Architektur Was die "Alte Akademie" so besonders macht

Beim Wiederaufbau der Fassade folgte Architekt Josef Wiedemann der originalen Renaissance-Architektur des späten 16. Jahrhunderts.

(Foto: Stefanie Preuin)

Der Freistaat liefert die geschichtsträchtigen Gemäuer in der Fußgängerzone dem Gewinnstreben eines Investors aus. Doch die Aura ist schon lange weg.

Von Wolfgang Görl

Da und dort bröckelt der Putz von der Fassade, was anderen Gebäuden eine romantische Aura verleiht, und vielleicht wäre es auch hier so, würde der Blick nicht unweigerlich auf die große Leuchtreklame fallen, die neben dem Portal prangt. "Urban Outfitters" steht da zu lesen, und es ist, als hätte die schöne neue Businesswelt ihr Hoheitszeichen auf das Bauwerk gesetzt, dessen Geschichte zurückreicht bis ins 16. Jahrhundert - ein leuchtendes Signal der Shopping-Kultur, welches besagt: Das gehört jetzt uns! Dabei ist der schlicht eingerichtete Modeladen, in dem vor allem jungen Leute nach coolen Klamotten Ausschau halten, ja nur ein Vorgeschmack auf das, was da kommen wird.

Den weitläufigen Gebäudekomplex an der Neuhauser Straße, den die Münchner unter dem Namen "Alte Akademie" kennen, hat der Freistaat für 230 Millionen Euro dem österreichischen Immobilienkonzern Signa, hinter dem der Investor René Benko steht, auf 65 Jahre im Erbbaurecht überlassen. Investoren, das ist ihre Natur, möchten Rendite sehen, und so wird die Alte Akademie, die zu den wichtigsten Monumenten der Münchner Geistes- und Gesellschaftsgeschichte zählt, zu einem Objekt des Gelderwerbs im großen Stil.

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Das muss nicht zwangsläufig in ein kulturelles oder städtebauliches Desaster führen, es mag sogar sein, dass die geplante Mixtur aus Einzelhandel, Gastronomie, Büros und Wohnungen dem Ensemble der Münchner Premium-Shopping-Paläste eine weitere Attraktion hinzufügt, zumal ja auch im Innenhof, wie es heißt, "attraktive Rückzugzonen" entstehen sollen. Und dennoch darf man fragen, ob den verantwortlichen Politikern nichts Besseres einfällt, als ein derart geschichtsträchtiges Gemäuer dem privaten Gewinnstreben auszuliefern.

Worin aber liegt die historische Bedeutung der Alten Akademie? Dies zu ergründen, bedarf es eines Blicks in die Luther-Zeit, in die Jahre um 1520, als die Lehre des Reformators auch in München immer mehr Anhänger fand. 1522 stellten sich die bayerischen Herzöge in Opposition zu Luther auf die Seite der römischen Kirche, einige Münchner Protestanten wurden sogar hingerichtet.

Allmählich aber dämmerte es den bayerischen Herrschern, dass mit drakonischen Zwangsmaßnahmen allein dem katholischen Glauben, als dessen Schutzherren sie sich verstanden, nicht gedient ist. Die römische Lehre bedurfte der Auffrischung, sie musste sich wieder ausbreiten in den Köpfen der Untertanen, und dafür waren die Jesuiten die richtigen Leute. Bereits 1549 unterrichten die ersten jesuitischen Gelehrten an der Universität Ingolstadt, zehn Jahre später holte Herzog Albrecht V. einige Patres nach München, die in einem Flügel des Augustinerklosters unterkamen und wenig später den Lehrbetrieb aufnahmen.

Unter Albrechts Sohn Wilhelm V., der seit 1579 regierte, kam der Jesuitenorden in den Genuss, seine geistige und geistliche Vorherrschaft in fürstlicher Weise zum Ausdruck zu bringen. 1583 legte der Herzog den Grundstein zum Bau der von ihm gestifteten St. Michaelskirche, auf deren Schaufassade sich die Wittelsbacher als Verteidiger des rechten, mithin katholischen Glaubens feiern. Zwei Jahre später begannen die Arbeiten für das benachbarte Jesuitenkolleg, das "Wilhelminum", das heute unter "Alte Akademie" firmiert.

Federführend war wohl der niederländische Baumeister Friedrich Sustris, aber auch der Künstler Wendel Dietrich und der Steinmetz Wolfgang Müller wirkten maßgeblich mit. Für den gewaltigen Renaissancekomplex, der als Manifestion der Gegenreformation unübersehbar war, wurden 34 Bürgerhäuser abgerissen, was in der Stadt erheblichen Unmut hervorrief.

Kolleg, Kloster und Kirche erstreckten sich auf einem riesigen Geviert zwischen der heutigen Ett-, Maxburg- und Kapellenstraße sowie der Neuhauser Straße. Ein Zeitgenosse schrieb: "Das Jesuitische Collegium belangend, hat solches eine überaus große Weitin, das der Größe halber wohl ein König darin Hof halten kundte, mit unterschiedlich großen Höfen und Gärten, groß und kleinen Zimmern in starker Anzahl, hübschen Refectoriis, Speiszstuben, Schulen, Sälen mit Tafln geziert, darin die Jugend alle Tag Meß, bisweilen auch Predigt höret. Hat dieses Collegium 800 Kreuzfenster, und wie mir der Rector sagt, so ist dieses nach dem Escurial in Spagna das furnembste Collegium in ganz Europa, darumben diese Patres alle allein Ihrer Durchl. dem Herzog Wilhelm zu danken haben."