand aushalten? Die städtische Sozialpolitik, die gewiss verdienstvoll ist, wird es allein nicht richten können. Läge man völlig daneben, wenn man sagte: Dass sich die Armen verborgen halten, kommt den Reichen zugute. Was nicht sichtbar ist, muss einen auch nicht weiter kratzen.

Gewiss, es gibt großzügige Spender, es gibt Charity-Veranstaltungen, bei denen einiges zusammenkommt, und der nun beginnende Advent ist die Hochzeit dieser Wohltätigkeit. Aber es gibt auch eine weit verbreitete Gleichgültigkeit gegenüber einem skandalösen Zustand - vielleicht auch deshalb, weil er nicht als bedrohlich empfunden wird. Von Menschen, die sich schamhaft zurückziehen, ist kein kollektiver Aufstand zu erwarten - anders als von der Arbeiterklasse früherer Zeiten, die, demselben Milieu entstammend, sich leichter tat, solidarisch zu sein.

Es wird Zeit, wieder genauer hinzuschauen - und etwas zu tun

Abgesehen davon, dass es zynisch wäre, sich auf die Wehrlosigkeit des sogenannten Prekariats zu verlassen: Ist in dieser Sache nicht einiges in Bewegung geraten, in den USA und in Europa - und zwar in die falsche Richtung? Sagen nicht immer mehr Menschen, die sich abgehängt fühlen: Wenn ihr uns links liegen lasst, dann pfeifen wir auf eure Institutionen, eure Demokratie, eure Werte? Längst ist offensichtlich, dass die Ausgegrenzten und Verzweifelten empfänglich sind für die kruden Sprüche von AfD-Politikern und anderen rechten Populisten.

Einfach ein Fünftel der Einwohner als hoffnungslose Masse abzuschreiben, hieße nichts anderes, als sie den völkischen Demagogen zu überlassen. Dies wäre das Letzte, was sich eine Gesellschaft, die sich Werten wie Gerechtigkeit und Humanität verpflichtet fühlt, erlauben dürfte. Lange genug hat sich das von der neoliberalen Ideologie gepflegte Urteil gehalten, Armut beruhe auf mangelnder Leistungsfähigkeit, sei folglich privates Missgeschick. Es wird Zeit, wieder genauer hinzuschauen - und etwas zu tun.

Ungleichheit in Deutschland Armut gibt's in Deutschland doch gar nicht
Die Recherche

Ungleichheit in Deutschland

Armut gibt's in Deutschland doch gar nicht

Eine Frau, ein Mann: Sie verdient etwa dreimal so viel wie er - bei weniger Arbeitszeit. Unfair? Ein Gespräch über Armut, Reichtum und die Frage, ob man alles schaffen kann, wenn man nur will.   Interview von Pia Ratzesberger und Felix Hütten